Montag, 29. Juni 2026

Über Sadismus, Bürokratie, Beamte, Armut, KI; Analyse der Gegenwart Teil, 8

Meine einzige Freundin im echten Leben, die ich auch regelmäßig treffe, bezieht seit langem Notstandsbeihilfe. Aktuell kümmert sie sich darum, einen Behindertenpass zu bekommen (sie rechnet so mit ca. 30%). Und es hat auch enorme Probleme gegeben bei der Verlängerung der Befreiung von der Rezeptgebühr. Außerdem ist sie anspruchsberechtigt beim sozialen Stromtarif und auch dort läuft nicht alles glatt, man kann ihre Zählpunktnummer nicht ihrem Namen zuordnen, was eigentlich genauso irre wie unmöglich ist. Sie hat mich gebeten, hier zwei ihrer Probleme zu schildern. Die echte Bürokratie in Österreich liegt immer noch an bzw. in den Ämtern, die überbesetzt sind und die das Wort "Arbeit" noch nie gehört haben. Sie schreibt sinngemäß:

"Man wird in Österreich von Pontius zu Pilatus geschickt bis man aufgibt. Ich versuche nun seit Mitte Mai meine Rezeptgebührenbefreiung zu verlängern. Per ID-Austria hat es Mitte Mai zuerst leider nicht geklappt. Glücklicherweise habe ich Anfang Juni angerufen und nachgefragt, man meinte, man hätte nie etwas erhalten. Also habe ich ein Mail an o.@oegk.at geschickt, wie man mir erlaubt hat. Dort ist es auch liegen geblieben, glücklicherweise habe ich ERNEUT nachgefragt. Man hat mir die Mailadresse g.@oegk.at gegeben, diese wäre eine "schnellere". Eine Antwort habe ich von m.@oegk.at erhalten, ich möge doch ein Formular ausfüllen - ein Formular, das ich bereits Ende Mai ausgefüllt hatte. Man wird also beinhart und eiskalt im Kreis geschickt, mit uns dummen kleinen Arbeitslosen ohne Lobby kann man es ja machen. Es geht da ja immerhin auch um meine GIS-Befreiung und um meinen Strom-Sozialtarif. Lustigerweise bekam ich nach einem leicht bösen Mail eine Stunde später die Bestätigung für die Verlängerung. Vielleicht hat man Schiss bekommen, auch weil ich den ganzen Schmafuh an die Volksanwaltschaft weitergeleitet habe, vielleicht ist man sich endlich selbst blöd vorgekommen nach diesem Theater.

Weiters habe ich um eine Behinderung angesucht mit der Unterstützung des ÖZIV. Wir haben meine Befunde tip top kopiert und nach Linz geschickt. Von dort wurden sie offensichtlich in schleißigster Art und Weise per Fax oder sonstwie nach Graz in die B.straße geschickt. Per ID-Austria kam die Nachricht, die Unterlagen wären nicht lesbar. Meine Mutter, die seit 30 Jahren eine Firma innehat und jeden Tag Dokumente kopiert und abschickt, hat mir meine Befunde erneut kopiert und wir haben sie wieder nach Linz geschickt. ERNEUT kamen sie irgendwie und unlesbar nach Graz. Ein äußerst unhöflicher und präpotenter Anruf einer Fr. F. aus der B.straße war die Folge, wir wären quasi zu blöd, ordnungsgemäß Dokumente zu schicken. Fuchsteufelswild hat meine Mutter bei der präpotent-faulen Fr. F angerufen. Daraufhin habe ich meine Befunde eingescannt, krank und mit Fieber, und an eine Mailadresse in Graz geschickt. Die Antwort ist bis dato offen. Die Politik lebt den Sadismus gegen Armutsbetroffene vor (wobei ich dazusagen muss, dass ich nicht Armutsbetroffen bin), die Beamten machen es ihnen nach."

Ja, an Ämtern herrscht noch immer das alte Paradigma, als Bürger*in wäre man in erster Linie Bittsteller*in, egal, ob ein gesetzlicher Anspruch auf eine Leistung besteht oder nicht. Es herrscht das Dogma "Freundlichkeit ist Schwäche", es regiert der Befehl "Friss oder stirb": kapitalistisch-neoliberale Bürokratie verlangt nach dem Kadavergehorsam der "untergeordneten" Bevölkerung. Wie es die Politik vorlebt, buckelt man nach oben und tritt man nach unten. So ein Verhalten ist beschämend in jede Richtung. Die Rettung ist aber nicht (noch mehr) KI. Die Rettung ist ein Personal, das nicht mehr verbeamtet ist, das nach Leistung bezahlt wird, das den Computer als Hilfsmittel einsetzt und das nicht unter- oder überfordert ist. Ja, Beamte sind der einzige Berufszweig bei denen ich für mehr inneren Wettbewerb plädiere, denen geht es in Österreich und Deutschland noch immer viel zu gut, vor allem auch bei den Pensionen bzw. Renten, die haben keine Ahnung von den Lebensrealitäten der echten Menschen.

Weiters ist ein riesen Problem, dass es viel zu viele Stellen/Behörden/Körperschaften gibt, die bei einem einzelnen Thema mitreden. Beispiel Bürgeranwalt-Sendung vom 27.06.2026. Es geht um das Problem, dass ein Behindertenausweis in einem abgestellten Auto liegen muss, selbst wenn das Auto am via Kennzeichen reservierten Parplatz steht. Bei einer Änderung der Straßenverkehrsordnung, genauer: es geht um die Einführung des EU-Behindertenpasses, sprechen mindestens mit: Nationalrat, Bundesrat, Städte- und Gemeindebund, Innenministerium, Sozialministerium, Verkehrsministerium. Das Thema läuft seit 11 (in Worten ELF!!) Jahren! Ähnlich sieht es aus beim Thema Schulen, wo es eine mehr als absurde Zersplitterung etwa über die Bildungsdirektionen gibt, Zersplitterungen zwischen Ländern, Gemeinden und Bund, etwa wenn es um Finanzierungen und Lehrpläne usw. geht. Es ist ein rechtsstaatliches Desaster, da natürlich alle rechtspolitischen Prozesse im Parlament, genauso wie alle juristischen Prozesse vor den Gerichten, dadurch ewig dauern. Wenn immer ein halbes Dutzend "Stakeholder" mitredet, dann sind das zu viele! Es ist ein ebensolches Desaster, da man, bei aller Liebe zu Kompromissen und Pluralität, bei manchen Themen NIE auf einen grünen Zweig kommt. Je mehr staatliche Stellen und damit Besitzstandswahrer mitreden, desto unmöglicher wird es, jemals zu einer positiven Entscheidung zu kommen, zu einer Verbesserung für die Menschen. Keine Gruppe gibt nach, man blockiert sich gegenseitig, deshalb ist Österreich (und bei weitem nicht nur unser Land) dermaßen unreformierbar. Dieser Missstand beschäftigt Zehntausende Beamte und Vertragsbedienstete und Politiker*innen, die ausschließlich damit beschäftigt sind, Bürokratie zu produzieren und alle Entscheidungen bis zum Sankt Nimmerleinstag aufzuschieben. Leider hat der Staat die Tendenz, sich immer weiter auszubreiten, er 'hypertrophiert'. Und dabei helfen ihm ja nicht nur Beamte und Politiker*innen sowie der neoliberale Kapitalismus, sondern auch Privatmenschen, die mithilfe von Bürokratie ihren Status verkörpern und reproduzieren - meistens sind das Gatekeeper von staatlichen Leistungen. Die Lösung ist, einfach gesprochen, vereinfacht gesprochen: weniger Stellen für einzelne Kompetenzen, bestenfalls EINE einzelne Stelle für EINE einzelne Kompetenz! Dann alle Beamte auf den freien Arbeitsmarkt verweisen, der Staat würde sich Milliarden einsparen. Hierhergehört auch der Sadismus der Bevölkerung untereinander. Manche primitive patzige Personen freut es einfach, anderen Menschen etwas zu verbieten oder nicht zu gönnen, was sie selbst nicht haben können oder was sie nicht "verstehen". Gleiche Sendung Bürgeranwalt: Sonnenschutzfenster in einer Haus-Eigentümergemeinschaft. Man erkennt keinen Unterschied zu den alten Fenstern - dass man (zwei Eigentümerparteien) diese der Frau verbieten möchte, ist blanker Sadismus. Einerseits ist Mitsprache in einer Demokratie natürlich richtig und wichtig, vor allem, wenn es um Lärm, Geruch oder andere Imissionen geht; wenn es aber um die Gesundheit oder um den Ausbau Erneuerbarer Energien (Windkraft) oder von Bahnstrecken geht, dann sollten da meiner Meinung nach weniger Behörden und Personen Parteienstellung haben. Für alle Fälle gilt: simpler ist besser. 

Aus Sicht der Wirtschaft: das echte Problem mit überbordender Bürokratie ist erst mit der Digitalisierung bzw. mit Industrie 4.0 aufgekommen. Bis dahin hat man immer alles ausgedruckt und in Heftordnern abgelegt. Alles gab es schriftlich: Verträge, Bestellungen, Anbote, Offerte usw. Mit der Digitalisierung kam der Computer. Man musste ab da also zweigleisig fahren: alles auf den PCs erledigen, etwa über SAP. Da man aber weder Computern, noch Intranetzen, noch heutzutage WLANs oder dergleichen vertrauen kann, blieb man parallel beim Ausdrucken aller wichtigen Unterlagen/Dokumente. Das heißt also, dass man heute die doppelte Arbeit hat als früher, aber nicht den doppelten Output bekommt. Nicht verschweigen möchte ich natürlich auch den Dokumentationswahn: heute muss jeder Pfurz bis ins Kleinste dokumentiert werden, ich kann hier gar nicht mit Beispielen beginnen, da wirklich ALLES umfasst ist. Das spiegelt natürlich gleichzeitig das neoliberale Misstrauen des Staates gegen die Menschen wider: was nicht schwarz auf weiß existiert, existiert überhaupt nicht. Die Bevölkerung, der Geschäftspartner, wer auch immer wird a priori als Lügner hingestellt. Nur was auf einem Blatt Papier exisitert, existiert auch wirklich. Das ist der echte Zeitfresser in den Betrieben, nicht Lohntransparenz, nicht Lieferkettengesetz, nicht Klimazölle, nicht "Verbrenner-Aus" und CO2-Steuern. Es sind die Doppel- und Mehrfachgleisigkeiten sowie das permanente Misstrauen untereinander. Denn was man nicht vergessen darf: der neoliberale Kapitalismus ist ein hochkomplexes künstliches Gebilde, das viel Regulierung und damit vieler Gesetze bedarf, um überhaupt funktionieren zu können. Kapitalismus ist kein Naturzustand - würde man also alle Gesetze streichen, oder so umfangreich "deregulieren", wie es sich die Jünger und Apostel der postliberalen Gier wünschen, wäre das auch das Ende für ihren auf Lohnsklaverei und Ausbeutung beruhenden Überreichtum.

Wie kommt man da raus? Viele - Unternehmen wie Staaten - suchen ihr Heil in so genannter "KI". Man hofft, Menschen entlassen zu können. Ob die Leistung und der Service der KI passen oder nicht, ist ihnen dabei vollkommen egal. KI-Slop (also KI-Müll und KI-Halluzinationen) in Verwaltung und in Betrieben, noch tragischer aber auch an sämtlichen Bildungseinrichtungen, wird einfach in Kauf genommen. Hauptsache, man spart (vermeintlich) an Geld und (vorgeblich) an Zeit. Der Rest ist im neoliberalen Spätkapitalismus vollkommen egal. Dass man damit auch eine riesengroße Enshittification befeuert, nimmt man ebenfalls in Kauf. Enshittification meint bei mir am breitesten definiert die allgemeine Verschlechterung von Waren, Dienstleistungen und Services sowie vom Internet ganz allgmein. Detaillierter könnte man definieren: die Implementierung von KI bei privaten und staatlichen Serviceeinrichtungen bzw. Kundenbetreuungen, was diese allzuoft unbrauchbar macht (was ja ebenfalls wiederum erwünscht ist); Geräte werden prinzipiell früher kaputt, sind unreparierbar oder nur zu Preisen rettbar, dass ein Neukauf billiger ist; die allgemeine Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen, die vorgeblich "einfach" zu automatisieren sind - zB im Einkauf und im Verkauf von Unternehmen, aber auch an bestimmten Maschinen in der Produktion; was wohl wirklich wegfallen wird, sind Stellen in IT, in Forschung (insbesondere im MINT-Bereich, also dort, wo es um "brute force" bzw. um pure Rechenleistung oder um Wiederholung von Arbeitsschritten geht) und anderswo ganz allgemein in Büros. Gesichert scheinen mir Stellen im Sozialbereich, also Lehrkräfte, Sozialarbeiter*innen, Pflegekräfte, Putzkräfte, Ärzt*innen und dergleichen sowie Jobs, bei denen man mit den Händen etwas erschafft (Maurer, Elektriker*innen), einbaut (Installateure, Klimatechniker*innen) oder verändert und repariert (Schlüsseldienste, KFZ-Techniker*innen). Es bleiben also die Systemerhalterinnen (die wenigen Männer sind mitgemeint), traditionell dominant weiblich besetzt, für die man während der Pandemie brav geklatscht hat und die Handwerker*innen. Der Trend, dass Lehre etwas "Schlechtes" wäre, nur für die "Dummen und Faulen", und dass nur die Matura etwas Gutes wäre, wird sich sehr bald umkehren. 

KI ist aber kein Naturgesetz, genausowenig wie Kapitalismus und Neoliberalismus es sind. Man muss da nirgendwo mitmachen, aus dem einfachen Grund, dass durch KI in Wahrheit im echten Leben genau gar nichts einfacher oder besser wird. Ich verwende KI für Recherche, wenn ich etwa Bourdieu oder Foucault lese und da ich nie Soziologie studiert habe, kenne ich viele Begriffe nicht und lasse mir diese erklären (meistens via wikipedia). Ich würde in einem Büro KI möglicherweise für Emails verwenden, also für tendenziell unwichtige Tasks und so. Aber wie man heute schon sehr gut durch Studien weiß, macht das Verwenden von KI, genauso wie das exzessive Verbleiben/Nutzen in/von (virtuellen) Räumen von "Social Media" nicht klüger, sondern dumm. Klar will der menschliche Verstand immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen - aber das muss man ihm ja nicht erlauben. Wer, wie ich, so gut wie keine KI nutzt und nur EIN Social Media verwendet (Bluesky), hat gute Chancen, sehr viele Menschen hinkünftig intelligenzmäßig, verstandesmäßig und bildungsmäßig hinter sich zu lassen (zB ist das Lesen von Büchern besser als das Verwenden von E-Readern). Einige Universitäten checken das mittlerweile und verbieten strikt jede KI und setzen voll auf mündliche Prüfungen, Recherche in echten Bibliotheken und das Schreiben von Arbeiten via Hand - also all die Sachen, von denen wohlstandsverwahrloste Neoliberale gemeint haben, sie wären schlecht und daher auszumerzen. Diese Bildungseinrichtungen werden in wenigen Jahren die besten sein. Jetzt schon schraubt man das Verwenden von Tablets an Schulen in skandinavischen Ländern wohlweislich zurück (alles von mir hier Erwähnte lässt sich relativ einfach recherchieren). Außerdem macht das Verwenden von KI einige wenige Männer unermesslich überreich und es verschmutzt die Umwelt, zerstört das Klima. Es ist ein sagenhaftes Trauerspiel, wie die Politik hier diesem unsäglichen Trend hinterherhechelt, als gebe es irgendeinen Freunde von Elon Musk Gedächtnispreis zu gewinnen. Sehr würdelos das alles. Und natürlich auch sehr visionslos und zukunftsvergessen (wie die gesamte Politik aktuell im Gesamten agiert). Gegen Enshittification hülfen sonst noch strenge Verbraucherschutzrechte, strenge Arbeitnehmer*innenschutzrechte und natürlich strenge Umwelt- sowie Klimaschutzrechte. Also genau das, was die gegenwärtige Wirtschaft mitsamt ihren Trollfabriken ("Thinktanks"), wie vor 100 Jahren, am liebsten gestern als heute, vollkommen zerstört hätte - und diesen Wunsch erfüllt ihr leider die Politik total anachronistisch immer öfter statt seltener: sowohl national als auch auf EU-Ebene. Die Verantwortung für die Klimakatastrophe, und nicht bloß für diese, wird auf die einzelne Person abgewälzt, was ebenfalls zu 100% typisch ist für den neoliberalen Spätkapitalismus und logischerweise falsch. Die Verantwortung für Gesetze trägt noch immer die Politik. 

Ich bekomme immer wieder gesagt, meine Blogbeiträge bzw. Ideen wären "utopisch", "Träumereien von warmen Eislutschern" usw. usf. Und ja natürlich schreibe ich hier eine Utopie. Ich schreibe über die bestmöglich vorstellbare Welt, wie sie NACH Kapitalismus und Neoliberalismus ausschauen könnte bzw. wird, nach dem unvermeidbaren Zusammenbruch (dieser muss kommen, egal, ob wir das wollen oder nicht, auf die eine oder auf die andere Art (also entweder freiwillig oder nach einer erneuten Phase des Faschismus)). Der Punkt ist, man wirft uns Linken immer vor, wir hätten keine positive Erzählung von der Zukunft, uns fehle es an Narrativen. Was anderes als eine "positive Erzählung von der Zukunft" ist denn eine Utopie?! Linke Parteien täten endlich gut daran, diese Utopien als Narrative für ihre Programme zu adaptieren! Aktuell beherrscht nur die rechtsrechte Zerstörungslust den Diskurs. Mein Blog möchte eine Gegenhegemonie gegen diesen in Österreich seit 30 Jahren, in Deutschland seit gut 10 Jahren, alles beherrschenden rechten Diskurs etablieren. Nehmen wir den Rechten die Deutungshoheit über Begriffe und Erzählungen wieder weg!

Sonntag, 21. Juni 2026

Die kaputten USA und ihre Bedeutung für die EU; Analyse der Gegenwart Teil, 7

Die USA sind keine vollwertige Demokratie und waren auch nie eine. Ihr System ist von Grund auf dysfunktional und missbrauchsanfällig. Sie sind damit in meinen Augen nicht die "älteste" Demokratie, sondern bloß die "älteste dysfunktionale". Aktuell sehen wir, wie einfach es ist, binnen 10 Jahren diese Möchtegerndemokratie in ein semiautoritäres Regime umzubauen, bei dem nicht mehr viel fehlt, damit es vollumfänglich kippt. Trump, seine Tech-Faschisten sowie die National-Klerikalen haben im Project 2025 alle ihre rechtsextremen und faschistoiden Ideen (ich stehe wie immer für eine Klarheit der Begriffe) klar dargelegt und wurden trotzdem von ca. 75 Millionen Menschen gewählt. Wie in Europa haben sehr viele Menschen kein Problem mit Rechtsfaschismus (mehr) - ganz im Gegenteil: für viele sind die Parteiprogramme von FPÖ und AfD nicht nur keine Probleme, sondern explizite Vorzüge. Wir müssen extrem wachsam sein und aufpassen, dass unser System in Europa nicht auch kippt bzw. von den Feinden unserer Demokratie (dazu zählen unter anderen die erwähnten Tech-Oligarchen mit ihren Unternehmen sowie neoliberale Thinktanks mitsamt ihren Lobbyist*innen) aktiv und mithilfe einer sadistischen zukunftsvergessenen bzw. zukunftshassenden Bevölkerung umgebaut wird. Nur die wenigsten Menschen wollen wirklich in einem brutalkapitalistischen System wie dem der USA leben, noch dazu, wenn dieses autoritär untersetzt ist (wie dargelegt gehen Kapitalismus und Faschismus Hand in Hand). Die USA sind uns Europäer*innen heute eine Abschreckung, wie man alles falsch machen kann, wie alles falsch laufen kann und vor allem, wie eine demokratiefeindliche Kaste an Überreichen und Korrupten und Antisozialen eine Demokratie unterwandern und (potenziell) zerstören kann. Hier meine Ideen, was man in den USA beschließen müsste, um endlich eine echte Demokratie zu sein, und das System gegen zukünftige Trumps abzusichern:

1. Das Mehrheitswahlrecht gehört von einem Verhältniswahlrecht abgelöst. Ich persönlich halte das Mehrheitswahlrecht für sehr unfair und undemokratisch. Parteien müssen, wie alle anderen Menschen, fähig sein, Kompromisse zu finden. Auch wenn das schwer ist, aber als Vertreter*innen des Volkes muss man mit gutem Beispiel voran gehen: Konkordanzdemokratie vor Konkurrenzdemokratie. Das Finden von Kompromissen darf aber auch nicht zur Selbstaufgabe führen. Privat bzw. im Reallife sowieso nicht, aber auch in der Politik müssen Parteiprogramme und in Wahlkämpfen Gesagtes Relevanz und Bestand haben. Wer ein Rückgrat hat wie ein Gartenschlauch, wird in einer Partnerschaft/Beziehung genauso unglücklich sein wie eine Partei in einer Regierung. Ein Mehrheitswahlrecht (Winner Takes it All) verstößt allerdings meiner Meinung nach schon gegen demokratische Grundideen. 

2. Das Zweiparteiensystem muss zu einem Mehrparteiensystem werden. Die Pluralität von Meinungen und Interessen gehört in einem Parlament abgebildet und es gibt - zumindest theoretisch - bei Mehrparteiensystemen weniger Spaltung als wenn es nur zwei Parteien gibt, zwischen denen man sich entscheiden kann/muss. Die Spaltung in extreme Lager ist nirgendwo schlimmer als in den USA und eine Mitschuld daran trägt definitiv ein stures unflexibles Zweiparteiensystem. 

3. Die Wahlmänner gehören ersatzlos gestrichen, das ist ein vollkommen absurdes Überbleibsel aus einer Zeit, die längst vorbei ist. Denn dieses System führt zu maßlosen Verzerrungen - oft ist es ja so, dass nicht diejenige Partei den Präsidenten stellt, die US-weit die meisten Stimmen erhält. Das Wahlmännersystem bevorzugt bevölkerungsarme Flächenstaaten. Allein diese ersten drei Punkte würden extrem viel helfen.

4. Richter*innen und Staatsanwälte sollten nicht gewählt werden, sondern unabhängig und damit unpolitisch ernannt. Und sie dürfen immer nur bis zu einem gewissen Alter im Amt bleiben, also nicht bis zum eigenen Versterben.

5. Der Oberste Gerichtshof gehört grundlegend reformiert. Wie in jeder anderen Demokratie muss es Möglichkeiten geben, gegen Richter*innen vorzugehen, die sich selbst an keine Gesetze halten, die mutmaßlich korrupt sind und/oder gegen jene Richter*innen, die aktiv an der autoritären Wende mitarbeiten, also ihre Neutralitätspflichten massiv verletzen. Wie man seit Jahren sieht, sind Senat und Präsident nicht unabhängig genug für diesen Job. 

6. Ich persönlich halte wenig von richterlicher Rechtsfortbildung ("Richterrecht" bzw. stare decisis). Es gibt in Kontinentaleuropa die Tradition der Gesetzesinterpretation (siehe Juristische Methodenlehre) und das passt so. Aber wenn Richter*innen selbst Recht neu schaffen mit ihren "Präzedenzurteilen", dann hat das wenig mit Rechtsschutz zu tun, wie man zB beim Thema Abtreibung oder beim quasi-Entkernen des Voting Right Acts gesehen hat. Präzendenzurteile sollten nicht, aber werden leider nach 50-jährigem Bestehen geändert, weil sich die Mehrheiten geändert haben. Es fehlt jede Rechtssicherheit. Dazusagen muss ich, dass es Rechtsfortbildung auch in Österreich und Deutschland gibt - dass also entweder der Gesetzgeber Gesetze ändert (Rechtspolitik), oder dass Gerichte ihre Meinungen ändern. Letzteres geschieht aber sehr selten und ist in Europa meistens von Erkenntnissen europäischer Gerichte wie EUGH und EGMR angestoßen (zB die Ehe von Homosexuellen und der Schutz von Transgender Menschen). Gerichtlich-judikative Rückschritte wie in den USA sind in Europa nur denkbar und möglich, wenn der gesamte Staat - wie zuletzt in Polen und Ungarn gesehen - kippt und das Justizsystem mit in den Abgrund reißt. Aber dass eine Justiz von sich aus, durch personelle Änderungen (wie in den USA), den rechtsreaktionären Backlash wählt, ist nicht möglich.

7. Diese unmögliche Unsitte des Gerrymanderings gehört auf den Misthaufen der Geschichte. Faire, von einer wirklich unabhängigen Instanz angelegte Wahlbezirke, sollten der Goldstandard sein.

8. Die USA brauchen öffentlich-rechtliche Medien, TV-Stationen genauso wie mindestens eine bundesweite Zeitung. CNN übernimmt diese Funktion weitgehend, aber nicht ausreichend genug. Auch die NY Times ist kein linksliberales Blatt mehr, von der Washington Post unter Beszos ganz zu schweigen. Auch Österreich und Deutschland haben eine kaputte Medienlandschaft voller Medienversagen (wie schon oft nachgewiesen), aber in den USA ist es nochmal eine Ecke schlimmer.

9. Es ist auch nicht die Aufgabe von Medien, den Gewinner/die Gewinnerin von Wahlen auszurufen, dafür müsste es unabhängige Wahlbehörden geben (ich weiß, dass es solche gibt, aber sie organisieren nur die Wahlen und zählen aus).

10. Der Fahneneid und ähnliches ist abzulehnen. Das ist pure Gehirnwäsche. Und ich schaue da auch nach Bayern, wo jetzt die Landeshymne abgesungen werden muss bei bestimmten Veranstaltungen. Das ist vollkommen anachronistisch und absurd, in meinen Augen sogar hochgefährlich.

11. Das Waffenrecht gehört natürlich verschärft, vor allem bei automatischen und Kriegswaffen. Waffen gehören zwar nicht generell verboten, das machen nur Diktaturen. Aber niemand benötigt privat ein Sturmgewehr. Diese Diskussionen haben wir auch in Europa, wie strikt ein Waffenrecht sein muss. Ich bin hier liberal eingestellt und eher gegen den paternalistischen Nannystaat. 

12. Wenn man das Budget des Militärs um die Hälfte kürzen würde, könnte man ein Gesundheitssystem europäischer Prägung installieren. Niemand bräuchte mehr nach einem Unfall bankrott gehen und jedem Menschen steht Vorsorge zu. So genannte "universal healthcare" halte ich für ein Grundrecht. Wer das aktuell in Europa aushöhlen möchte (vor allem Rechtsreaktionäre und Rechtsextreme), sägt an den Grundpfeilern des sozialen Rechtsstaates. 

13. Natürlich muss es umfassende progressive Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögenssteuern geben. Vermögenssteuern, wie ich schon in Teil 6 ausgeführt habe, auf Substanz und Zuwachs, auf Grund und Boden, auf Immobilien und Autos usw. Überreichtum gehört beendet, wenn nötig sogar durch Exprorationen. Ständig steigernder Überreichtum zusammen mit den überreichen Personen, die leider massiv an Einflüssen gewinnen, sind eine extreme Gefahr für die gesamte Welt.

14. Man muss aufhören, Bücher zu verbieten. Diese rechtsextrem-faschistischen Bücherstürmereien bzw. modernen Bücherverbrennungen sind ein hochextremes Warnsignal für eine kippende Gesellschaft.

15. Die Todesstrafe gehört abgeschafft - sie ein Überbleibsel einer revanchistischen Rechtsordnung aus dem Mittelater. Sie trifft oft die falschen, ist oft sehr rassistisch und Fehlurteile können nie mehr korrigiert werden: es passiert leider oft genug, dass Unschuldige viele Jahre in Todeszellen sitzen. Nicht zuletzt ist ihre Durchführung etwa auf elektrischen Stühlen barbarisch.

16. Die Vermenung von Politik und Religion muss aufhören. Politik und Religion gehören getrennt, Politiker*innen können nicht gleichzeit Kirchenleute sein, das wäre in meinen Augen schon Klerikalfaschismus wie im Iran oder wie in Saudi Arabien und Katar usw. Religion darf für Politik keine Bedeutung haben und umgekehrt. Der Staat darf Religionen keine Vorteile geben, sie sind lediglich zu tolerieren und Menschen ist lediglich ein privates intimes religiöses Leben zu gestatten - aber sonst dürfen Religionen im öffentlichen Leben, in öffentlichen Bereichen KEINE Rolle spielen.  

17. Der gesamte immense Rest. Man muss mit diesem bizarren verzerrenden American Exceptionalism aufhören. Die Menschen in den USA verdienen die Wahrheit: ihr Land ist nahezu ein Failed State, der "American Dream" ist eine Illusion bzw. eine Wunschfantasie und eigentlich ist das Leben für nicht-reiche Menschen in den USA wirklich der Horror. Es gibt keinen echten Urlaubsanspruch, keinen Mutterschutz und keine Arbeitslosenversicherung, die den Namen verdienen würde. Es regieren Egoismus und Arroganz, unendlicher Wettbewerb, Selbst- wie Fremdausbeutung für irgendeinen "Status" und endlose Gier. Es ist der totale nihilistische patriarchale fossil-Brutalkapitalismus im neoliberal-sadistischen Endstadium. Es gibt mehr Gefängnisinsassen als sonst irgendwo auf der Welt (teils für Bagatellen, teils extrem rassistisch und misogyn), es gibt so viele Drogensüchtige wie sonst nirgends in der westlichen Welt und man hat sogar noch die Todesstrafe. Last but not least existiert außerhalb der Großstädte so gut wie kein öffentlicher Verkehr; existiert außerhalb demokratischer Staaten so gut wie kein Umwelt- bzw. Klimaschutz. Ich kenne niemanden, die/der in so einem Land freiwillig leben möchte.

Resümee: in den USA wird man als Bürger*in in Notsituationen ziemlich allein gelassen. Ja, ich bin auch gegen einen paternalistischen Nannystaat (nicht aber gegen eine Wohlfahrtsökonomie!), aber es besteht ein riesen Unterschied zwischen Alleingelassen-Werden und sozialstaatlichen Grundfunktionen. Zu den Grundaufgaben eines Nationalstaates zähle ich noch immer: Hilfe, wenn man krank ist; Hilfe, wenn man Kinder bekommt und großzieht; Umweltschutz und Klimaschutz; Hilfe, wenn man arbeitslos ist; Hilfe, wenn man dauerhaft arbeitsunfähig ist oder wird; ausreichend Urlaub und Erholung sowie Freizeit; KEINE permanente Überwachung; das Kümmern um einen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk; das Instandhalten und Ausbauen der Infrastruktur mitsamt öffentlichen Verkehrsmitteln, bestenfalls von grünen; ich halte erschwingliches Wohnen für ein Grundrecht, genauso wie den Zugang zu einer unabhängigen Justiz und einer Polizei ohne struktureller Gewalt; öffentliche Bibliotheken, Internetzugang, die Pflege von Alten und last but not least ein faires aktives wie passives Wahlrecht usw. Nahezu nichts davon findet sich in den USA und das erklärt sehr vieles. 

Lassen wir uns die Vorgänge in den USA eine Warnung sein, sehen wir das als letzte Abschreckung vor einem System, wie es im Endausbau unter anderem in Russland und China vorherrscht und wie es heuer in Ungarn nach vielen Jahren und unter vielen Mühen abgewählt wurde. Wenn also jemand in der EU daran denkt, ein Mehrheitswahlrecht einzuführen oder ein präsidentielles System, dann sollten alle Alarmglocken klingeln. Genauso muss es uns alarmieren, wenn die Überwachung ausgebaut werden soll, wenn man ÜBERALL KI integrieren will, schlimmstenfalls Systeme von Palantir, und vor allem auch, wenn Klimamaßnahmen zerstört werden, wenn Rechtsreaktionäre mit Rechtsextremen im EU-Parlament den Green Deal zerstören, gerade während einer beispiellosen Juni-Hitzewelle. Es sind wortwörtlich Männer, die die Welt verbrennen, die hier beinhart und eiskalt für die zukunftslosen Interessen von Großunternehmen und Ultrakapitalisten stimmen, die Parallele zu den Vorgängen vor 100 Jahren drängt sich leider sehr auf. Das einzige, was man in der rechten Polik heute kann, ist das Etablieren einer "Festung Europa" - und leider scheint das sehr vielen Wähler*innen zu genügen, Gefühle sind wichtiger als Fakten. Sollte die EU diesen MAGA-Weg weitergehen, dann sehe ich schwarz - dann verliert sie ihren Daseinszweck und im Endeffekt ihre Daseinsberechtigung. Schon die rechtswidrigen permanenten Grenzkontrollen von Deutschland und Österreich, die einfach immer weitergehen, zerstören mehr als man vielleicht wahrhaben will. Ich bin dafür, dass man Politiker*innen, wenn sie lügen, misswirtschaften und Klima wie Umwelt zerstören sowie permanent gegen Gerichtsurteile/erkenntnisse verstoßen, viel schneller und einfacher vor Gericht bringen kann als bisher. Es muss für diese Kaste viel mehr Konsequenzen haben, wenn sie wissentlich oder auch nur fahrlässig gegen ihren Amtseid und gegen Gesetze (die man allerdings teils noch beschließen müsste) verstoßen. Für die EU ergebe sich nicht zuletzt eine Emanzipation von den USA und eine Selbstständigkeit, die längst überfällig wäre.

Montag, 8. Juni 2026

Antikapitalistische und Antifaschistische Maßnahmen; Analyse der Gegenwart, Teil 6

Im Jahr 2016 habe ich zum ersten Mal in einem meiner Notizbücher begonnen, Thesen niederzuschreiben, was meiner Meinung nach für Österreich - sprich für Politik, Wirtschaft, Klima usw. - essenziell (gewesen) wäre (und nicht nur für Österreich natürlich, sondern für die gesamte Welt). Die Punkte damals sind ziemlich dieseleben wie heute. Rückblickend galt das meiste schon in meiner Jugend in den 1990er Jahren. Das heißt also, wir haben in Österreich jetzt mindestens 30 Jahre Stagnation. Das ist im wesentlichen der ÖVP zu verdanken, die mit ihrer reaktionär-stagnierenden Politik unser Land in Geiselhaft hält. Außerdem ist mir in den letzten jahren aufgefallen, dass die Erfüllung der Punkte zu einer egalitären Gesellschaft führen würde, in der Faschismus nahezu unmöglich sein würde. Deswegen werden die Gegner*innen von ökologisch-sozialem Postgrowth immer polemisch einwerfen, diese Ideen wären "Kommunismus", "Sozialismus", "unmöglich" und/oder "Hirngespinste". Wie ich deder Serie "Analyse der Gegenwart" nachweise, ist der größte Feind von neoliberalem Kapitalismus (und damit von der Vorstufe des Faschismus) eine ökologische soziale egalitäre Postgrowth-Gesellschaft. Wie Ökosozialist*innen sind damit die Feinde von Kapitalismus, Neoliberalismus bzw. Postliberalismus, Rechtsextremen und Faschisten. Umso wichtiger ist unsere Arbeit. Die Punkte sind:

1. Progressive und hohe Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögenssteuern. Die ersten beiden sind selbsterklärend und ich würde sie ab 1 Million Euro mit 5% besteuern, ab 5 Mio. mit 10% usw. Bei Unternehmensvermögen würde ich ab 5 Millionen Euro mit 5% anfangen. Zu den Vermögenssteuern zählen Vermögenszuwachssteuern und Vermögensbestandssteuern. Eine progressive Kapitalertragssteuer, eine ehrliche progressive Grund- und Grunderwerbssteuer ohne Ausnahmen, eine Immobilienertragssteuer ohne Ausnahmen, Dividendensteuern, Umwidmungssteuern, Finanztransaktionssteuern, umfassende Besteuerungen von Stiftungen (Eingang, Ausgang, Bestand), Leerstandsabgaben, Zweitwohnsitzabgaben... Alle Privilegien für Kirchen/Glaubensgemeinschaften, ihre Bildungseinrichtungen und Spitäler streichen. Wenn es mit der extremen brutalen Ungleichheit so weitergeht, wird man irgendwann Überreiche enteignen müssen und Reichtum über einer gewissen Grenze (sagen wir 5 Mio. Euro) verbieten müssen. Hierher gehört auch die Beendigung sämtlicher finanzieller Privilegien von privaten Bildungseinrichtungen sowie Krankenanstalten. Bei Kirchen ließen sich mindestens 2 Mrd. Euro einsparen, bei Förderungen für "private" Bildungseinrichtungen und Krankenanstalten mindestens 1 Mrd. Euro. 

2. Parallel dazu massive Einsparungen im Bereich der Politik. Von 92 Bezirken runter auf 50 (Statutarstädte müssen ähnliches leisten - zB braucht Wien keine 23 Bezirke), von ca. 2100 Gemeinden runter auf maximal 700, alle ca. 8000 Ortschaften einer Gemeinde angliedern - das würde in Verwaltung und Politik (Gemeinderät*innen, Ortsvorsteher*innen usw.) etwa 150.000 Stellen einsparen, auch auf Länderebene, die weitgehend entmachtet gehören (dafür mehr Macht, aber anders, den Gemeinden). Dazu noch einheitliche Gehaltspyramiden für den öffentlichen Dienst und Beamte sowie für Vertragsbedienstete, mitsamt der Pensionen der genannten, genauso wie tiefe Einschnitte bei Parteiförderungen, Wahlkampfkostenrückerstattungen, Klubförderungen, Inserate usw. 

Allein diese Punkte 1 und 2, wenn richtig gemacht, bringen jährlich mindestens 20 Mrd. Euro an Einsparungen und Mehreinnahmen. 15 Mrd. allein aus vermögensbezogenen Steuern, 5 Mrd. durch Zusammenlegungen und Einsparungen bei Posten und Gehältern und Parteiförderungen. Endlich könnte man auch unser Justizsystem (Richterstellen, Staatsanwaltschaften, Justizwache, Gefängnisse und Einrichtungen usw.) ausfinanzieren.

3. Gleichzeitig zu Punkt 2 muss man endlich den katastrophalen Föderalismus reformieren. Mir ist bewusst, dass Zentralismus gefährlich sein kann und nicht der Weisheit letzter Schluss sein muss. Meine Lösung ist, die vergrößerten zusammengelegten Gemeinden auf Kosten der Länder zu stärken. Schulen und Gesundheit gehören eindeutig und einzig in Bundeskompetenz. Pflege könnte man den Gemeinden überantworten, dafür verlieren sie und die Länder Baupolizei, Raumordnung, Flächenwidmungen und dergleichen. Wenn man die Landeshauptleute entmachtet, werden viele Strukturen automatisch effizienter (so sehr ich diesen Begriff ansonsten verabscheue, bei Verwaltung passt er). Zu alldem gehört natürlich eine umfassende menschenfreundliche Digitalisierung - nicht MEHR Bürokratie und Zettelwirtschaft, sondern endlich viel weniger. In diesen Punkt 3 würde ich auch das Entwirren des Förderdschungels miteinschließen. Nur mehr EINE Stelle pro Förderung und unsinnige Förderungen beenden. Dieser Punkt 3 sollte noch einmal 5 Mrd. Euro einbringen, auch hier nicht zuletzt durch Einsparungen bei Personal, weniger staatliche Bürokratie und Einsparungen bei Förderungen bzw. Doppelgleisigkeiten.

4. Eine feministische Frauenpolitik, die den Namen verdient. Die Etablierung von 50% Frauen in allen Aufsichtsräten und Vorständen sowie in allen Geschäftsführungen usw.; ein Gewaltschutzpaket mit Fußfesseln für Gefährder und Männerhäusern plus verpflichtender umfassender Männerberatung; nur Ja heißt Ja;, Catcalling als Strafbestand; Abschaffung der Fristenlösung - Legalisierung von Abbrüchen bis zur 14 oder 15. Woche; eine verpflichtende Väterkarenz; gratis Ganztages-Kinderbetreuung, gratis Ganztagesschulen, beides natürlich inklusive gesunder Gratismahlzeiten. Wenn ihr wollt, dass Frauen wieder mehr Kinder bekommen, dann müsst ihr beim Patriarchat anfangen (siehe Südkorea). Nur wenn wir Frauen optimale Bedingungen für Kinder vorfinden, was heutzutage vor allem bedeutet, dass man sich als Frau auch MIT Kindern selbst verwirklichen kann und der Mann sich zu 50% beteiligt, wird man die Geburtenrate steigern können. 

5. Anpassung an die Klimakatastrophe und Energiewende, hin zu erneuerbaren. Der Öffentliche Verkehr gehört verbilligt und massiv ausgebaut. Unterstützungen für Pendler*innen, Dienstfahrzeuge und für fossile Energieträger (zB Dieselprivileg) gehört endlich abgeschafft. Kerosin gehört ausreichend besteuert, eine richtige CO2-Steuer gehört implementiert. Außerdem würde ich eine flächendeckende LKW-Maut einführen, eine allgemeine Vignettenpflicht für alle Fahrzeuge und die NOVA sowie das Halten von SUVs gehört massiv erhöht. Diese Pest SUV gehört dermaßen unattraktiv gemacht, dass sich niemand mehr so ein Fahrzeug zulegt, außer mit einem medizinischen Attest. Die Parkplätze von Handelsbetrieben auf der grünen Wiese gehören verkleinert und mit Solaranlagen überdacht. Generell gehören überall Solaranlagen, wo möglich - und der Staat sollte hier 2 Stunden gratis Strom tanken lassen. Parkplätze bzw. das Besetzen von öffentlichem Raum mit Autos gehört massiv verteuert. Apropos Handel: es gibt viel zu viele BILLA und Spar und Lutz und OBI usw. auf der grünen Wiese - die Hälfte gehört geräumt und dafür gehören dort Firmen rein. Denn wir benötigen eine maximale Versiegelung von höchstens 2,5 ha pro Tag. Allgemein gehört umfassend ent-betoniert, alle Gebäude in öffentlichem Eigentum müssen Passivenergiehäuser werden; Gas-, Holz- und Ölheizungen müssen ausgetauscht werden.

6. Stärkung des Sozialstaates, denn eine Gesellschaft ist nur so viel wert, wie sie mit den Schwächsten bzw. Kranken umgeht: jeder einzelne Mensch steht stellvertretend für die gesamte Menschheit; individuelles Leid ist weder göttliches Schicksal, noch einfaches Pech, sondern hat gesellschaftliche Ursachen (frei nach E. Fromm, Marx und Freud). Die Mindestsicherung (Sozialhilfe) muss ihrem Namen gerecht werden. Dafür braucht es auch einen Mindestlohn für alle Menschen, die in Österreich arbeiten von mindestens 10 Euro netto pro Stunde. Nicht die Sozialhilfe ist zu hoch, die Mindestlöhne sind zu niedrig. Österreich ist ein reiches Land, niemand sollte in (struktureller) Armut leben müssen oder obdachlos sein (Armut ist politisch gewollt als Abschreckung und Disziplinierung). Gleiches gilt für unser kränkliches Krankensystem: auch Beamte und Selbstständige gehören in die ÖGK, damit es im Endeffekt nur noch eine ÖGK, eine PVA und eine AUVA gibt. Kuren und Rehabilitationen gehören nicht eingeschränkt, sondern ausgebaut, um die gesunden Lebensjahre zu erhöhen - unser Krankensystem muss zu einem Gesundensystem werden, es muss viel mehr auf Prävention gesetzt werden. Darum gehören auch Alkohol und Zigaretten verteuert. 

7. Beim Pensionssystem würde ich nicht mehr auf das Alter abstellen, sondern auf die Arbeitsjahre. Akademiker*innen, vor allem Beamte und Vertragsbedienstete, müssten also vom Alter her länger arbeiten als Schichtarbeiter*innen. Luxuspensionen und Extraverträge gehören verboten. Politiker*innen müssen mit 67 in Pension gehen, Ausnahme nur für Bundespräsident*in. So lange die Menschen in der Pension nicht mehr gesunde Lebensjahre haben, braucht man über eine Erhöhungen auch nur zu denken, denn das wäre pure Menschenfeindlichkeit. Und man muss ein Malus-System für Unternehmen einführen, die keine Menschen über 50 Jahre beschäftigen. Ansonsten wäre jede Erhöhung des Pensionsantrittsalters pure Menschenfeindlichkeit, denn man würde die Menschen nur zum Arbeitsamt treiben und damit ihre Pension verniedrigen (wie man es aktuell bei Frauen sieht). Ausdrücklich festhalten möchte ich, dass man vor allem bei Beamten, Vertragsbediensteten und Selbstständigen sehr viel einsparen könnte - diesen Kasten geht es viel zu gut. 

8. a) Für die Wirtschaft: man könnte mit den Einnahmen aus Vermögenssteuern die nicht-essenziellen Lohnnebenkosten senken; für die Gemeinden gäbe es in meinem Modell genug andere Einnahmen, dann könnte man auch ihre 3% Anteil aus den Lohnnebenkosten (Kommunalsteuer) streichen. Dafür braucht es etwa auch eine aufkommensneutrale progressive Köst. Die kleinen Firmen und Betriebe sollen entlastet werden, genauso wie die Lohnnebenkosten. Aber die großen Firmen mit den breiten Schultern können ohne Probleme mehr tragen.

8. b) In Zukunft wird man auch eine KI- bzw. Maschinensteuer (bzw. Wertschöpfungsabgabe) brauchen, um Verluste an Steuereinnahmen zumindest zu 50% auszugleichen, wenn Unternehmen Menschen kündigen und deren Arbeiten von KI oder von Maschinen durchführen lassen. Eine Kündigung darf sich schon allein aus ethischen Gründen nicht zu 100% lohnen, Unternehmen dürfen sich nicht ALLE Abgaben ersparen, wenn sie einen Menschen arbeitslos machen. 

9. Schulen, Kindergärten und alle anderen Bildungseinrichtungen gehören allesamt in die Hand des Bundes. Wir brauchen endlich eine Gesamtschule für alle Kinder bis mindestens 12 Jahre (gerne mit innerer Differenzierung nach Interessen und Talenten (Sport, Musik, Sprachen, MINT...)), eine Ganztagesschule für alle Kinder ab 10 Jahren (Hausaufgaben gehören in die Vergangenheit), eine innerschulische Nachhilfe und eine gesunde warme Gratismahlzeit. Schule darf nicht länger die Klassen bzw. das Vermögen der Eltern tradieren!

10. Spitäler, Ärzt*innen und Gesundheit gehören eigentlich ebenfalls vollkommen in die Hand des Bundes, legistisch und über einen zentralen Steuerungsplan. Es braucht auch nur 1 Ärztekammer, 1 Landwirtschaftskammer, 1 Wirtschaftskammer und 1 Arbeiterkammer für ganz Österreich, denn mit jeweils EINEM Vertrag könnte man österreichweit die ganzen Themen abhaken. Wir ersticken in Bürokratie bzw. Technokratie primär aufgrund von Föderalismus. Das Sparpotenzial, die Effizienzsteigerungen und endlich der Wechsel von einem Krankensystem zu einem präventiven Gesundensystem - das alles kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das System von Wahl- bzw. Privatärzt*innen gehört beinhart beendet, es soll nur mehr Kassenverträge geben; und man muss sich mit einem Studium in Österreich auch zur 10jährigen Arbeit in Österreich verpflichten; wem das nicht passt: niemand muss in Österreich studieren, leben oder arbeiten. Spitäler gehören NICHT geschlossen, aber man sollte in sich gehen und überlegen, weshalb 30% der Gesamtkosten von Gehältern gefressen werden - dabei meine ich nicht das Pflegepersonal - und weshalb die Kosten von Spitälern in den letzten 7 Jahren um 10 Mrd. Euro gestiegen sind. 

Ja, ich bin für eine Umverteilung von oben nach unten und nicht umgekehrt, wie aktuell weltweit. Blind-stupides Zusammenstreichen, Kürzen und Zerstören von Strukturen ist kein nachhaltiges Wirtschaften, ist keine strukturelle Verbesserung, das ist feige, visionslose Nicht-Politik! Ich stehe für ein echt-sozialdemokratisches grünes ökosoziales Postgrowth-Modell. Das ist möglich und wird immer drängender. Denn je länger die aktuelle weit verbreitete neoliberal-austeritäre Nicht-Politik diese Maßnahmen aufschiebt, desto eher wird der menschenfeindliche Spätkapitalismus in Faschismus kippen (siehe Eva von Redecker und Carolin Amlinger/Oliver Nachtwey). Es kann nicht mehr geleugnet werden, dass die KI-Blase platzen muss und wird und dass der Anthropozän-Kapitalismus seinem Ende entgegengeht. Wir erleben aktuell das letzte Aufbäumen einer Wirtschaftsform, die nur über wenige Jahrzehnten ihres Bestehens den Menschen gutes gebracht habt. Anfangs gab es Kinderarbeit, keinen Mutterschutz, 12-Stunden und mehr -Schichten, keine Krankenstände usw. Die einstmals stolze, starke und sinnvolle Sozialdemokratie hat Verbesserungen gebracht und dem Kapitalismus ein einigermaßen menschliches Gesicht geben können. Dann ist die Sache durch die austeritäre und neoliberale Wende wieder gekippt. Profite und Kapitalakkumulation sind ab Reagan und Thatcher in den Vordergrund getreten - also unproduktives arbeitsloses Einkommen -, das Wirtschaftswunder war vorbei, die Phase des Überreichtums hat begonnen. Im 21. Jahrhundert schließlich hat der nihilistisch-patriarchale fossil-korrupte Tech-Kapitalismus gewonnen. Überreiche, korrupte Politiker*innen und unfähig-feige Medien besiegeln den Endpunkt im misanthropen Brutalkapitalismus. Das habe ich nachgezeichnet und aufgezeigt. Das hier ist nicht das Ende der Analyse der Gegenwart, das ist ein Handlungsaufruf. Wenn die Politik nicht endlich die oben erwähnten Punkte durchzieht, wird die Situation auch in Europa kippen. Einerseits in Generalstreiks und Aufstände der Arbeiterklasse und Mittelschicht, andererseits in Faschismus. Austeritäre neoliberale Nicht-Politik wird nicht ewig funktionieren - kann sie nicht, weil sie weder nachhaltig noch fair ist -, die Stimmung brodelt. Und auf einem endlichen Planeten gibt es kein unendliches Wachstum, das ist der finale Punkt, der einfach weggeschwiegen wird. Jetzt wären umfassende Investitionen nötig und nicht dumm-austeritäres Kaputtsparen! Zu Tode gespart ist eben auch gestorben.

Zu den Grundaufgaben eines Nationalstaates zähle ich - und dabei ich bin gegen einen paternalistischen Nannystaat: Hilfe, wenn man krank ist; Hilfe, wenn man Kinder bekommt und großzieht; Umweltschutz und Klimaschutz; Hilfe, wenn man arbeitslos ist; Hilfe, wenn man dauerhaft arbeitsunfähig ist oder wird; ausreichend Urlaub und Erholung sowie Freizeit; KEINE permanente Überwachung; das Kümmern um einen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk; das Instandhalten und Ausbauen der Infrastruktur mitsamt öffentlichen Verkehrsmitteln, bestenfalls von grünen; ich halte erschwingliches Wohnen für ein Grundrecht, genauso wie Zugang zu einer unabhängigen Justiz und einer Polizei ohne struktureller Gewalt; öffentliche Bibliotheken, Internetzugang, die Pflege von Alten und last but not least ein faires aktives wie passives Wahlrecht usw.  

Auf eine Sache möchte ich am Schluss auch noch eingehen, denn das kann leider nicht unter den Tisch gekehrt werden. Das politische Personal ist in den letzten 30 Jahren immer inkompetenter, mieser und verlogener geworden. Ich meine damit keine Abschlüsse, also nicht die "formale" Bildung. Ich rede von Kenntnissen der Materie, von der Fähigkeit, andere Meinungen zu sehen und anzunehmen, die eigene Meinung zu ändern. Ich rede vom Blicken über den Tellerrand. Ich rede von Empathie, emotionaler wie sozialer Intelligenz, genauso wie von analytischer Intelligenz. Wir sehen heute im Fernsehen oft Sprechpuppen, die ihre immer gleichen Phrasen runterbeten, die auf keine Fragen antworten, denen ihr social media Auftritt wichtiger ist als der Inhalt. Man sieht Feigheit, Korruption und unendliche Einfallslosigkeit, gepaart mit Zukunftsvergessenheit. Es ist ein Trauerspiel und ich verstehe die Wähler*innen, die den etablierten Parteien eins auswischen wollen. Das Problem ist, dass man mit Rechtsfaschismus keine Probleme löst, sondern das alles nur NOCH schlimmer macht. Das Personal bei den Ultrarechten ist nämlich um nichts besser. Deswegen kann die Lösung nur links zu finden sein. Nur linke Lösungen sind Zukunftslösungen, nur ökologische Visionen sind zukunftsfähige Visionen. Und nur linke Politiker*innen sind am wenigstens korrupt: das sind objektivierbare Fakten. Ich verstehe Unzufriedenheit und Protest und bin selbst irrsinnig frustriert. Aber ich würde in meinem Leben nie rechts(extrem) wählen, denn das ist das Austreiben des Teufels mit dem Beelzebub. Das muss so klar gesagt werden. Und den Parteien ist nahegelegt, wieder Menschen in die Politik zu bringen, die authentisch sind, empathisch und KEINE Parteisoldat*innen. Transparenz ist wichtiger denn je. Und habt Mut, habt Visionen und steht dazu! Lest meine Analyse der Gegenwart, die Bücher, die ich empfehle und hört zu! Ansonsten finden wir uns bald im Faschismus wieder. 

[PS: Ich stelle gerade ein Bücherl aus allen relevanten Blogbeiträgen zusammen; für dieses werde ich bestimmte Punkte weiter ausbauen bzw. tiefer erklären und Zitate einfügen]

Sonntag, 7. Juni 2026

Über Horrorfilme, KI, Literatur und Kunst, Teil 2

Achtung, dieser Blogpost enthält Spoiler zu folgenden Filmen, in order of appearance: The Witch, Hereditary, The Dark and the Wicked, Get Out, The Descent, The Blair Witch Project.

Fast alles, das ich hier schreibe, gilt auch für Horrorromane. Das meiste, das ich über Literatur und Kunst geschrieben habe, gilt auch hier für Filme. 

Beginnen möchte ich mit meiner Liebe zu Horrorfilmen. Man sagt Menschen wie mir nach, dass wir sehr empathisch seien und zumindest für mich kann ich das bestätigen. Das heißt aber nicht, dass ich irgendwie mit allen Figuren immer "mitleiden" würde. Nein. Ich kann mich nur in künstlerische Werke sehr gut einempfinden - und natürlich in Menschen. Bei Horrorfilmen gibt es sehr viele Arten und dementsprechend viele Möglichkeiten, sie zu unterteilen. Die grundlegende Aufteilung erfolgt in drei Gruppen:

1. Filme mit "schlechtem" Ende. Das ist bei Horrorfilmen der Standard bzw. bei jenen, die mir am besten gefallen. Wobei "schlechtes Ende" sehr relativ ist. Geht es um die Perspektive der Figur oder um jene der Beobachterin? Einer meiner Lieblingsfilme ist The Witch. Die junge Hauptdarstellerin erleidet den halben Film hindurch nahezu ein Martyrium an der Seite ihrer sich dezimierenden Familie. SPOILER! Ist das Ende, wenn sie zur Hexe wird, wenn sie in einer unendlich herrlichen Szene zuerst auf Black Philip trifft und den Packt mit ihrem Blut unterschreibt und danach an einem Feuer mit ihrem Kameradinnen auf einem Besen zu schweben beginnt, ein schlechtes oder ein gutes? Für mich ist es jedenfalls ein perfektes. Hereditary ist ebenfalls einer meiner drei Lieblingsfilme. Dieser Film ist perfekt, weil er meine Liebe zu Okkultismus auf die Spitze treibt (ich selbst habe etliche okkulte Tätowierungen). Über lange Zeit weiß man nicht, was geschieht, was dieser Familie, die wir begleiten, eigentlich wiederfährt. Man ist sich nicht sicher, es gibt einstweilen nur Andeutungen. SPOILER! Relativ früh wird die Tochter/Schwester enthauptet. Danach eskaliert alles immer mehr, bis zu dem Punkt als die Mutter "besessen" wirkt und an Wänden herumstrolcht sowie ihren Sohn durchs Haus jagt, bis auf den Dachboden, auf dem sich einiges interessantes anfindet. Danach geht es ab ins Baumhaus vom Beginn zum Höhepunkt und zur Katharsis bzw. Auflösung des Ganzen. Der Sohn ist/wird King Paimon, ein Höllenfürst. Es ist erneut ein perfektes Ende, aber ist es ein "gutes" oder ein "schlechtes"? In beiden Filmen erlebt die Hauptfigur am Ende eine Transformation in Gestalt eines fulminanten Höhepunktes. In beiden Fällen gibt es keine Familie mehr, zu der man zurückkehren könnte. Für die Figur selbst wirkt das Ende im 1. Fall auf den ersten Blick positiv, zumindest, wenn man wie ich einen Faible für Hexen hat. Für andere wird das Ende unmittelbar negativ erscheinen, kennen wir doch das Schicksal so vieler Frauen, die man als Hexen geächtet oder verbrannt hat. Im 2. Fall könnte das Ende als Höllenfürst auch besser erscheinen als das Leben als durchschnittler Highschool Bursch ohne viel Perspektive. Hier ist es vielleicht auch erst der zweite Blick, der nichts gutes für die Person und die Menschheit verheißt. Mein dritter Lieblingshorrorfilm ist The Dark and the Wicked. SPOILER! Auch hier wird im Laufe des Films die Familie dezimiert, es geschehen Tode bzw. Selbstmorde. Dieser Film sticht aus allen dreien heraus mit seiner permanenten bedrückten Stimmung und seinem endlosen permanenden Psycho-Horror. Ich liebe ihn dafür. Das ist der eine Film dieser drei, in dem die Hauptfigur am Schluss vom Dämon getötet wird. Aber man sieht es nicht so genau. Man sieht aber ganz zu Beginn des Films den Mörder inmitten der Schafherde. Die Parallele ist, dass die Hauptfigur bis zum Ende ebenfalls alles verloren hat. Dieser Niedergang ist txpisch für Filme mit "schlechtem" Ende. Bei The Dark and the Wicked ist es definitiv ein "böses" Ende, denn es sterben alle Figuren und der Teufel "gewinnt" eindeutig. Trotzdem ist es immens stimmig und wäre nicht anders möglich. Wie gesagt, mir sind diese Horrorfilme lieber.

2. Filme mit "gutem" Ende. Das ist relativ einfach und auch das eher faule und feige Ende in meinen Augen. Nehmen wir den Film Get Out. Ein hochgefeierter "Horror"film (eigentlich ein Psychothriller), dem in meinen Augen nichts besonderes anhaftet. Er ist gut aufgebaut wie ein klassisches Regeldrama mit einer Peripetie, während der entschieden wird, wie der Film enden wird. SPOILER! Wird die Hauptfigur zu Ende hypnotisiert und operiert, oder wird er sich der Familie entziehen können, sie vielleicht gar besiegen können? Weil es Hollywood ist, hat man sich dafür entschieden, den jungen Mann die Gangster-Familie abschlachten zu lassen. Ja, das befriedigt alle Rachegelüste und ich verstehe das gut, als Jugendliche habe ich den Graf von Montechristo und Sleepers geliebt. Aber ist es das "richtige" Ende für so einen Film oder hätte ein andere Ende besser gepasst? Ich bin sehr im Zwiespalt, denn natürlich darf und soll es auch Horrorfilme mit "Happy Endings" geben. 

3. Filme mit "indifferentem" oder "offenem" Ende. Hier nehme ich als erstes Beispiel The Descend. Als ich den zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch nicht so drin in Horrorfilmen und habe mich angemacht. Ein paar Frauen entschließen sich, eine Höhle zu erkunden. Pech für sie, dass diese nicht unbewohnt ist. Die Spannung und der Horror, die entstehen, sind einfach meisterhaft. SPOILER! Das ganze spitzt sich zu, fast alle sterben mit der Zeit, es ist genial gemacht. Am Schluss bleibt eine Frau über. Plötzlich findet sie einen Ausgang und kann fliehen. Oder doch nicht? Denn auf einmal öffnet sie ihre Augen und ist wieder in der Höhle, sie hatte ihre Flucht nur geträumt. Der Film endet mit ihrem Versuch, weiter einen Ausgang zu finden und den Wesen zu entkommen. Ein Meisterwerk mit einem würdigen Ende würde ich meinen. Viele Menschen, heute mehr als damals, hassen solche Enden, weil sie Ambiguitäten oder Offenheiten nicht aushalten können und weil sie selbst wenig Phantasie haben. Als zweites Beispiel dient mir mein virtliebster Horrorfilm The Blair Witch Project. Ich mag alle drei Teile sehr, nehme aber hier den zurecht legendären ersten. Drei Menschen gehen in einen Wald, weil sie eine Hexe suchen und sie hätten es besser bleiben lassen. SPOLIER! Sie irren herum, es ist genial inszeniert und dargestellt. Am Schluss finden die verbliebenen zwei von ihnen das Hexenhaus und man endet natürlich im Keller, einer der Männer steht mit dem Gesicht zum Eck im Eck (Winkerlstehen hat das in meiner Kindheit in Österreich geheißen). Es wird viel geschrien, die Kamera plumpst zu Boden und schaltet sich mehr oder weniger aus. Was danach geschieht, bleibt verborgen. Das perfekte Ende für einen perfekten Found-Footage-Film (eine meiner absoluten Lieblingskategorien innerhalb der Horrorfilme), finde ich zumindest. Ein anderes Ende als dieses ist bei beiden vorgestellten Filmen einfach nicht vorstellbar. Die restliche Phantasie muss man selbst mitbringen (das gilt auch für das Science Fiction Genre, das es mir seit meiner Kindheit angetan hat). 

Ich liebe Horrorfilme in erster Linie, weil sie so extrem vielseitig sind, weil in ihnen alles erlaubt ist und alles geht. Von den drei Gruppen zu den Kategorien. 

a) Okkultismus, Hexen (die genannten, Die Autopsie der Jane Doe), Dämonen (Constantin, Hellboy, Mother), Portale (Armee der Finsternis, The Cabin in the Woods), Artefakte (Hellraiser), ohne Besessenheiten.

b)  Clowns. [auf die Punkte gehe ich im Bücherl näner ein, das ich gerade zusammenstelle]

c) Spiegel.

d) Alpträume (Nightmare on Elm Street), Visionen.

d) Haunted House (Das Geisterschloss), Geister, Spuk (Poltergeist, The Conjuring).

e) "Irren"anstalt (American Horror Story Asylum).  

f) Puppen (Annabelle, The Boy)).

g) Einsamkeit, Wälder (The Ritual), Wüsten.

h) Bessesenheiten (The Rite, alle 3 Exorzist). Nehme ich als eigenen Punkt, weil das Genre dermaßen überstrapaziert ist.

i) Filme, in denen Folterungen im Fordergrund stehen und Torture Porns (Hostel, Martyrs und im weiteren Sinne "Sinister", der aber auch in Kategorie a passt).

Das alles kann mit Mystery angeräuchert werden; mit unzuverlässigen Erzählinstanzen; es kann als Found Footage inszeniert sein (Katakomben/Catacombs, Hell House LLC Origins, VHS-Reihe, Haunted Asylum, Paranormal Activity-Reihe, REC) mit Alternative World Komponenten oder gleich mit First Contact Aliens oder in Raumschiffen (Event Horizon, ein weiterer Film bei dem ich damals zu jung war, ihn zu sehen). Die Möglichkeiten und Kombinationsmöglichkeiten erscheinen schier endlos. Das ist der Hauptgrund für meine Liebe zu Horrorfilmen: sie können mich überraschen und zum Staunen bringen. Bei Science Fiction bleibe ich lieber bei den Buch-Wälzern. Horror sehe ich aber lieber, denn ich liebe es, mich zu gruseln - das schaffen zwar nicht mehr viele Filme, aber doch immer wieder ein paar. Öd ist Gore bzw. sind Blutorgien. Terrifier ist stupide, Torture Porn ist meistens voyeuristisch-obszön und wahnsinnig simple. Die einzige Ausnahme hier sind die beiden Sinister-Filme, aber Hostel ist quatsch und weniger explizit als man denkt, da gibt es wilderes (Martyrs) und vor allem krankeres (Human Centipede). Es ist ähnlich wie bei Büchern: wenn man nahezu alles kennt, wird man nur mehr sehr schwer und selten positiv überrascht.

Den anhaltenden Serienboom sehe ich mit geteilten Gefühlen: es gibt sehr gute Serien, aber überwiegend wird Schrott produziert. Zuletzt habe ich bei Deadloch und Rooster nicht nur einmal Tränen gelacht. Aber meine Lieblingsserien gehen Richtung Lost, Westworld, Hannibal, Severance, From, aber auch American Horror Story und Black Mirror. Seit man immer mehr abgeht vom Prinzip "Show, don't Tell" geht es jedenfalls hurtig bergab (das gilt für JEDE Kunstform). Die intellektuelle Unterforderung, der Einheitsbrei, der feige Massengeschmack nehmen einfach überhand. Kunst ist heute allzu oft entweder feig oder zu politisch gewollt. Echte Kreativität und echter Mut werden vor allem im Mainstream immer seltener. Nur mehr in den "Randgenres" wie Horror bei Filmen, hard Science Fiction und Magischen Realismus bei Büchern finde ich Befriedigung. 

Meine drei Lieblingsfilme sind übrigens Mulholland Drive, Die Üblichen Verdächtigen und Angel Heart. Der erste beinhaltet viele Horror-Elemente, vor allem, was die Stimmung und den Subtext betrifft. Der zweite ist eine Art Whodunnit mit großartigem Twist (siehe Schluss von Scary Movie 1, die das kongenial verbraten haben), der dritte hat wiederum, vor allem in den Traumszenen und bei den Morden, etliche Horrorelemente. Auch das Thema des unzuverlässigen Erzählers zieht sich durch fast jedes meiner Liebelingswerke. 

Allgemein auch hier kurz zum Thema Geschmack. Dieser ist absolut subjektiv. Wir waren vor wenigen Tagen in der Neuen Galerie in Graz und dort gibt es das "Bruseum" - ein eigenes Museum für Günter Brus. Eins vorweg: ziemlich alles, das Menschen machen, wenn sie es bewusst als solche definieren, kann man Kunst nennen. Jedes Kritzikratzi, jeden leeren Bilderrahmen, jedes weiße Blatt mit oder ohne Titel. Wo sich mir eine Grenze auftut, ist bei (Selbst)Verstümmelung. Ich habe absolut kein Problem mit Blut oder mit Hermann Nitsch. Aber wenn es um patriarchale Gewalt geht, und Verstümmelung fällt unter dieses Verdikt, ist es zumindest für mich keine Kunst mehr. Eine Frage, die sich bei österreichischer Aktionskunst auch stellt ist der Umgang mit Personen wie Otto Muehl. Ich trete ja, wie in Teil 1 dargelegt, dafür ein, eher das Werk vom Künstler zu trennen und separat zu betrachten. Bei Heidegger schaffen wir das auch. Aber wenn es um (sexuelle) Gewalt gegen Kinder geht - ist da auch diese Trennung möglich und ethisch vertretbar? Das ist wohl eine entscheidende Frage und ich kann sie hier nicht beantworten, auch, weil ich das für mich selbst nicht abschließend entschieden habe.

An dieser Stelle gehört auch die Frage, ob das Verwenden oder Beiziehen oder "Missbrauchen" von so genannter KI Kunst genannt werden kann. Im Grazer Kunsthaus und in der Neuen Galerie sind KI-Werke ausgestellt, also Werke, die mithilfe von KI geschaffen wurden. Es stellen sich hier zwei Fragen. Erstens die ethisch-ökologische Frage nach dem Ressourcenverbrauch. Zweitens natürlich, inwiefern das Schaffen einer kalten nichtdenkenden nicht-bewussten Entität Kunst schaffen bzw. beim Schaffen von Kunst helfen kann. Ich würde es verneinen, dass Computer, Tiere oder Babys im unbewussten Zustand, quasi durch Zufall oder per Programmierung, Kunst schaffen können. Für mich ist Kunst immer ein bewusster Prozess. In Hinblick auf den Ressourcenverbrauch plädiere ich für eine höchst maßvolle Verwendung von "KI", Chatbots und LLMs, bin also klare Gegnerin, verwende Gemini und ChatGPT sehr gezielt. Bleibt als letzte Frage, ob es also Kunst ist, wenn ich einen guten Prompt mache für ein Bild, ein Lied oder einen Film. Ich tendiere hier zu einem klaren Nein. KI-Musik ist Massenware, zusammengemantschtes seelenloses Nichts, nur zum Geldverdienen und für Ruhm. Gleiches gilt für KI-Filme und den Einsatz von KI in Videospielen und Filmen. Diesbezüglich verdrängt KI Menschen und das ist in jedem Fall zu verurteilen und zu vermeiden. Und auch in jenen Fällen, wenn KI keine Menschen verdrängt, ist das Prompten für ein Bild oder Gemälde KEINE Kunst, ich erschaffe dabei nichts und muss nicht malen können. Ich halte es daher für einen Fehler, solche Werke in Museen auszustellen. KI ist eben kein Werkzeug wie ein Pinsel oder eine Kamera und es ist keine "Demokratisierung", wenn jeder Mensch mit einem guten Prompt ein Gemälde erschaffen "kann". Das führt nur zu absoluter Beliebigkeit und zu absoluter Austauschbarkeit. Ich verwehre mich gleichzeitig aber auch jedem "Geniekult", ich verabscheue den Begriff "Genie" zutiefst, da er patriarchal aufgeladen ist und nur für Männer gebraucht bzw. missbraucht wird. Ich bin zu 100% der Meinung, dass jeder Mensch Künstler*in ist und Kunst schaffen kann - es kann nur nicht jeder Mensch alles können - dieses Selbsteingeständnis ist eines der Grundprobleme im neoliberalen Spätkapitalismus. Nicht alle Menschen sind musikalisch, nicht alle Menschen können Malen und Zeichnen, nicht alle Menschen können einen Film drehen oder Skulpturen erschaffen. Aber jeder Mensch kann zumindest IRGENDETWAS. Kunst selbst ist zutiefst demokratisch, es braucht keine "KI" als zusätzliches "Werkzeug". 

Ich werde definitiv noch mindestens einen 3. Teil zu diesen Thematiken schreiben. FIN.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Über Literatur, Literaturkritik und Kunst, Teil 1

Diesmal keine Analyse der Gegenwart, sondern ein Beitrag aus meinem ur-eigenen Metier der Literatur, Literaturkritik und Kunst. Ergänzend zu meiner kurzen Biografie in meinem Blogpost "Analye Teil 4": ich habe bis dato drei Bücher publiziert (prosaische Lyrik, lyrische Prosa, Aphorismen und Kurzgeschichten - postmodern, assoziativ und l'art pour l'art), ein viertes liegt nahezu fertig auf meiner Festplatte.

Ich mache mir seit Jahrzehnten Gedanken darüber, was ein belletristisches Buch für mich lesenswert und attraktiv macht. Es muss mindestens einen der folgenden Punkte erfüllen, bzw. dürfen gewisse Punkte nicht erfüllt sein:

1. Es muss mir einen Erkenntnisgewinn bieten, das heißt, ich muss etwas Neues lernen oder etwas Neues erfahren, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste oder nicht kannte. Es geht primär um Informationen, aber genauso um Gefühle, Orte, Menschengruppen. Deswegen liebe ich hard Sciene Fiction so sehr, denn darin gibt es immer etwas, das mit Physik, Mathematik, Psychologie oder Philosophie zu tun hat, das ich noch nicht (ausreichend) kannte. Ein Buch, aus dem ich nichts lerne, nichts erfahre, das mich nicht zum Nachdenken bringt, das mein Gehirn nicht fordert, hat einen schlechten Stand.

2. Ich schaffe es nur mehr selten, Bücher zu lesen, die nicht wenigstens ein kleines bisschen spannend sind. Ich rede nicht von Krimis oder Thrillern, was ich beides fast nie lese (höchstens am Strand). Ich meine auch die subtile Spannung des simplen "Wie geht es weiter?". Ich muss wissen wollen, wie es weitergeht. Meinetwegen nennen wir es "fesseln" oder "Neugierde wecken". Da ich sehr neugierig bin, ist das keine schwere Aufgabe und ein Buch muss schon sehr großer Mist sein, um diesen Punkt nicht zu erfüllen. Es reichen hier auch spannende Charaktere, deren Weiterentwicklung bzw. weiterer Weg mich einfach interessiert, oder Fakten bzw. Ereignisse, die ich noch erfahren möchte.

3. Kreativität und, mit Einschränkungen, Stil. Ich liebe Romane, die mich überraschen, egal in welcher Hinsicht. Das ist für mich der Punkt der Kreativität, der aber auch eng mit 1 und 2 zusammenhängt. Kreativität kann allerdings auch allein ein Buch interessant und lesenswert machen, etwa das "Blutbuch" von Kim de l'Horizon. Was ich auch liebe ist Magischer Realismus. Jorge Luis Borges und Haruki Murakami sind hier meine Favoriten. Murakami schreibt wahrlich nicht immer "spannend", aber er schafft es immer, dass ich wissen möchte, wie es ausgeht. Dass ich dabei auch ab und an ein paar Seiten querlese, ist kein Verlust. Ich habe nie ein dickes Buch über 500 Seiten gelesen, das nicht ein paar Seiten kürzer hätte sein können. Stil ist natürlich wichtig, aber nur Stil allein macht kein Buch lesenswert: auch in Schönheit gestorben ist gestorben, wenn sonst jede Substanz, jedes "Fleisch", fehlt.

4. Charaktere oder andere Instanzen, die mir eine Sichtweise zeigen, die ich bis dato nicht kannte. Das geht natürlich auch mit den vorhergehenden Punkten einher, vor allem mit dem ersten. Aber hier geht es mir speziell um Charaktere. Figuren muss man zeichnen können als Autor*in, man muss diese gezeichneten faszinierend finden als Leser*in. Dabei ist es egal, ob sie "gut" sind oder "böse" oder "grau". Ambiguität ist meistens das beste an Charakteren, auch im Reallife (viele Menschen können Ambiguität heute nicht mehr ertragen). Es tut auch keinem Buch schlecht, wenn es Figuren beinhaltet, mit denen man sich zumindest ein bisschen identifizieren kann. Vor allem als Jugendliche war es in meinen Lieblingsgenres (Hohlbein, King, Goethe, Kafka) hart, eine Jugendliche zu finden. Gleiches auf der Uni, als ich Germanistik studiert habe (nicht fertig) - der damalige Kanon um 2000 hat so gut wie keine Frauen beinhaltet. Vielleicht bin ich deshalb so "empflindlich" bei diesem Punkt, aber ich bin der Meinung, dass jedes gute Buch eine interessante Frauenfigur enthalten muss. Außerdem gehört hierher, dass ich ein sehr empathischer Mensch bin (ich arbeite ja auch im Sozialbereich), es ist also nicht schwer, mich zu Mitgefühl und Mitleiden zu bringen. Ein Buch oder ein Film, das/der mich kaltlässt, hat wirklich auf ganzer Linie versagt.

5. Was ich nicht mehr lesen kann, sind Romane voller Männerfiguren, die noch dazu in ihrer Zeit stecken geblieben sind. Das macht leider einen guten Teil der klassischen Science Fiction aus, ebenso wie jene der klassischen Literatur-Canones. Durch die Foundation Trilogie habe ich mich geqäult und nicht nur durch sie, der gleiche Horror war es heuer bei den Brüdern Karamasov. Viele Geschichten sind heute restlos überaltert (kill me for that), genau wie ihre Figuren, und das hat heute in meinem Leben einfach keinen Platz mehr, ich habe keine Zeit mehr für schlechte Bücher. 2025 habe ich noch einmal den "Zauberberg" gelesen und er hat mir genauso wenig gefallen wie vor 20 Jahren. Leider ist es heute noch wie damals Pflichtlektüre für angehende Germanist*innen. Furchtbar. Damals habe ich mich auch durch Krieg und Frieden gequält und durch die Romane von Goethe - es war Zeitverschwendung (von heute aus gesehen). Oder Prosa-Bestenlisten auf Youtube. Mir geht nicht ein, wie der Don Quixote da regelmäßig in die Top 5 kommt oder der Ulysses. Das ist heute genauso unlesbar wie die  amerikanischen Romane (Gatsby usw.) und jene der Bronte-Schwestern plus Jane Austen (sorry, weder Emma, noch Sturmhöhe, noch Jayne Ayre haben mir irgendetwas gebracht) oder von Charles Dickens und Konsorten. Ich habe mich da für eine humanistische Bildung durchgequält, wenige Monate nach der Lektüre ist alles vergessen (wie bei Houellebecq mit der Ausnahme "Karte und Gebiet"). Tatsache ist für mich heute, dass die meisten dieser "Klassiker" die Zeit nicht wert sind, die ich mit ihnen verbracht habe. Was sollen wir heute aus uralten Romanen lernen? Was soll der Erkenntnisgewinn sein? Ehrlicherweise ist da mit Fachliteratur mehr gedient - also Geschichtsbücher, (Auto)Biografien oder philosophische/soziologische/feministische Primärliteratur. Ich verschlinge neuerdings (Auto)Biographien (dazu zähle ich auch Hilary Mantels Tudor-Trilogie)! An diesem Punkt versagt für mich Belletristik komplett und verliert für mich die Sinnhaftigkeit. Aber das ist nur meine Meinung aus meiner Lebenserfahrung und Hunderter alter Romane heraus. Generell lese ich heute in etwa 50% Fachbücher und 50% Romane. Ich bin viel am Überlegen, was mir das Lesen von "Klassikern" gebracht hat. Eine nicht unwesentliche (Allgemein)Bildung mit Sicherheit, genauso wie ein breites (Welt)Wissen, stilistisch wohl eher wenig, da stechen nur wenige heraus (zB Thomas Bernhard, Samuel Beckett). Muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, ob das Lesen von (ur)alten Büchern einen Mehrwert bringt, also ob die erwähnte Allgemeinbildung einen Wert für einen selbst hat (bei mir war und ist es jedenfalls so, nur heute anders als früher - ich habe früher nie so viele Fachbücher gelesen wie heute). 

6. Was ich auch nicht mehr ausstehen kann, sind autofiktionale Maturantenprosa und Befindlichkeitsprosa. Der Punkt ist auch hier, dass ich diesbezüglich gleich zu Fachliteratur greife, wenn mich ein Thema sehr interessiert und dann brauche ich keinen Roman mehr. Außerdem interessiert mich das Leben etwa einer Doris Knecht einfach nicht. Das Gegenteil also von Punkt 5: zu viel Gegenwart und zu viel Leben mir wildfremder Menschen ist auch ein Desaster, zumindest bei Belletristik. 

7. Daher müssen Romane für mich primär erfundene Geschichten sein, die mich fesseln und die mich etwas lehren, bestenfalls aus Perspektiven, die ich bis dato nicht kannte. Das liest sich auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu Punkten, die ich oben geschrieben habe, und dafür bitte ich um Entschuldigung. Vielleicht kann ich meine Gedanken auch nach so vielen Jahren des Reflektierens und Lesens über das Lesen und Schreiben nicht so gut niederschreiben bzw. fokussieren, wie ich gern würde. Ich kann es nur anhand von Beispielen nachvollziehbarer machen. Meine Lieblingsbücher: die Southern Reach Quadrologie, American Psycho, The Waste Land, Childe Roland to the Dark Tower Came, Hyperion/Endymion/Ilium/Olympos, alles von Frank Herbert und Shakespeare, Blindsight und Echopraxia, die Trisolaris Trilogie, 2666, Extrem laut und unglaublich nah, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Es gibt keine Antimimentik-Abteilung, Mein Herz so weiß, Ursula K. LeGuin, Octavia E. Butler, Raphaela Edelbauer, Jonathan Coe, Douglas Stuart, 1984,...; Didier Eribon, Gramsci, Michel Foucault, Beauvoir, Arendt, Camus, Adorno, Horkheimer, Erich Fromm, Bourdieu, Ulrike Herrmann, Eva von Redecker, Annicka Brockschmidt, Carolin Amlinger, David Graeber,... Wie Sie sehen, finden sich in meiner Liste nicht überragend viele "Klassiker". Hunderte Bücher, die heute alle möglichen Listen anführen, haben sich im Nachhinein und mit Abstand als nahezu verlorene Zeit entpuppt. Oder auch nicht, ich weiß es nicht. Was hat mir Krieg und Frieden gebracht? Was hat mich die Blechtrommel gelehrt? Keine Ahnung. Es war aber während meines Germanistik-Studiums richtig, diese Romane zu lesen, das möchte ich noch betonen. Jedes Buch hat seine Zeit, auch das weiß ich heute mit Sicherheit. Sollte mein "Urteil" als zu hart erscheint, dann meine ich das sicher nicht so todernst, denn ich schätz natürlich die Bildung und das Wissen, das mir diese Klassiker vermittelt haben sehr.

8. Was ich auf den Tod nicht mehr ausstehen kann, ist, wenn meine Lebenszeit mit Blabla vergeudet wird, mit Belanglosigkeiten, (irrelevanten) Abschweifungen, Allgemeinplätzen, unfassbar faden Details, unendlichen Expositionen, ohne jemals oder absehbar auf den Punkt zu kommen. Das ist dermaßen ermüdend und langweilig und führt entweder zu querlesen oder zu Beendigung.

9. Möglich ist auch, dass ich an totaler Übersättigung laboriere. Ich meine, mich zu erinnern, dass es mir als Jugendlicher und junger Erwachsener unendlich wichtig war, die ganzen Klassiker zu lesen. Ich bin Arbeiterkind und für mich war das durchaus eine Art Distinktion, dieses Lesen dieser speziellen Bücher und diese "heiligen Hallen" einer Universität. Es hat mir damals mehr bedeutet als heute, diese Werke zu bearbeiten und dieses "Mitreden-Können" (wie gesagt, an die meisten Werke kann ich mich nicht im Ansatz erinnern und es ist mir ziemlich egal). Heute denke ich ermüdet an diese Zeit zurück, aber auch mit Stolz. Meine "Reading Stamina" ist heute noch hoch, ich lege miese Bücher weg und verschlinge andere. Ebenso sind meine Prioritäten ganz anders. Ich schreibe zwar noch Belletristik, aber aktuell primär Politik und Philosophie. Zwar war ich natürlich immer ein politischer Mensch, aber das politische Schreiben ist noch einmal ganz anders - seit gut 10 Jahren mache ich das und ich habe mir nie schwer getan. Wohingegen das belletristische Schreiben seit vielen Jahren viel schwerer ist. Ich bin Anhängerin der Theorie, dass jeder Mensch nur eine gewisse Substanz an Kreativität in sich trägt und das dieses Quantum irgendwann aufgebraucht ist. Aktuell schreibe ich meine Biographie und einen dystopischen politisch-philosophischen alternative world first contact (hard) Science Fiction Roman, in dem ich alles verbraten möchte, das mir in den letzten Jahren durch den Kopf gegangen ist. Ich muss dazusagen, ich schreibe nicht, um reich zu werden; und wäre ich Narzisstin, hätte ich einen Youtube-Kanal, einen Podcast und ein Profil auf X, Insta und TikTok. Ich habe nichts von alledem, mir geht es sehr gut. 

An dieser Stelle ist es angebracht, zu erwähnen, dass Kunst und Kunstkritik über alle Maßen subjektiv sind. Es gibt hier keine Objektivität (die gibt es auch sonst nirgends, aber zu Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie in einem anderen Blog - Stichworte Kritische Theorie und Kritischer Rationalismus). Es gibt auch kein Richtig und kein Falsch, wichtig ist es, überhaupt zu lesen. Erst wenn man viel liest, sollte man sich Gedanken über die Qualität der Literatur machen. Und dann sollte man sich von "Romantasy", "Dark Romance", Krimis und Thrillern verabschieden bzw. von jedem Buch, das man an einem Tag lesen kann (zB Grisham, King, Dan Brown usw. lese ich heute zum Runterkommen zwischen den schweren Büchern, bei denen ich mich konzentrieren muss; damit erfüllen sie in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle). In der Kritik und generell im Feuilleton nehmen sich die vielen älteren meist konservativen Herren viel zu ernst und sie vergreifen sich leider nicht selten im Ton. Ich möchte mich nicht bierernst nehmen, dieser Beitrag hier ist primär zur Diskussion und weil ich das endlich mal alles für mich selbst niedergeschrieben haben möchte. Beim Thema Geschmack geht es oft hoch her. Wo ich auch emotional werde sind etwa Sexismus, Rechtsextremismus oder reaktionäres Gedankengut. Was ich deshalb noch klarstellen möchte: als halber Germanistin ist es mir natürlich klar, dass jedes Werk seine eigene Zeit hat, aus seiner bestimmten Zeit stammt. Das ist die hermeneutische Interpretation, die auch text-transzendente Faktoren miteinschließt. So gesehen waren die Werke der Bronte-Schwestern, von Jane Austen oder von Mary Shelley extrem wichtig und in ihrer Zeit brillante Werke! Aber postmodern betrachtet bzw. (post-)strukturalistisch, wenn man quasi nur die Texte betrachtet, dann sieht die Sache anders aus. Ich gebe zu, die meisten Bücher und Texte lese ich primär auf diese selbst bezogen, ich blende Autor*in aus, das negative (siehe Heidegger usw.) wie das positive (die genannten Frauen usf.). Ich lese meistens nur den Text und es ist mir meistens egal, wann er entstanden ist und wer ihn geschrieben hat. Das allein dekonstruiert das ganze Gerede von "Klassikern" und Literatur-Kanones. Denn wenn ich jede Zeitlichkeit ausschließe (was ich nicht tue), dann ist das beste Buch einfach das beste Buch, unabhängig vom Rest. Und dann lese ich auch keine sexistische Science Fiction aus den 1950ern und 1960ern, weil sie mir nichts bringt. Ich lese aber auch keine "großen" Bildungsromane aus dem 19. Jahrhundert, weil diese mir genauso wenig bringen. Im Endeffekt zählt für mich Text-Immanenz mehr als Text-Transzendenz, das sehe ich überwiegend allgemein auf Kunst und Philosophie bezogen so. Definitiv bin ich der Meinung, dass man umso bessere Werke schafft, je mehr man von Werken der gleichen Kunstrichtung rezipiert hat UND je mehr man über die Theorie dieser Kunstgattung Bescheid weiß - Beispiel: eine Autorin, die viel liest und ein Germanistikstudium abgeschlossen hat, wird im Regelfall lesenswertere und hochwertigere Bücher schreiben.

Ich schaue ja gern den Literaturclub, aber nie die reaktionären Altherren Scheck und Sichrovsky (wobei Schecks Kanon nicht ganz so blöd ist wie man glauben könnte) oder das selbstverliebt-bierernste Literarische Quartett. Ich mag Philip Tingler, er ist wenigstens ehrlich und ziemlich gebildet. Letztens in einer Runde haben sich alle als Fans von Michel Houellebecq geoutet. Was witzig ist, ich habe auch alles von ihm gelesen, aber spätestens ein Jahr später weiß ich nichts mehr über den Inhalt seiner Romane (Ausnahme siehe weiter oben). So geht es mir mit jeder Unterhaltungsliteratur, was ok ist. Ich habe bloß gemerkt, dass die etwas in seinen Romanen finden, das ich nicht im Ansatz darin finde. Man macht sich ja dann Gedanken. Ich denke aber auch, dass jeder Mensch seine eigenen Ideen zu Literatur und Kunst hat. Was Kunst betrifft liebe ich wirklich sehr Moderne Kunst und die hochdepressive verstörende Gegenwartskunst. Da ich auch Horrorfilme liebe, liebe ich Contemporary Art. Ich kann auf Städtereisen an keiner Galerie, an keinem Museum vorbeigehen. Spannenderweise mag ich bei Gemälden genauso gern Dennis Hopper wie Francis Bacon, Claude Lorrain wie Jackson Pollok, Vilhelm Hammershoi wie Dalí und Gustave Courbet wie Caspar David Friedrich. Sehr liebe ich Konzeptkunst, Landart, Feminist Art, Skulpturen wie von Giacometti, Architektur (besonders Kirchen) und das Spielen mit Materialien. Was mir nicht so taugt, ist die Tendenz von manchen politischen Menschen, ihre politische Message hinter Kunst zu verstecken. Kunst muss immer auch Ästhetik sein. Wenn Kunst nur mehr politisch ist und fünf Seiten Text braucht, um "verstanden" zu werden, dann brauche ich das nicht. Auch hier bevorzuge ich die direkte Art - also bitte gleich ein (politisches) Buch schreiben oder einen (politischen) Film drehen. Aber nicht die politische Message hinter Nicht-Ästhetik verstecken und damit Museen missbrauchen. Seid ehrlich zu uns und euch selbst und macht offen Politik wie ich hier. Das ist mir (uns) kürzlich in Barcelona passiert. Zwei der Museen waren von oben bis unten voll mit politischer Message (leider viel Antisemitismus) ohne jede Ästhetik, also eigentlich ohne Kunst. Es war ein Desaster, wir blieben nicht lange und konzentrierten uns dann auf die anderen Museen (Barcelona ist ein absoluter Traum!). Ich werde noch einen extra Beitrag schreiben über Horror und alles andere, das jetzt den Rahmen sprengen würde. FIN.