Diesmal keine Analyse der Gegenwart, sondern ein Beitrag aus meinem ur-eigenen Metier der Literatur, Literaturkritik und Kunst. Ergänzend zu meiner kurzen Biografie in meinem Blog "Analye Teil 4": ich habe bis dato drei Bücher publiziert (prosaische Lyrik, lyrische Prosa und Kurzgeschichten - postmodern, assoziativ und l'art pour l'art), ein viertes liegt nahezu fertig auf meiner Festplatte.
Ich mache mir seit Jahrzehnten Gedanken darüber, was ein belletristisches Buch für mich lesenswert und attraktiv macht. Es muss mindestens einen der folgenden Punkte erfüllen, bzw. dürfen gewisse Punkte nicht erfüllt sein:
1. Es muss mir einen Erkenntnisgewinn bieten, das heißt, ich muss etwas Neues lernen oder etwas Neues erfahren, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste oder nicht kannte. Es geht primär um Informationen, aber genauso um Gefühle, Orte, Menschengruppen. Deswegen liebe ich hard Sciene Fiction so sehr, denn darin gibt es immer etwas, das mit Physik, Mathematik, Psychologie oder Philosophie zu tun hat, das ich noch nicht kannte. Ein Buch, aus dem ich nichts lerne, nichts erfahre, das mich nicht zum Nachdenken bringt, das mein Gehirn nicht fordert, hat einen schlechten Stand.
2. Ich schaffe es nur mehr selten, Bücher zu lesen, die nicht wenigstens ein kleines bisschen spannend sind. Ich rede nicht von Krimis oder Thrillern, was ich beides fast nie lese (höchstens am Strand). Ich meine auch die subtile Spannung des simplen "Wie geht es weiter?". Ich muss wissen wollen, wie es weitergeht. Meinetwegen nennen wir es "fesseln" oder "Neugierde wecken". Da ich sehr neugierig bin, ist das keine schwere Aufgabe und ein Buch muss schon sehr großer Mist sein, um diesen Punkt nicht zu erfüllen. Es reichen hier auch spannende Charaktere, deren Weiterentwicklung bzw. weiterer Weg mich einfach interessiert, oder Fakten, die ich noch erfahren möchte.
3. Kreativität und, mit Einschränkungen, Stil. Ich liebe Romane, die mich überraschen, egal in welcher Hinsicht. Das ist für mich der Punkt der Kreativität, der aber auch eng mit 1 und 2 zusammenhängt. Kreativität kann allerdings auch allein ein Buch interessant und lesenswert machen, etwa das "Blutbuch" von Kim de l'Horizon. Was ich auch liebe ist Magischer Realismus. Jorge Loius Borges und Haruki Murakami sind hier meine Favoriten. Murakami schreibt wahrlich nicht immer "spannend", aber er schafft es immer, dass ich wissen möchte, wie es ausgeht. Dass ich dabei auch ab und an ein paar Seiten querlese, ist kein Verlust. Ich habe nie ein dickes Buch über 500 Seiten gelesen, das nicht ein paar Seiten kürzer hätte sein können. Stil ist natürlich wichtig, aber nur Stil allein macht kein Buch lesenswert: auch in Schönheit gestorben ist gestorben, wenn sonst jede Substanz fehlt.
4. Charaktere oder andere Instanzen, die mir eine Sichtweise zeigen, die ich bis dato nicht kannte. Das geht natürlich auch mit den vorhergehenden Punkten einher, vor allem mit dem ersten. Aber hier geht es mir speziell um Charaktere. Figuren muss man zeichnen können als Autor*in, man muss diese gezeichneten faszinierend finden. Dabei ist es egal, ob sie "gut" sind oder "böse" oder "grau". Ambiguität ist meistens das beste an Charakteren, auch im Reallife (viele Menschen können Ambiguität heute nicht mehr ertragen). Es tut auch keinem Buch schlecht, wenn es Figuren beinhaltet, mit denen man sich zumindest ein bisschen identifizieren kann. Vor allem als Jugendliche war es in meinen Lieblingsgenres hart, eine Jugendliche zu finden. Gleiches auf der Uni, als ich Germanistik studiert habe (nicht fertig) - der damalige Kanon hat so gut wie keine Frauen beinhaltet. Vielleicht bin ich deshalb so empflindlich bei diesem Punkt, aber ich bin der Meinung, dass jedes gute Buch eine interessante Frauenfigur enthalten muss. Außerdem gehört hierher, dass ich ein sehr empathischer Mensch bin (ich arbeite ja auch im Sozialbereich), es ist also nicht schwer, mich zu Mitgefühl und Mitleiden zu bringen. Ein Buch oder ein Film, das/der mich kaltlässt, hat wirklich auf ganzer Linie versagt.
5. Was ich nicht mehr lesen kann, sind Romane voller Männerfiguren, die noch dazu in ihrer Zeit stecken geblieben sind. Das macht leider einen guten Teil der klassischen Science Fiction aus, ebenso wie jene der klassischen Literatur-Canones. Durch die Foundation Trilogie habe ich mich geqäult und nicht nur durch sie, der gleiche Horror war es heuer bei den Brüdern Karamasov. Viele Geschichten sind heute restlos überaltert (kill me for that), genau wie ihre Figuren, und das hat heute in meinem Leben einfach keinen Platz mehr, ich habe keine Zeit mehr für schlechte Bücher. 2025 habe ich noch einmal den "Zauberberg" gelesen und er hat mir genauso wenig gefallen wie vor 20 Jahren. Leider ist es heute noch wie damals Pflichtlektüre für angehende Germanist*innen. Furchtbar. Damals habe ich mich auch durch Krieg und Frieden gequält und durch die Romane von Goethe - es war Zeitverschwendung (von heute aus gesehen). Oder Prosa-Bestenlisten auf Youtube. Mir geht nicht ein, wie der Don Quixote da regelmäßig in die Top 5 kommt. Das ist heute genauso unlesbar wie die amerikanischen Romane (Gatsby usw.) und jene der Bronte-Schwestern plus Jane Austen (sorry, weder Emma, noch Sturmhöhe, noch Jayne Ayre haben mir irgendetwas gebracht) oder von Charles Dickens. Ich habe mich da für eine humanistische Bildung durchgequält, wenige Monate nach der Lektüre ist alles vergessen (wie bei Houellebecq mit der Ausnahme "Karte und gebiet"). Tatsache ist für mich heute, dass die meisten dieser "Klassiker" die Zeit nicht wert sind, die ich mit ihnen verbracht habe. Was sollen wir heute aus uralten Romanen lernen? Was soll der Erkenntnisgewinn sein? Ehrlicherweise ist da mit Fachliteratur mehr gedient - also Geschichtsbücher, (Auto)Biografien oder philosophische/soziologische/feministische Primärliteratur. Ich verschlinge neuerdings (Auto)Biographien (dazu zähle ich auch Hilary Mantels Tudor-Trilogie)! An diesem Punkt versagt für mich Belletristik komplett und verliert für mich die Sinnhaftigkeit. Aber das ist nur meine Meinung aus meiner Lebenserfahrung und Hunderter alter Romane heraus. Generell lese ich heute in etwa 50% Fachbücher und 50% Romane. Ich bin viel am Überlegen, ob mir das Lesen von "Klassikern" viel gebracht hat. Eine gewisse (Allgemein)Bildung mit Sicherheit, stilistisch wohl eher wenig, da stechen nur wenige heraus (zB Thomas Bernhard, Samuel Beckett). Muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, ob das Lesen von (ur)alten Büchern einen Mehrwert bringt, ich habe meine Zweifel (Ausnehmen hier würde ich ganz klar alle Epen und Versromane, die sind allein stilistisch ein Gewinn, aber natülich auch inhaltlich!).
6. Was ich auch nicht mehr ausstehen kann, sind autofiktionale Maturantenprosa und Befindlichkeitsprosa. Der Punkt ist auch hier, dass ich diesbezüglich gleich zu Fachliteratur greife, wenn mich ein Thema sehr interessiert und dann brauche ich keinen Roman mehr. Außerdem interessiert mich das Leben etwa einer Doris Knecht einfach nicht. Das Gegenteil also von Punkt 5: zu viel Gegenwart und zu viel Leben mir wildfremder Menschen ist auch ein Desaster.
7. Daher müssen Romane für mich primär erfundene Geschichten sein, die mich fesseln und die mich etwas lehren, bestenfalls aus Perspektiven, die ich bis dato nicht kannte. Das liest sich auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu Punkten, die ich oben geschrieben habe, und dafür bitte ich um Entschuldigung. Vielleicht kann ich meine Gedanken auch nach so vielen Jahren des Reflektierens und Lesens über das Lesen und Schreiben nicht so gut niederschreiben, wie ich gern würde. Ich kann es nur anhand von Beispielen nachvollziehbarer machen. Meine Lieblingsbücher: die Southern Reach Quadrologie, American Psycho, The Waste Land, Childe Roland to the Dark Tower Came, Hyperion/Endymion/Ilium/Olympos, alles von Frank Herbert und Shakespeare, Blindsight und Echopraxia, die Trisolaris Trilogie, Extrem laut und unglaublich nah, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Es gibt keine Antimimentik-Abteilung, Mein Herz so weiß, Ursula K. LeGuin, Octavia E. Butler, Raphaela Edelbauer, Jonathan Coe, Douglas Stuart, 1984,...; Didier Eribon, Gramsci, Michel Foucault, Beauvoir, Arendt, Adorno, Horkheimer, Erich Fromm, Ursula Herrmann, Eva von Redecker, Annicka Brockschmidt, Carolin Amlinger, David Graeber,... Wie Sie sehen, finden sich in meiner Liste nicht überragend viele "Klassiker". Hunderte Bücher, die heute alle möglichen Listen anführen, haben sich im Nachhinein und mit Abstand als nahezu verlorene Zeit entpuppt. Oder auch nicht, ich weiß es nicht. Was hat mir Krieg und Frieden gebracht? Was hat mich die Blechtrommel gelehrt? Keine Ahnung. Es war aber während meines Germanistik-Studiums richtig, diese Romane zu lesen, das möchte ich noch betonen. Jedes Buch hat seine Zeit, auch das weiß ich heute mit Sicherheit. Wenn mein "Urteil" als zu hart erscheint, dann meine ich das sicher nicht so todernst.
8. Was ich auf den Tod nicht mehr ausstehen kann, ist, wenn meine Lebenszeit mit Blabla vergeudet wird, mit Belanglosigkeiten, (irrelevanten) Abschweifungen, Allgemeinplätzen, unfassbar faden Details, unendlichen Exposierungen, ohne jemals oder absehbar auf den Punkt zu kommen. Das ist dermaßen ermüdend und langweilig und führt entweder zu querlesen oder zu Beendigung.
9. Möglich ist auch, dass ich an totaler Übersättigung laboriere. Ich meine, mich zu erinnern, dass es mir als Jugendlicher und junger Erwachsener unendlich wichtig war, die ganzen Klassiker zu lesen. Ich bin Arbeiterkind und für mich war das durchaus eine Art Distinktion, dieses Lesen dieser speziellen Bücher und diese "heiligen Hallen" einer Universität. Es hat mir damals mehr bedeutet als heute, diese Werke zu bearbeiten und dieses "Mitreden-Können" (wie gesagt, an die meisten Werke kann ich mich nicht im Ansatz erinnern und es ist mir vollkommen egal). Heute denke ich ermüdet an diese Zeit zurück, aber auch mit Stolz. Meine "Reading Stamina" ist heute noch hoch, ich lege miese Bücher weg und verschlinge andere. Ebenso sind meine Prioritäten ganz anders. Ich schreibe zwar noch Belletristik, aber aktuell primär Politik und Philosophie. Zwar war ich natürlich immer ein politischer Mensch, aber das politische Schreiben ist noch einmal ganz anders - seit gut 10 Jahren mache ich das und ich habe mir nie schwer getan. Wohingegen das belletristische Schreiben seit vielen Jahren viel schwerer ist. Ich bin Anhängerin der Theorie, dass jeder Mensch nur eine gewisse Substanz an Kreativität in sich trägt und das dieses Quantum irgendwann aufgebraucht ist. Aktuell schreibe ich meine Biographie und einen dystopischen politisch-philosophischen alternative world first contact (hard) Science Fiction Roman, in dem ich alles verbraten möchte, das mir in den letzten Jahren durch den Kopf gegangen ist. Ich muss dazusagen, ich schreibe nicht, um reich zu werden; und wäre ich Narzisstin, hätte ich einen Youtube-Kanal, einen Podcast und ein Profil auf X, Insta und TikTok. Ich habe nichts von alledem, mir geht es sehr gut.
An dieser Stelle ist es angebracht, zu erwähnen, dass Kunst und Kunstkritik über alle Maßen subjektiv sind. Es gibt hier keine Objektivität (die gibt es auch sonst nirgends, aber zu Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie in einem anderen Blog). Es gibt auch kein Richtig und kein Falsch, wichtig ist es, überhaupt zu lesen. Erst wenn man viel liest, sollte man sich Gedanken über die Qualität der Literatur machen. Und dann sollte man sich von "Romantasy", "Dark Romance", Krimis und Thrillern verabschieden bzw. von jedem Buch, das man an einem Tag lesen kann (zB Grisham, King, Dan Brown usw. lese ich heute zum Runterkommen zwischen den schweren Büchern, bei denen ich mich konzentrieren muss; damit erfüllen sie in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle). In der Kritik und generell im Feuilleton nehmen sich die vielen älteren meist konservativen Herren viel zu ernst. Ich möchte mich nicht bierernst nehmen, dieser Beitrag hier ist primär zur Diskussion und weil ich das endlich mal alles für mich selbst niedergeschrieben haben möchte. Beim Thema Geschmack geht es oft hoch her. Wo ich auch emotional werde sind etwa Sexismus, Rechtsextremismus oder reaktionäres Gedankengut. Was ich deshalb noch klarstellen möchte: als halber Germanistin ist es mir natürlich klar, dass jedes Werk seine eigene Zeit hat, aus seiner bestimmten Zeit stammt. Das ist die hermeneutische Interpretation, die auch text-transzendente Faktoren miteinschließt. So gesehen waren die Werke der Bronte-Schwester, von Jane Austen oder von Mary Shelley extrem wichtig und in ihrer Zeit brillante Werke! Aber postmodern betrachtet bzw. (post-)strukturalistisch, wenn man quasi nur die Texte betrachtet, dann sieht die Sache anders aus. Ich gebe zu, die meisten Bücher und Texte lese ich primär auf diese selbst bezogen, ich blende Autor*in aus, das negative (siehe Heidegger usw.) wie das positive (die genannten Frauen usf.). Ich lese meistens nur den Text und es ist mir meistens egal, wann er entstanden ist und wer ihn geschrieben hat. Das allein dekonstruiert das ganze Gerede von "Klassikern" und Literatur-Kanones. Denn wenn ich jede Zeitlichkeit ausschließe, dann ist das beste Buch einfach das beste Buch, unabhängig vom Rest. Und dann lese ich auch keine sexistische Science Fiction aus den 1950ern und 1960ern, weil sie mir nichts bringt. Ich lese aber auch keine "großen" Bildungsromane aus dem 19. Jahrhundert, weil diese mir genauso wenig bringen. Im Endeffekt zählt Text-Immanenz mehr als Text-Transzendenz.
Ich schaue ja gern den Literaturclub, aber nie die reaktionären Altherren Scheck und Sichrovsky (wobei Schecks Kanon nicht ganz so blöd ist wie man glauben könnte) oder das selbstverliebt-bierernste Literarische Quartett. Ich mag Philip Tingler, er ist wenigstens ehrlich und ziemlich gebildet. Letztens in einer Runde haben sich alle als Fans von Michel Houellebecq geoutet. Was witzig ist, ich habe auch alles von ihm gelesen, aber spätestens ein Jahr später weiß ich nichts mehr über den Inhalt seiner Romane (Ausnahme siehe weiter oben). So geht es mir mit jeder Unterhaltungsliteratur, was ok ist. Ich habe bloß gemerkt, dass die etwas in seinen Romanen finden, das ich nicht im Ansatz darin finde. Man macht sich ja dann Gedanken. Ich denke aber, dass jeder Mensch seine eigenen Ideen zu Literatur und Kunst hat. Was Kunst betrifft liebe ich wirklich sehr Moderne Kunst und die hochdepressive verstörende Gegenwartskunst. Da ich auch Horrorfilme liebe, liebe ich Contemporary Art. Ich kann auf Städtereisen an keiner Galerie, an keinem Museum vorbeigehen. Spannenderweise mag ich bei Gemälden genauso gern Dennis Hopper wie Francis Bacon, Claude Lorrain wie Jackson Pollok, Vilhelm Hammershoi wie Dalí und Gustave Courbet wie Caspar David Friedrich. Sehr liebe ich Konzeptkunst, Landart, Feminist Art, Skulpturen wie von Giacometti, Architektur (besonders Kirchen) und das Spielen mit Materialien. Was mir nicht so taugt, ist die Tendenz von manchen politischen Menschen, ihre politische Message hinter Kunst zu verstecken. Kunst muss immer auch Ästhetik sein. Wenn Kunst nur mehr politisch ist und fünf Seiten Text braucht, um "verstanden" zu werden, dann brauche ich das nicht. Auch hier bevorzuge ich die direkte Art - also bitte gleich ein Buch schreiben oder einen Film drehen. Aber nicht die politische Message hinter Nicht-Ästhetik verstecken und damit Museen missbrauchen. Seid ehrlich zu uns und euch selbst und macht offen Politik wie ich hier. Das ist mir (uns) kürzlich in Barcelona passiert. Zwei der Museen waren von oben bis unten voll mit politischer Message ohne Ästhetik, also eigentlich ohne Kunst. Es war ein Desaster, wir blieben nicht lange und konzentrierten uns dann auf die anderen Museen (Barcelona ist ein absoluter Traum!). Ich werde noch einen extra Beitrag schreiben über Horror und alles andere, das jetzt den Rahmen sprengen würde. FIN.
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