Was mir auffällt, ist, dass vor allem Männer andere Männer vollkommen falsch einschätzen, wenn erstere letztere etwa als "Genies" bezeichnen, als "Macher" oder als "gebildet". Ich habe soeben in den letzten 12 Monaten die (Auto)Biografien von folgenden Personen gelesen: Kant, Arendt, Beauvoir, Trotzki, Luxemburg, Stalin, Mussolini (Teil 1) und Hitler (Teil 1). Was mir sehr auffällt sind dabei zwei Punkte. Erstens sind alle Diktatoren nicht übermäßig intelligent gewesen und sie waren auch nur unterdurchschnittlich gebildet (für Lenin mag anderes gelten, der kommt noch). Zweitens waren sie alle große Redner, konnten Massen fesseln, in ihren Bann ziehen und faktisch manipulieren. Das sind keine neuen Feststellungen. Das "Witzige" ist, dass diese Charakterisierungen genauso auf Trump, Bolsonaro, Kickl und Milei plus Musk plus Thiel zutreffen, in gewisser Weise auch auf Weidel, LePen und Meloni. Wobei ich den heutigen Gestalten bis auf Trump mehr Bildung zuschreiben würde und eine höhere Intelligenz als den bekannten Diktatoren, wenn auch nicht viel mehr. Von Stalin und Hitler wissen wir, dass sie wenig und nur sehr eng gelesen haben, ähnliches gilt für den "Duce". Hauptsächlich haben sie alle möglichen Zeitungen gelesen und das ist erstaunlicherweise mehr als man von einigen heutigen "Führergestalten" erwarten darf. Niemand von den älteren und von den aktuellen hat sich je tiefgehend mit Staatsführung beschäftigt, mit Soziologie, Philosophie, Sprache(n) oder Naturwissenschaften - sie alle haben sich auf eine Art natürlicher Begabung der Demagogie und Manipulation verlassen. Wenn man sich heute eine Rede von Hitler anschaut und nicht gefestigt antifaschistisch ist, dann könn(t)en diese Redeorgien auch heute noch eine gewisse Anziehungskraft entfalten. Man merkt, dass die heutigen (Post)Faschisten sich bei ihren "Alten Meistern" einiges abgeschaut haben, rhetorische Ähnlichkeiten sind vor allem in Bierzelten, Bierkellern oder bei bestimmten Rüpeln unüberhörbar (Trump ist auch hier eine Ausnahme - was der von sich gibt, geht über jede Möglichkeit der Rationalisierung hinaus). Mit ihren Redefähigkeiten schafften und schaffen sie es auch noch heute, über alle anderen, größtenteils gravierenden, inhaltlichen Defizite hinwegzutäuschen. In den etablierten demokratischen Parteien gibt es leider nur allzu oft den gleichen Mangel an Bildung, Vernunft, Verstand und Empathie - leider aber ohne jedes Redetalent, was auch zum Teil das schlechte Dastehen erklärt: die Rechten können in den Augen des Mobs wenigstens reden, auch wenn ihre Inhalte teils abscheulich sind, den Linken fehlen teils die Inhalte und noch obendrauf das (populistische) Redetalent. Mag sein, dass man absichtlich auf Populismus verzichtet, aber das wäre nicht intelligent - im Kampf gegen den Faschismus nützt es nichts, wenn man in Schönheit untergeht, wichtig wäre es, überhaupt nicht unterzugehen. Ich würde hier nach Weber einer Verantwortungsethik den Vorzug geben gegenüber einer Gesinnungsethik (ja, ich trete für einen linken ökosozialen Populismus ein). Zu allererst trete ich aber für (Allgemein)Bildung ein, für das Erlernen des Gebrauches von Vernunft und Verstand sowie von Empathie. Nicht zuletzt schaffen es die Rechten mit ihren falschen Versprechungen und Lügen und Verdrehungen heute viel mehr als Linke, dass die teils verzweifelten, teils abgehängten, teils desillusionierten und vor allem wütenden Massen in ihnen etwas sehen bzw. hineinprojezieren, das man nur als "Heilsbringerschaft" und "Führerkult" identifizieren kann. Die FPÖ mit ihrem messianisch verehrten Kickl als "Volkskanzler" (ein Begriff von 1933/34), der die anderen Parteien niederbrennt und die Grenzen dichtmacht (völkischer Nationalismus), unterstützt diese "Heilsfantasien" auch noch aktiv, man verstärkt diesen "Führerkult" in perverser Form noch. Fakt scheint jedenfalls zu sein, dass Menschen immer wieder auf Blender, Betrüger, verlogene und die Realität verzerrende "Führerfiguren" reinfallen, ihnen huldigen und sie bis aufs Blut verteidigen. Vor allem Männer tendieren dazu, Gestalten wie Musk, Thiel, Trump, Kickl usw. eine Art von "Genie" oder "geheimen Wissen" zuzuschreiben (hier schließt sich auch der Kreis zu den mannigfaltigen Verschwörungserzählungen, die von den Rechten aktiv verbreitet werden, etwa, dass die Klimakatastrophe nur fake sei), das diese einfach nicht haben. Vielleicht sind wir Frauen da mehr immun gegen eine bestimmte Form von Schwurbelei und (Pseudo)Charisma - wobei ich das gleich relativieren möchte, denn auf Sebastian Kurz sind sehr viele Frauen reingefallen und der hätte ja auch zusammen mit Kickl aus Österreich einen autoritären Staat gemacht.
Einen Punkt möchte ich auch noch kurz ansprechen, der in Europa eher nicht gern gesehen wird, der aber etwa in den USA weit verbreitet ist: den psychischen Zustand der führenden faschistischen Personen. Eigentlich alle waren/sind extreme Narzissten inklusive gigantischem Egozentrismus, die meisten hatten/haben Minderwertigkeitskomplexe. Beides trifft bei Linken viel seltener zu, aber auch hier eher bei Männern als bei Frauen (man denke an Doskozil und seine Doskoboys, die hart daran arbeiten, die SPÖ weiter nach rechts zu bewegen und die Babler abmontieren wollen). Die Wählerschaft der extremen Rechten scheint ebenfalls überdurchschnittlich von Narzissmus und Minderwertigkeitskomplexen betroffen zu sein. Bei Männern äußerst sich das insbesonders am Abgleiten in die teils gewalttätige, aber immer misogyn-sexistische Mannosphäre, in der vor allem der Hass auf alle FLINTA-Menschen zelebriert wird. Auch Klimaschutz, insbesonders Windräder werden als "weiblich" denunziert, das Verbrennerauto steht als "Symbol der Männlichkeit".
Wie ich hier in Teil 1 schon vier Gründe für diese Täuschungen bzw. für den Erfolg der extremen Rechten zusammgefasst habe (in kurz: Zerstörungslust, Geringbildung, Verdrängung bzw. Doppeldenk und Egoismus bzw. Ignoranz), so ist dieses Thema "Täuschung durch Blender" doch noch einmal etwas Spezielles und wahrscheinlich Punkt 5 dieser Aufzählung der Gründe, weshalb so viele Menschen heute rechtsextreme Parteien und Faschisten wählen (würden). Was mir bei der Lektüre der genannten Bücher ebenfalls stark aufgefallen ist, sind die Parallelen, wie die Faschisten damals an die Macht kamen und wie sie heute an die Macht kommen (wollen). Vor allem vier Punkte treffen da sehr zusammen:
- Erstens verbündet sich wirklich immer die herrschende bürgerliche Klasse gemeinsam mit den Kapitalisten bzw. (Groß)Unternehmern mit den Faschisten. Gier und diffuse meist finanzielle Verlustängste wiegen stärker als jedes Verantwortungsbewusstsein.
- Zweitens ist es ein Hass auf alles Linke und auf alle Linke, der diese Kräfte aneinander bindet. Das wird jedes einzelne Mal von den Zeitungen und führenden Medien unterstützt - logisch, die Zeitungsherausgeber waren und sind Teil von Besitzbürgertum und (Groß)Kapital, man fürchtet nichts mehr als faire Besteuerungen auf Vermögen, Aktien, Grundbesitz und Erbschaften. Die Zeitungen verbreiten dabei ohne jeden Faktencheck die Lügen der Faschisten. Heute kommen da noch die antisozialen Medien dazu, die um ein vielfaches stärker die Lügen der Rechtsextremen verstärken. Man hat also eine unheilige Allianz aus Besitzbürgertum - das sind auch Ärzt*innen, Anwält*innen, Professor*innen -, Unternehmer*innen und Medieninhaber*innen bzw. die rechtsrechten Parteien über ihre Kanäle selbst. Beim Besitzbürgertum möchte ich noch auf die "Professional Managerial Class" hinweisen, das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn diese Art von Klasse reproduziert den hegemonialen neoliberalen Kapitalismus wissentlich und unwissentlich. Alle gemeinsam manipulieren die öffentliche Meinung dahin, dass die Wirtschaft bzw. ihr Wachstum wichtiger wäre als alles andere und damit insbesonders wichtiger als Klimaschutzgesetze und Klimawandelanpassungen; dass der Staat qua Existenz das Böse an sich ist und Steuern an ihn Verschwendung (Libertarismus); dass vor allem Erbschafts- und Vermögenssteuern ganz ganz schlimm wären; und dass wir alle am besten bis 70 arbeiten und mit 72 sterben sollten. Die Hetzereien und Agitationen gegen (ehemals) sozialdemokratische Parteien sowie gegen grüne Parteien und beider Parteien Politker*innen sowie Wähler*innen folgen heute wie vor 100 Jahren den exakt gleichen Mustern: wir Linken sind für die der Teufel.
- Drittens geht man in den rechtsreaktionären Parteien, die früher die bürgerlich-konservativen, katholischen und nationalistischen waren, heute wie damals lieber mit den rechtsextremen Parteien zusammen, um die eigene Macht zu erhalten, um die eigenen Posten nicht zu verlieren und - als Getriebene von ihrer verbliebenen Wählerschaft (siehe oben) - um den Erhalt der Privilegien eben jener Wählerschaft lieber einen Teufelspakt mit den Faschisten ein und opfert dafür Rechtsstaat und Demokratie, als dass man bei den Linken auch nur anstreift. Das ist exakt so wie zwischen 1. und 2. Weltkrieg. In dieser Zeit waren in einigen Ländern die Sozialdemokraten stets stärkste Partei bei Wahlen, man hat aber immer Koalitionen gegen sie gebildet, man hat sie nie wirklich regieren lassen. Und da stehen wir heute wieder. ÖVP und CxU sind heute so weit rechts, dass man auch mit gemäßigten neoliberalen Sozialdemokrat*innen nicht mehr wirklich zusammenkommt.
- Viertens die Zusammensetzung der Wählerschaft. Es sind, wie vor 100 Jahren, die Arbeiter, die sich als erstes von der Linken abgewandt haben, die sich etwa wie in Italien von der rechten Gewalt einerseits abschrecken, andererseits anziehen ließen; in Deutschland hatte die SA eine große Anziehungskraft auf (junge) Männer. Heute sind die Gründe andere - diese habe ich in Teil 1 dargelegt und ergänze ich nun hier in diesem Blogpost. Parallel dazu wenden sich die Kapitalisten bzw. (Groß)Unternehmer von den nationalistischen, katholischen und liberalen Parteien ab - ihnen ging und geht es rein ums Geld, um ungezügelte Deregulierung. Der letzte fallende Dominostein sind unabhängig voneinander zuerst das Kleinbürgertum (Handwerker, Kaufleute usw.) und schlussendlich das zuerst von Gewalt und Propaganda abgeschreckte Großbürgertum. Sobald das Kleinbürgertum fällt, besitz(t)en die Faschisten eine relative Mehrheit und die war und ist leider immer genug für eine Umwandlung bzw. Abschaffung der liberalen Demokratie.
Auch heute gibt es eine Mehrheit für starken Klima- und Umweltschutz (auch bei Wähler*innen der extremen Rechten), für Erbschafts- und Vermögenssteuern, insbesonders für Übergewinnsteuern, für günstigere Lebensmittel (wo man klare Preisgrenzen ziehen könnte), für günstige Energie (auch da könnte man sehr viel mehr machen) usw. usf. Damals wie heute regieren Regierungen, angeführt von rechtsreaktionären/rechtspopulistischen und neoliberalen Besitzstandswahrern, an den wesentlichen Wünschen der Bevölkerung vorbei. Migration ist da überhaupt kein Thema: dieses Thema taugt einzig zum vulgären Emotionalisieren der Massen über Agitationen und Lügen in Bierzelten oder in Bierkellern - damals wie heute. Es braucht eben immer einen Sündenbock, dem man alles in die Schuhe schieben kann: damals waren es die "Juden" und die "Zigeuner" und die "Schwulen", heute sind es die "Auslända", die "Woken" und die "Transen" und natürlich auch wieder (oder immer noch) "der Jud'". Es ändern sich nur die Gruppen, es ändert sich nie das System der Diffamierung. Diese Systeme hat man schon in der Kritischen Theorie/Frankfurter Schule analysiert, auch Hannah Arendt und Simone de Beauvoir bzw. Judith Butler haben hier Großes geleistet.
Wesentlich geht es mir hier um das Aufzeigen der Mechanismen, die mich aufgrund meiner Lektüre so sehr an die Zeit vor 100 Jahren erinnern. Man darf auch nie vergessen, dass die Nazis in regulären Wahlen nie viel mehr als ca. 38% gebraucht haben. Deshalb verstehe ich dieses unselige Diskussion in Deutschland um die Brandmauer nicht. Das deutsche Grundgesetz kennt genau für diesen Fall das Instrument des Parteiverbots. Natürlich gehört die AfD verboten, besser gestern als heute. Es bringt auch nichts, wenn man in jeder bescheuerten hirnverbrannten Talkshow darüber diskutiert und wenn man parallel dazu im ÖRR, etwa in "Sommerinterviews", permanent die Rechtsrechten ihren Faschismus rauskrähen lässt, ohne jeden live-Faktencheck. Eine Brandmauer als strikte Ausgrenzung würde natürlich funktionieren, nur hat man das leider nie richtig ausprobiert. Und was man mittlerweile auch aus Studien ganz genau weiß, ist, dass das Nacheifern und Nachäffen von rechtsrechten Inhalten ("böse Migration, böse Auslända, macht die Grenzen dicht!") durch rechtsreaktionäre Parteien (ÖVP, CDU, CSU usw.) ausschließlich den Faschisten hilft. Siehe Sachsen-Anhalt, Hessen, aber auch siehe Steiermark - in meinem Heimatbundesland pulverisiert die FPÖ gerade eine inhaltsleere rechtsdumme orientierungslose ÖVP wie selten oder nie zuvor. Die Lehre daraus könnte sein: wer, gejagt oder gehetzt von einer rechtsdrehenden ultrareaktionären und libertären Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung, mit den Rechtsextremen koaliert, wird neben diesen, wenn er/sie keine Akzente setzt, glanzlos untergehen. Und nicht einmal die Wirtschaft floriert, mit der Steiermark geht es stetig weiter bergab, es wird ausschließlich bei Kultur und Sozialem gestrichen und zerstört - was ja eh nicht wundern darf, denn die Rechtsrechten können nur Kulturkrieg und sonst nichts. Die Pseudo"entfesselungen" für die Wirtschaft auf Kosten von Umwelt, Natur und Zukunft, sind äußerst endenwollend und gegen die Rechtsreaktionären sind echte Reformen ohnehin nicht möglich, schon gar nicht die dringend nötigen ökologischen, föderalen und sozialen. Mein Mitleid haben diese Parteien und ihre Kader mitnichten, wenn ÖVP, CDU, CSU zugrunde gehen sind sie vollumfänglich selbst Schuld und haben dabei noch unsere Länder mit in den Abgrund gerissen. Wie vor 100 Jahren ist leider von der Sozialdemokratie nicht viel zu erwarten - wird sie nicht von außen niedergeschrieben, so führen interne Grabenkämpfe in die Bedeutungslosigkeit. Die Bevölkerung sucht damals wie heute ihr Heil in den Fängen von pöbelnden primitiven Bauernfängern, die das Blaue vom Himmel versprechen, die das einfache Gemüt von fließendem Milch und Honig träumen lassen. Aber vor allem stehen diese Blender, heute wie damals, für die Zerstörung unserer liberalen Demokratie, für den Sieg von Egoismus, Zerstörungslust und für den Schutz von Phantombesitz sowie last but not least für die Beibehaltung des stagnierenden, ökozidalen und nur Reiche schützenden Status Quo.
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