Montag, 24. August 2026

Empathie, Klima und Resümee; Analyse der Gegenwart, Teil 9

Dass ich antikapitalistische Ökosozialistin bin, ist kein Geheimnis. Ich verachte Kapitalismus und Neoliberalismus zutiefst. Diese beiden Ideologien haben das Leben auf Makro-, wie auf Meso-, wie auf Mikroebene zerstört. Auf Makroebene zerstören sie weiterhin - meistens in Gestalt von Männern bzw. Rechtsextremen und Rechtsreaktionären, die die Welt verbrennen - unsere Umwelt, unser Klima, unsere Zukunft. Parallel hat sich ein internationaler Tech-Faschismus etabliert, der die größte Gefahr für den - ohnehin sehr brüchigen - Weltfrieden darstellt (damit meine ich, dass sich die Gefahr für einen III. Weltkrieg ständig erhöht). Auf Mesoebene leben wir in einer durchrationalisierten durchbürokratisierten, uns permanent überwachenden sowie disziplinierenden Konkurrenzgesellschaft, Weber hatte mit seiner Analogie des "stählernen Gehäuses" für unsere Gesellschaft sehr recht, wie ich hier ebenfalls in meinem Blog seit Monaten nachweise. Auf Mikroebene sind es der endlose Konsum, die nicht enden wollende Gier nach mehr sowie ein destruktiver Kult nach Individualismus, bei gleichzeitigem Tribalismus bestimmer meist xenophober Gruppen, die eine Ent-Solidarisierung herbeiführen, die das Potenzial hat, unsere Demokratie zu zerstören. Nicht vergessen dabei darf man die Gefahr von Social Media, von denen heute endlich über Studien bestätigt ist, dass sie Suchtmittel sind und die damit jetzt seit 20 Jahren eine ganze Generation zerstören - eine ganze Generation an Burschen, die als "Speedrunner" in Games ihre Zeit vergeuden und eine ganze Generation an Mädchen und Burschen, die als "Influencer" oder "Content Creator" das Nichtskönnen und Nichtsmachen zu Kult und Lebensziel erhoben haben. KI (ich habe gerade Markus Gabriels "Ethische KI" gelesen und werde mich in einem der nächsten Blogposts damit beschäftigen) und ihre Rechenzentren sind jetzt der endgültige Sargnagel auf jede Hoffnung auf Besserung, jede Hoffnung nach Wiederauferstehen von Verstand und Vernunft und Bildung. Denn eins muss uns klar sein: der Mensch an sich ist faul und wird KI jedes mögliche Denken überlassen, man sieht das bereits an Schulen und auf Universitäten, wo die Kinder und Jugendlichen nicht einmal mehr sinnerfassend (Fach-)Bücher lesen können und nicht wissen, was ihnen etwa an (Allgemein)Bildung entgeht und was sie nicht lernen, was für ein Leben in Gemeinschaft und Natur sie nie kennenlernen werden/können und welche Kulturtechniken sie bereits verlernt haben. Die Natur stirbt, Insekten sterben, ganze Arten sterben aus und niemand bemerkt es mehr oder es ist ihnen egal, da alle permanent in irgendwelche Kastel hineingoffen, also geistlos auf irgendwelche Bildschirme starren (ich werde nie vergessen, wie das Kind im Zug geschrien hat, als man ihm sein Tablet wegzunehmen versuchte). Ja, das ist die aktuelle Gegenwart und Zukunft der Menschheit, jede Dystopie wird wahr: vom simplen "Ready Player One" (eine Art Leben in einer Art Metaverse, das man über VR-Brillen und -Systeme betritt) bis zum komplexeren "Ghost in the Shell" (echte Maschinenwesen, mit und ohne KI) ist heute vieles denkbar und für die meisten wird es nicht gut ausgehen. Es kann auch so ausgehen wie in "Cloud Atlas", wo Menschen nur mehr "Konsumenten" genannt werden und es eine eigene Kaste von künstlichen Dienerwesen gibt, die sich nach Ablauf ihrer "Lebenszeit" selbst verspeisen. Oder wie in Terminator, siehe Ukraine und China, wo es ja nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich die Roboter zuerst gegenseitig bekämpfen (müssen) und dann wie in "I, Robot" gegen ihre Schöpfer wenden, drei Robotergesetze hin oder her. Wenn niemand die Tech-Faschisten stoppt, dann wird es keine 100 Jahre mehr brauchen, bis niemand mehr auf dieser toten und total überhitzten Erde leben kann, dann haben uns Kampfroboter, wild gewordene KIs oder wir uns gegenseitig lange vorher gegenseitig vernichtet. Und vor allem, so lange die Bevölkerungen wieder vermehrt Rechtsextremismus wählen und Medien nicht bereit sind, das hinreichend zu problematisieren, wird es ebenfalls keine Verbesserungen geben. Vorauseilender Gehorsam ist die erste Todsünde, wenn eine Gesellschaft am Kippen ist. 

Nichts davon muss eintreten, nichts davon ist ein Naturgesetz. Die Menschheit hätte es selbst in der Hand, wie ich mir hier schon die Finger wund schreibe, diese dystopischen Szenarien abzuwehren. Aber man konstatiert eine enorme Lethargie und Denkfaulheit in der Bevölkerung, ein "Mir egal" und "Nach mir die Sintflut", leider auch in vielen Parteien. Es gibt heute auch mehrere Parallelrealitäten, in denen die verschiedensten Menschengruppen leben und die nicht einmal mehr über eine gemeinsame Sprache verfügen. Jugendliche, die eine Matura machen, aber nie ein ganzes Erwachsenenbuch gelesen haben, werden keine Gemeisamkeiten mit ihren Lehrkräften finden (außer mit den jungen, denn die haben auch keine Bildung mehr, sind teils dafür autoritärer als ihre älteren Kolleg*innen); genausowenig wie entweder bildungsferne oder verschwörungsmythologische FPÖ-Anhänger*innen mit uns Linken, die wir täglich 100-200 Seiten (Fach)Literatur rezipieren; oder eine käufliche fossile Politikerkaste mit Menschen, denen die Zukunft der Menschheit am Herzen liegt. Um ein konkretes Beispiel zu geben: mein Mann ist vor kurzem mit dem Bus gefahren und hat ein Gespräch zwischen Buschauffeur und Fahrgast mithören müssen, zwei absoluten FPÖ-Menschen, der Fahrgast war Pensionist. Am spannendsten war dabei, was sie sich von einem Kanzler Kickl erwarten: nämlich tatsächlich, dass Milch und Honig fließen. Kickl wird, in ihren Erwartungen, der Ukraine keine Gelder überweisen; alle Syrer*innen und Afghan*innen heimschicken, oder ihnen zumindest jeden Geldhahn zudrehen; mit der traditionellen Politik wird vollumfänglich aufgeräumt, der Hass auf alles Linke und auf die ÖVP ist wirkllich nicht endenwollend, zusätzlich aufgepeitscht durch den Boulevard; man fühlt sich vom Sparpaket drangsaliert, wenngleich Pensionist*innen viel besser davonkommen als Arbeitslose, Kranke, Behinderte usw. Es finden sich also Fantasien von Revanchismus, Rassismus, Sadismus, Zerstörungslust und Überfluss-Wunderwelten. Diese Fantasien sind natürlich jenseits jeder Realität, man könnte das auch, in Anlehnung an Hannah Arendt, die "Banalität der Einfältigen" nennen. Bei diesen "Einfältigen" wird Kickl zur Projektionsfläche aller Wünsche und Fantasien, er wird zu ihrem Messias - wie ein gewisser Kurz 2017 für die ÖVP -, der alle ihre Träume vermeintlich in die Realität überführt. Oder wie andere politische Köpfe in früheren Zeiten (siehe Analyse Teil 10 zu Diktatoren). Dass es da keinen Konsens mehr gibt, keine Basis mehr für sinnvolle Gespräche, ist evident. Banal daran ist auch, dass die FPÖ - wie die ÖVP - alle Jahre wieder in epische Korruptionsgeschichten versinkt, die, würde ich sie mir als Autorin ausdenken, mir niemand abkaufen würde, die infolgedessen in Wahlen pseudoheroisch abgewatscht wird und wenige Jahre später wie der braune Phönix aus der Asche alter Parteichefs emporschwebt: das ist leider genauso alltäglich geworden wie langweilig und frei von gedanklichem Anspruch. So wie Giolitti 1921 Mussolini nicht einhegen konnte, so können die verräterischen Rechtsreaktionären nie und nirgendwo ihre rechtsextremen Geschwister im Geiste einhegen. Ohne Wahnsinn keine Vernunft.

Für mich sind zwei Arten der Intelligenz entscheidend: die emotionale Intelligenz und die analytische Intelligenz. Die emotionale gibt uns die Fähigkeit der Empathie, die für mich die wichtigste Charaktereigenschaft eines Menschen ist. Hätten alle Menschen genügend Empathie in sich, gebe es keine Kriege und keinen Hunger und natürlich auch keine Klimakatastrophe. Die analytische befähigt uns zum Erkennen von Mustern und Zusammenhängen, zum (logischen) Ziehen von Schlüssen und zum Denken über den Tellerrand hinaus. Wenn man beide Intelligenzen mit Kreativität verbindet, dann hätte man die Persönlichkeit, die befähigt wäre, als Politiker*in Nationen zu leiten. Analytische Intelligenz findet man bis zu einem gewissen Grad bei Politiker*innen, aber keine tiefreichende, sondern meistens eine in einem Studium (zB Rechtswissenschaften) anerzogene. Was aber wirklich vollumfänglich fehlt ist emotionale Intelligenz in jeder Hinsicht, zu Empathie sind die meisten Politiker*innen heute nicht im Ansatz fähig. Es fehlt schon am grundlegenden Anstand, an Ehrlichkeit und nicht im wenigsten an Rückgrat. Ja, das zähle ich alles zu emotionaler Intelligenz - sie teilt sich auf in persönliche und soziale Fähigkeiten und ist in Teilen erlernbar. Die dritte Fähigkeit, die Kreativität, ist eher nicht erlernbar. Sie ist entscheidend für Innovation und mutige Entscheidungen, für das "Denken außerhalb der Box" und für das Erschaffen von Neuem, bitte immer mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein! An Kreativität und Innovation herrscht in der herrschenden Klasse gähnende Leere, man sucht ständig sein Heil in alten (kapitalistischen) Rezepten und uralten (austeritären) Methoden. Die Zeit verfliegt und die Politik mit ihrer Bürokratie und Technokratie hält uns in der Vergangenheit fest. Streng genommen sind wir auch mit unseren Moralvorstellungen noch nicht einmal in der Gegenwart angekommen. Die Technik, leider in ihrer blinden vergötterten angehimmelten Art, schreitet in weiten Teilen viel schneller voran als unser Inneres. Der Mensch macht immer, was möglich ist, nicht, was sinnvoll ist. Und das sage nicht ich allein, das sagen nahezu alle Soziolog*innen und Philosoph*innen und Jurist*innen, die sich auch nur im Ansatz mit Ethik und Moral beschäftigen. Wer von den Politiker*innen könnte heute ernsthaft seine/ihre Taten und Entscheidungen mit Kants kategorischem Imperativ zum allgemeinen Gesetz erheben (wollen)? Und dann unter den eigenen Entscheidungen leiden wie Arme, Kranke, Alte, Subalterne allgemein und/oder die Menschen in Afrika? Kein Wunder, wenn man in streng kontrollierten und durchgetakteten Bildungseinrichtungen auf Effizienz und Reproduktion der Hegemonie getrimmt wird und nicht auf Verantwortung, Zusammenarbeit, Empathie und Kreativitäten? So genannte "soft skills" zählen in der fossil-patriarchalen Postdemokratie einen Dreck. Die einzigen Personen, die heute ihren eigenen "Werten" sowie dem Kant'schen Imperativ entsprechend leben könnten, sind die Überreichen, denn sie stehen heute an der Spitze der Nahrungskette, sind die Superpredatoren unseres Anthropozäns, stehen über allen Normen und könnten als einzige für ihre Clans und Kasten fordern, dass man nach ihren "Ideen" bzw. "Vorstellungen" leben sollte, wie im Film "Elysium", in dem sie auf einem Weltraumhabitat leben, ohne Kriege und ohne Krankheiten und wo sie nicht willens sind, ihre Errungenschaften mit dem Rest der Menschheit zu teilen. Ich betone den Konjunktiv, denn den Überreichen ist ihr Geiz genauso immanent wie ihre Gier und dementsprechend teilen sie nicht nur in "Elysium" nichts, sondern auch leider nichts im echten Leben - im Gegenteil, sie sind die Haupt-Klimazerstörer und es gibt keinen Willen, diese Superreichen einzuschränken. Sie werden weiter angehimmelt, etwa bei Formel 1-Rennen, und ihnen wird nachgeeifert, nicht bedenkend die Konsequenzen eines solchen ultraegoistischen Lebens. Ohne Armut kein Reichtum.

In der lesenswerten Biografie "Stalin" von Oleg Chlewnjuk steht auf Seite 241 über die Zeit von nach dem Großen Terror über eine Kaste an Jungpolitikern (kein Gendern, waren alles Männer): "Berauscht von dem Gefühl, einem allmächtigen Regierungsapparat anzugehören, und geblendet von ihrer eigenen Wichtigkeit, waren die Parteifunktionäre völlig frei von Mitgefühl, Selbstreflexion oder irgendeinem Verständnis für andere." Und pardauz, viel besser kann man auch den heutigen konservativen bis reaktionären Altherren-Politiker nicht beschreiben. Stalin war ein brutaler Diktator. Er machte auch sehr viele wirtschaftliche Fehler und hat dringend benötigte Reformen immer vor sich hergeschoben - wie die Politik heute. 

Nicht nur, dass wir keine gemeinsame Sprache mehr haben, viele von uns betrachten Probleme und Herausforderungen auch aus sehr engen Blickwinkeln. Als Ökosozialistin ist es meine Aufgabe, nicht bloß stur Rechnungen anzustellen, sondern immer auch das große Ganze im Bild zu haben - genau das, was die Politik heute allzu oft vergisst, etwa mit ihren antisozialen Sparpaketen. Ich trete zwar für eine rasche gesellschaftliche Wende ein, weiß aber genauso gut wie etwa schon Adorno, Horkheimer und Marcuse, dass nichts von heute auf morgen geschieht. Ich denke daher, dass diese rasche Wende - oder überhaupt eine kontrollierte Wende - nie kommen wird und dass es stattdessen zu einem Zusammenbruch kommen wird. Dieser Zusammenbruch wird ein sehr unschöner sein und es gibt mehrere Wege zu diesem: es könnte einen neuen Weltkrieg geben; es könnte zu Bürgerkriegen kommen, entweder mit oder ohne vorheriger faschistoider Wende; es könnte eine Art von "Terminator"- und/oder "KI"-Ereignis eintreten; es wird mit Sicherheit irgendwann eine nächste Pandemie geben; und wenn das alles nicht eintritt, wird zuguterletzt die Klimakatastrophe der Menschheit ein Ende bereiten. Wie gesagt, für mich als Ökosozialistin wäre der Ausweg klar und es gibt auch mittlerweile viele Bücher zu diesen Themen. Angefangen von Donut-Ökonomien, über Sharing-Ideen bis hin zu alles recyclen, fairer Umverteilung von (Über)Reichtum usw., die Lösungen liegen auf dem Tisch und sind prinzipiell für alle Menschen zugänglich (ich nenne nur mal Ulrike Herrmann, Claudia Cemfert usw.). In meiner Welt voller Geistes-, Klima- und Gesellschaftswissenschaften ist es unverständlich, dass sich die Menschheit nicht aufrappelt und sich zum nötigen Bruch mit Kapitalismus und Neoliberalismus aufrafft. Es ist mir auch unverständlich - siehe Analyse der Gegenwart Teil 1 -, dass die Menschheit ihren eigenen Untergang herbeiwählt. Das ist die Distanz in Sprache und Denken, die ich meine, zu den möglicherweise 40% an FPÖ-Wähler*innen und 30% AfD-Wähler*innen, 50% Trump-Wähler*innen und 50% LePen-Wähler*innen usw. Wir bewohnen verschiedene Realitäten und mit dem muss ich mich abfinden. Nichts von alldem, was wir Linken, Ökos, Sozialbewegten, "Gutmenschen" usw. schreiben, sagen und machen, wird irgendetwas bei den Wähler*innen der Rechtsextremen ändern können, dieser Zug ist längst abgefahren. Wie umgekehrt auch - nichts, was ein Kickl sagen oder tun könnte, würde mich dazu bewegen, auch nur entfernt daran zu denken, ihn zu wählen. Noch einmal: wir leben auf verschiedenen Planeten und das müssen wir wohl weitestgehend akzeptieren. Ich habe mich nun damit abgefunden, ich kann diese Menschen nicht mehr ändern, ich kann ihnen nicht helfen. Was nicht heißt, dass ich aufhöre, mich zu engagieren und zu schreiben. Im Gegenteil, ich werde natürlich weitermachen. Man muss sich nur immer bewusst machen, für wen man schreibt oder mit wem man spricht.

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