Achtung, dieser Blogpost enthält Spoiler zu folgenden Filmen, in order of appearance: The Witch, Hereditary, The Dark and the Wicked, Get Out, The Descent, The Blair Witch Project.
Fast alles, das ich hier schreibe, gilt auch für Horrorromane. Das meiste, das ich über Literatur und Kunst geschrieben habe, gilt auch hier für Filme.
Beginnen möchte ich mit meiner Liebe zu Horrorfilmen. Man sagt Menschen wie mir nach, dass wir sehr empathisch seien und zumindest für mich kann ich das bestätigen. Das heißt aber nicht, dass ich irgendwie mit allen Figuren immer "mitleiden" würde. Nein. Ich kann mich nur in künstlerische Werke sehr gut einempfinden - und natürlich in Menschen. Bei Horrorfilmen gibt es sehr viele Arten und dementsprechend viele Möglichkeiten, sie zu unterteilen. Die grundlegende Aufteilung erfolgt in drei Gruppen:
1. Filme mit "schlechtem" Ende. Das ist bei Horrorfilmen der Standard bzw. bei jenen, die mir am besten gefallen. Wobei "schlechtes Ende" sehr relativ ist. Geht es um die Perspektive der Figur oder um jene der Beobachterin? Einer meiner Lieblingsfilme ist The Witch. Die junge Hauptdarstellerin erleidet den halben Film hindurch nahezu ein Martyrium an der Seite ihrer sich dezimierenden Familie. SPOILER! Ist das Ende, wenn sie zur Hexe wird, wenn sie in einer unendlich herrlichen Szene zuerst auf Black Philip trifft und den Packt mit ihrem Blut unterschreibt und danach an einem Feuer mit ihrem Kameradinnen auf einem Besen zu schweben beginnt, ein schlechtes oder ein gutes? Für mich ist es jedenfalls ein perfektes. Hereditary ist ebenfalls einer meiner drei Lieblingsfilme. Dieser Film ist perfekt, weil er meine Liebe zu Okkultismus auf die Spitze treibt (ich selbst habe etliche okkulte Tätowierungen). Über lange Zeit weiß man nicht, was geschieht, was dieser Familie, die wir begleiten, eigentlich wiederfährt. Man ist sich nicht sicher, es gibt einstweilen nur Andeutungen. SPOILER! Relativ früh wird die Tochter/Schwester enthauptet. Danach eskaliert alles immer mehr, bis zu dem Punkt als die Mutter "besessen" wirkt und an Wänden herumstrolcht sowie ihren Sohn durchs Haus jagt, bis auf den Dachboden, auf dem sich einiges interessantes anfindet. Danach geht es ab ins Baumhaus vom Beginn zum Höhepunkt und zur Katharsis bzw. Auflösung des Ganzen. Der Sohn ist/wird King Paimon, ein Höllenfürst. Es ist erneut ein perfektes Ende, aber ist es ein "gutes" oder ein "schlechtes"? In beiden Filmen erlebt die Hauptfigur am Ende eine Transformation in Gestalt eines fulminanten Höhepunktes. In beiden Fällen gibt es keine Familie mehr, zu der man zurückkehren könnte. Für die Figur selbst wirkt das Ende im 1. Fall auf den ersten Blick positiv, zumindest, wenn man wie ich einen Faible für Hexen hat. Für andere wird das Ende unmittelbar negativ erscheinen, kennen wir doch das Schicksal so vieler Frauen, die man als Hexen geächtet oder verbrannt hat. Im 2. Fall könnte das Ende als Höllenfürst auch besser erscheinen als das Leben als durchschnittler Highschool Bursch ohne viel Perspektive. Hier ist es vielleicht auch erst der zweite Blick, der nichts gutes für die Person und die Menschheit verheißt. Mein dritter Lieblingshorrorfilm ist The Dark and the Wicked. SPOILER! Auch hier wird im Laufe des Films die Familie dezimiert, es geschehen Tode bzw. Selbstmorde. Dieser Film sticht aus allen dreien heraus mit seiner permanenten bedrückten Stimmung und seinem endlosen permanenden Psycho-Horror. Ich liebe ihn dafür. Das ist der eine Film dieser drei, in dem die Hauptfigur am Schluss vom Dämon getötet wird. Aber man sieht es nicht so genau. Man sieht aber ganz zu Beginn des Films den Mörder inmitten der Schafherde. Die Parallele ist, dass die Hauptfigur bis zum Ende ebenfalls alles verloren hat. Dieser Niedergang ist txpisch für Filme mit "schlechtem" Ende. Bei The Dark and the Wicked ist es definitiv ein "böses" Ende, denn es sterben alle Figuren und der Teufel "gewinnt" eindeutig. Trotzdem ist es immens stimmig und wäre nicht anders möglich. Wie gesagt, mir sind diese Horrorfilme lieber.
2. Filme mit "gutem" Ende. Das ist relativ einfach und auch das eher faule und feige Ende in meinen Augen. Nehmen wir den Film Get Out. Ein hochgefeierter "Horror"film (eigentlich ein Psychothriller), dem in meinen Augen nichts besonderes anhaftet. Er ist gut aufgebaut wie ein klassisches Regeldrama mit einer Peripetie, während der entschieden wird, wie der Film enden wird. SPOILER! Wird die Hauptfigur zu Ende hypnotisiert und operiert, oder wird er sich der Familie entziehen können, sie vielleicht gar besiegen können? Weil es Hollywood ist, hat man sich dafür entschieden, den jungen Mann die Gangster-Familie abschlachten zu lassen. Ja, das befriedigt alle Rachegelüste und ich verstehe das gut, als Jugendliche habe ich den Graf von Montechristo und Sleepers geliebt. Aber ist es das "richtige" Ende für so einen Film oder hätte ein andere Ende besser gepasst? Ich bin sehr im Zwiespalt, denn natürlich darf und soll es auch Horrorfilme mit "Happy Endings" geben.
3. Filme mit "indifferentem" oder "offenem" Ende. Hier nehme ich als erstes Beispiel The Descend. Als ich den zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch nicht so drin in Horrorfilmen und habe mich angemacht. Ein paar Frauen entschließen sich, eine Höhle zu erkunden. Pech für sie, dass diese nicht unbewohnt ist. Die Spannung und der Horror, die entstehen, sind einfach meisterhaft. SPOILER! Das ganze spitzt sich zu, fast alle sterben mit der Zeit, es ist genial gemacht. Am Schluss bleibt eine Frau über. Plötzlich findet sie einen Ausgang und kann fliehen. Oder doch nicht? Denn auf einmal öffnet sie ihre Augen und ist wieder in der Höhle, sie hatte ihre Flucht nur geträumt. Der Film endet mit ihrem Versuch, weiter einen Ausgang zu finden und den Wesen zu entkommen. Ein Meisterwerk mit einem würdigen Ende würde ich meinen. Viele Menschen, heute mehr als damals, hassen solche Enden, weil sie Ambiguitäten oder Offenheiten nicht aushalten können und weil sie selbst wenig Phantasie haben. Als zweites Beispiel dient mir mein virtliebster Horrorfilm The Blair Witch Project. Ich mag alle drei Teile sehr, nehme aber hier den zurecht legendären ersten. Drei Menschen gehen in einen Wald, weil sie eine Hexe suchen und sie hätten es besser bleiben lassen. SPOLIER! Sie irren herum, es ist genial inszeniert und dargestellt. Am Schluss finden die verbliebenen zwei von ihnen das Hexenhaus und man endet natürlich im Keller, einer der Männer steht mit dem Gesicht zum Eck im Eck (Winkerlstehen hat das in meiner Kindheit in Österreich geheißen). Es wird viel geschrien, die Kamera plumpst zu Boden und schaltet sich mehr oder weniger aus. Was danach geschieht, bleibt verborgen. Das perfekte Ende für einen perfekten Found-Footage-Film (eine meiner absoluten Lieblingskategorien innerhalb der Horrorfilme), finde ich zumindest. Ein anderes Ende als dieses ist bei beiden vorgestellten Filmen einfach nicht vorstellbar. Die restliche Phantasie muss man selbst mitbringen (das gilt auch für das Science Fiction Genre, das es mir seit meiner Kindheit angetan hat).
Ich liebe Horrorfilme in erster Linie, weil sie so extrem vielseitig sind, weil in ihnen alles erlaubt ist und alles geht. Von den drei Gruppen zu den Kategorien.
a) Okkultismus, Hexen (die genannten, Die Autopsie der Jane Doe), Dämonen (Constantin, Hellboy, Mother), Portale (Armee der Finsternis, The Cabin in the Woods), Artefakte (Hellraiser), ohne Besessenheiten.
b) Clowns.
c) Spiegel.
d) Alpträume (Nightmare on Elm Street), Visionen.
d) Haunted House (Das Geisterschloss), Geister, Spuk (Poltergeist, The Conjuring).
e) "Irren"anstalt (American Horror Story Asylum).
f) Puppen (Annabelle, The Boy)).
g) Einsamkeit, Wälder (The Ritual), Wüsten.
h) Bessesenheiten (The Rite, alle 3 Exorzist). Nehme ich als eigenen Punkt, weil das Genre dermaßen überstrapaziert ist.
Das alles kann mit Mystery angeräuchert werden; mit unzuverlässigen Erzählinstanzen; es kann als Found Footage inszeniert sein (Katakomben/Catacombs, Hell House LLC Origins, VHS-Reihe, Haunted Asylum, Paranormal Activity-Reihe, REC) mit Alternative World Komponenten oder gleich mit First Contact Aliens oder in Raumschiffen (Event Horizon, ein weiterer Film bei dem ich damals zu jung war, ihn zu sehen). Die Möglichkeiten und Kombinationsmöglichkeiten erscheinen schier endlos. Das ist der Hauptgrund für meine Liebe zu Horrorfilmen: sie können mich überraschen und zum Staunen bringen. Bei Science Fiction bleibe ich lieber bei den Buch-Wälzern. Horror sehe ich aber lieber, denn ich liebe es, mich zu gruseln - das schaffen zwar nicht mehr viele Filme, aber doch immer wieder ein paar. Öd ist Gore bzw. sind Blutorgien. Terrifier ist stupide, Torture Porn ist meistens voyeuristisch-obszön und wahnsinnig simple. Die einzige Ausnahme hier sind die beiden Sinister-Filme, aber Hostel ist quatsch und weniger explizit als man denkt, da gibt es wilderes (Martyrs) und vor allem krankeres (Human Centipede). Es ist ähnlich wie bei Büchern: wenn man nahezu alles kennt, wird man nur mehr sehr schwer und selten positiv überrascht.
Den anhaltenden Serienboom sehe ich mit geteilten Gefühlen: es gibt sehr gute Serien, aber überwiegend wird Schrott produziert. Zuletzt habe ich bei Deadloch und Rooster nicht nur einmal Tränen gelacht. Aber meine Lieblingsserien gehen Richtung Lost, Westworld, Hannibal, Severance, From, aber auch American Horror Story und Black Mirror. Seit man immer mehr abgeht vom Prinzip "Show, don't Tell" geht es jedenfalls hurtig bergab (das gilt für JEDE Kunstform). Die intellektuelle Unterforderung, der Einheitsbrei, der feige Massengeschmack nehmen einfach überhand. Kunst ist heute allzu oft entweder feig oder zu politisch gewollt. Echte Kreativität und echter Mut werden vor allem im Mainstream immer seltener. Nur mehr in den "Randgenres" wie Horror bei Filmen, hard Science Fiction und Magischen Realismus bei Büchern finde ich Befriedigung.
Meine drei Lieblingsfilme sind übrigens Mulholland Drive, Die Üblichen Verdächtigen und Angel Heart. Der erste beinhaltet viele Horror-Elemente, vor allem, was die Stimmung und den Subtext betrifft. Der zweite ist eine Art Whodunnit mit großartigem Twist (siehe Schluss von Scary Movie 1, die das kongenial verbraten haben), der dritte hat wiederum, vor allem in den Traumszenen und bei den Morden, etliche Horrorelemente. Auch das Thema des unzuverlässigen Erzählers zieht sich durch fast jedes meiner Liebelingswerke.
Allgemein auch hier kurz zum Thema Geschmack. Dieser ist absolut subjektiv. Wir waren vor wenigen Tagen in der Neuen Galerie in Graz und dort gibt es das "Bruseum" - ein eigenes Museum für Günter Brus. Eins vorweg: ziemlich alles, das Menschen machen, wenn sie es bewusst als solche definieren, kann man Kunst nennen. Jedes Kritzikratzi, jeden leeren Bilderrahmen, jedes weiße Blatt mit oder ohne Titel. Wo sich mir eine Grenze auftut, ist bei (Selbst)Verstümmelung. Ich habe absolut kein Problem mit Blut oder mit Hermann Nitsch. Aber wenn es um patriarchale Gewalt geht, und Verstümmelung fällt unter dieses Verdikt, ist es zumindest für mich keine Kunst mehr. Eine Frage, die sich bei österreichischer Aktionskunst auch stellt ist der Umgang mit Personen wie Otto Muehl. Ich trete ja, wie in Teil 1 dargelegt, dafür ein, eher das Werk vom Künstler zu trennen und separat zu betrachten. Bei Heidegger schaffen wir das auch. Aber wenn es um (sexuelle) Gewalt gegen Kinder geht - ist da auch diese Trennung möglich und ethisch vertretbar? Das ist wohl eine entscheidende Frage und ich kann sie hier nicht beantworten, auch, weil ich das für mich selbst nicht abschließend entschieden habe.
An dieser Stelle gehört auch die Frage, ob das Verwenden oder Beiziehen oder "Missbrauchen" von so genannter KI Kunst genannt werden kann. Im Grazer Kunsthaus und in der Neuen Galerie sind KI-Werke ausgestellt, also Werke, die mithilfe von KI geschaffen wurden. Es stellen sich hier zwei Fragen. Erstens die ethisch-ökologische Frage nach dem Ressourcenverbrauch. Zweitens natürlich, inwiefern das Schaffen einer kalten nichtdenkenden nicht-bewussten Entität Kunst schaffen bzw. beim Schaffen von Kunst helfen kann. Ich würde es verneinen, dass Computer, Tiere oder Babys im unbewussten Zustand, quasi durch Zufall oder per Programmierung, Kunst schaffen können. Für mich ist Kunst immer ein bewusster Prozess. In Hinblick auf den Ressourcenverbrauch plädiere ich für eine höchst maßvolle Verwendung von "KI", Chatbots und LLMs, bin also klare Gegnerin, verwende Gemini und ChatGPT sehr gezielt. Bleibt als letzte Frage, ob es also Kunst ist, wenn ich einen guten Prompt mache für ein Bild, ein Lied oder einen Film. Ich tendiere hier zu einem klaren Nein. KI-Musik ist Massenware, zusammengemantschtes seelenloses Nichts, nur zum Geldverdienen und für Ruhm. Gleiches gilt für KI-Filme und den Einsatz von KI in Videospielen und Filmen. Diesbezüglich verdrängt KI Menschen und das ist in jedem Fall zu verurteilen und zu vermeiden. Und auch in jenen Fällen, wenn KI keine Menschen verdrängt, ist das Prompten für ein Bild oder Gemälde KEINE Kunst, ich erschaffe dabei nichts und muss nicht malen können. Ich halte es daher für einen Fehler, solche Werke in Museen auszustellen. KI ist eben kein Werkzeug wie ein Pinsel oder eine Kamera und es ist keine "Demokratisierung", wenn jeder Mensch mit einem guten Prompt ein Gemälde erschaffen "kann". Das führt nur zu absoluter Beliebigkeit und zu absoluter Austauschbarkeit. Ich verwehre mich gleichzeitig aber auch jedem "Geniekult", ich verabscheue den Begriff "Genie" zutiefst, da er patriarchal aufgeladen ist und nur für Männer gebraucht bzw. missbraucht wird. Ich bin zu 100% der Meinung, dass jeder Mensch Künstler*in ist und Kunst schaffen kann - es kann nur nicht jeder Mensch alles können - dieses Selbsteingeständnis ist eines der Grundprobleme im neoliberalen Spätkapitalismus. Nicht alle Menschen sind musikalisch, nicht alle Menschen können Malen und Zeichnen, nicht alle Menschen können einen Film drehen oder Skulpturen erschaffen. Aber jeder Mensch kann zumindest IRGENDETWAS. Kunst selbst ist zutiefst demokratisch, es braucht keine "KI" als zusätzliches "Werkzeug".
Ich werde definitiv noch mindestens einen 3. Teil zu diesen Thematiken schreiben. FIN.
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