Sonntag, 7. Juni 2026

Über Horrorfilme, KI, Literatur und Kunst, Teil 2

Achtung, dieser Blogpost enthält Spoiler zu folgenden Filmen, in order of appearance: The Witch, Hereditary, The Dark and the Wicked, Get Out, The Descent, The Blair Witch Project.

Fast alles, das ich hier schreibe, gilt auch für Horrorromane. Das meiste, das ich über Literatur und Kunst geschrieben habe, gilt auch hier für Filme. 

Beginnen möchte ich mit meiner Liebe zu Horrorfilmen. Man sagt Menschen wie mir nach, dass wir sehr empathisch seien und zumindest für mich kann ich das bestätigen. Das heißt aber nicht, dass ich irgendwie mit allen Figuren immer "mitleiden" würde. Nein. Ich kann mich nur in künstlerische Werke sehr gut einempfinden - und natürlich in Menschen. Bei Horrorfilmen gibt es sehr viele Arten und dementsprechend viele Möglichkeiten, sie zu unterteilen. Die grundlegende Aufteilung erfolgt in drei Gruppen:

1. Filme mit "schlechtem" Ende. Das ist bei Horrorfilmen der Standard bzw. bei jenen, die mir am besten gefallen. Wobei "schlechtes Ende" sehr relativ ist. Geht es um die Perspektive der Figur oder um jene der Beobachterin? Einer meiner Lieblingsfilme ist The Witch. Die junge Hauptdarstellerin erleidet den halben Film hindurch nahezu ein Martyrium an der Seite ihrer sich dezimierenden Familie. SPOILER! Ist das Ende, wenn sie zur Hexe wird, wenn sie in einer unendlich herrlichen Szene zuerst auf Black Philip trifft und den Packt mit ihrem Blut unterschreibt und danach an einem Feuer mit ihrem Kameradinnen auf einem Besen zu schweben beginnt, ein schlechtes oder ein gutes? Für mich ist es jedenfalls ein perfektes. Hereditary ist ebenfalls einer meiner drei Lieblingsfilme. Dieser Film ist perfekt, weil er meine Liebe zu Okkultismus auf die Spitze treibt (ich selbst habe etliche okkulte Tätowierungen). Über lange Zeit weiß man nicht, was geschieht, was dieser Familie, die wir begleiten, eigentlich wiederfährt. Man ist sich nicht sicher, es gibt einstweilen nur Andeutungen. SPOILER! Relativ früh wird die Tochter/Schwester enthauptet. Danach eskaliert alles immer mehr, bis zu dem Punkt als die Mutter "besessen" wirkt und an Wänden herumstrolcht sowie ihren Sohn durchs Haus jagt, bis auf den Dachboden, auf dem sich einiges interessantes anfindet. Danach geht es ab ins Baumhaus vom Beginn zum Höhepunkt und zur Katharsis bzw. Auflösung des Ganzen. Der Sohn ist/wird King Paimon, ein Höllenfürst. Es ist erneut ein perfektes Ende, aber ist es ein "gutes" oder ein "schlechtes"? In beiden Filmen erlebt die Hauptfigur am Ende eine Transformation in Gestalt eines fulminanten Höhepunktes. In beiden Fällen gibt es keine Familie mehr, zu der man zurückkehren könnte. Für die Figur selbst wirkt das Ende im 1. Fall auf den ersten Blick positiv, zumindest, wenn man wie ich einen Faible für Hexen hat. Für andere wird das Ende unmittelbar negativ erscheinen, kennen wir doch das Schicksal so vieler Frauen, die man als Hexen geächtet oder verbrannt hat. Im 2. Fall könnte das Ende als Höllenfürst auch besser erscheinen als das Leben als durchschnittler Highschool Bursch ohne viel Perspektive. Hier ist es vielleicht auch erst der zweite Blick, der nichts gutes für die Person und die Menschheit verheißt. Mein dritter Lieblingshorrorfilm ist The Dark and the Wicked. SPOILER! Auch hier wird im Laufe des Films die Familie dezimiert, es geschehen Tode bzw. Selbstmorde. Dieser Film sticht aus allen dreien heraus mit seiner permanenten bedrückten Stimmung und seinem endlosen permanenden Psycho-Horror. Ich liebe ihn dafür. Das ist der eine Film dieser drei, in dem die Hauptfigur am Schluss vom Dämon getötet wird. Aber man sieht es nicht so genau. Man sieht aber ganz zu Beginn des Films den Mörder inmitten der Schafherde. Die Parallele ist, dass die Hauptfigur bis zum Ende ebenfalls alles verloren hat. Dieser Niedergang ist txpisch für Filme mit "schlechtem" Ende. Bei The Dark and the Wicked ist es definitiv ein "böses" Ende, denn es sterben alle Figuren und der Teufel "gewinnt" eindeutig. Trotzdem ist es immens stimmig und wäre nicht anders möglich. Wie gesagt, mir sind diese Horrorfilme lieber.

2. Filme mit "gutem" Ende. Das ist relativ einfach und auch das eher faule und feige Ende in meinen Augen. Nehmen wir den Film Get Out. Ein hochgefeierter "Horror"film (eigentlich ein Psychothriller), dem in meinen Augen nichts besonderes anhaftet. Er ist gut aufgebaut wie ein klassisches Regeldrama mit einer Peripetie, während der entschieden wird, wie der Film enden wird. SPOILER! Wird die Hauptfigur zu Ende hypnotisiert und operiert, oder wird er sich der Familie entziehen können, sie vielleicht gar besiegen können? Weil es Hollywood ist, hat man sich dafür entschieden, den jungen Mann die Gangster-Familie abschlachten zu lassen. Ja, das befriedigt alle Rachegelüste und ich verstehe das gut, als Jugendliche habe ich den Graf von Montechristo und Sleepers geliebt. Aber ist es das "richtige" Ende für so einen Film oder hätte ein andere Ende besser gepasst? Ich bin sehr im Zwiespalt, denn natürlich darf und soll es auch Horrorfilme mit "Happy Endings" geben. 

3. Filme mit "indifferentem" oder "offenem" Ende. Hier nehme ich als erstes Beispiel The Descend. Als ich den zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch nicht so drin in Horrorfilmen und habe mich angemacht. Ein paar Frauen entschließen sich, eine Höhle zu erkunden. Pech für sie, dass diese nicht unbewohnt ist. Die Spannung und der Horror, die entstehen, sind einfach meisterhaft. SPOILER! Das ganze spitzt sich zu, fast alle sterben mit der Zeit, es ist genial gemacht. Am Schluss bleibt eine Frau über. Plötzlich findet sie einen Ausgang und kann fliehen. Oder doch nicht? Denn auf einmal öffnet sie ihre Augen und ist wieder in der Höhle, sie hatte ihre Flucht nur geträumt. Der Film endet mit ihrem Versuch, weiter einen Ausgang zu finden und den Wesen zu entkommen. Ein Meisterwerk mit einem würdigen Ende würde ich meinen. Viele Menschen, heute mehr als damals, hassen solche Enden, weil sie Ambiguitäten oder Offenheiten nicht aushalten können und weil sie selbst wenig Phantasie haben. Als zweites Beispiel dient mir mein virtliebster Horrorfilm The Blair Witch Project. Ich mag alle drei Teile sehr, nehme aber hier den zurecht legendären ersten. Drei Menschen gehen in einen Wald, weil sie eine Hexe suchen und sie hätten es besser bleiben lassen. SPOLIER! Sie irren herum, es ist genial inszeniert und dargestellt. Am Schluss finden die verbliebenen zwei von ihnen das Hexenhaus und man endet natürlich im Keller, einer der Männer steht mit dem Gesicht zum Eck im Eck (Winkerlstehen hat das in meiner Kindheit in Österreich geheißen). Es wird viel geschrien, die Kamera plumpst zu Boden und schaltet sich mehr oder weniger aus. Was danach geschieht, bleibt verborgen. Das perfekte Ende für einen perfekten Found-Footage-Film (eine meiner absoluten Lieblingskategorien innerhalb der Horrorfilme), finde ich zumindest. Ein anderes Ende als dieses ist bei beiden vorgestellten Filmen einfach nicht vorstellbar. Die restliche Phantasie muss man selbst mitbringen (das gilt auch für das Science Fiction Genre, das es mir seit meiner Kindheit angetan hat). 

Ich liebe Horrorfilme in erster Linie, weil sie so extrem vielseitig sind, weil in ihnen alles erlaubt ist und alles geht. Von den drei Gruppen zu den Kategorien. 

a) Okkultismus, Hexen (die genannten, Die Autopsie der Jane Doe), Dämonen (Constantin, Hellboy, Mother), Portale (Armee der Finsternis, The Cabin in the Woods), Artefakte (Hellraiser), ohne Besessenheiten.

b)  Clowns.

c) Spiegel.

d) Alpträume (Nightmare on Elm Street), Visionen.

d) Haunted House (Das Geisterschloss), Geister, Spuk (Poltergeist, The Conjuring).

e) "Irren"anstalt (American Horror Story Asylum).  

f) Puppen (Annabelle, The Boy)).

g) Einsamkeit, Wälder (The Ritual), Wüsten.

h) Bessesenheiten (The Rite, alle 3 Exorzist). Nehme ich als eigenen Punkt, weil das Genre dermaßen überstrapaziert ist.

Das alles kann mit Mystery angeräuchert werden; mit unzuverlässigen Erzählinstanzen; es kann als Found Footage inszeniert sein (Katakomben/Catacombs, Hell House LLC Origins, VHS-Reihe, Haunted Asylum, Paranormal Activity-Reihe, REC) mit Alternative World Komponenten oder gleich mit First Contact Aliens oder in Raumschiffen (Event Horizon, ein weiterer Film bei dem ich damals zu jung war, ihn zu sehen). Die Möglichkeiten und Kombinationsmöglichkeiten erscheinen schier endlos. Das ist der Hauptgrund für meine Liebe zu Horrorfilmen: sie können mich überraschen und zum Staunen bringen. Bei Science Fiction bleibe ich lieber bei den Buch-Wälzern. Horror sehe ich aber lieber, denn ich liebe es, mich zu gruseln - das schaffen zwar nicht mehr viele Filme, aber doch immer wieder ein paar. Öd ist Gore bzw. sind Blutorgien. Terrifier ist stupide, Torture Porn ist meistens voyeuristisch-obszön und wahnsinnig simple. Die einzige Ausnahme hier sind die beiden Sinister-Filme, aber Hostel ist quatsch und weniger explizit als man denkt, da gibt es wilderes (Martyrs) und vor allem krankeres (Human Centipede). Es ist ähnlich wie bei Büchern: wenn man nahezu alles kennt, wird man nur mehr sehr schwer und selten positiv überrascht.

Den anhaltenden Serienboom sehe ich mit geteilten Gefühlen: es gibt sehr gute Serien, aber überwiegend wird Schrott produziert. Zuletzt habe ich bei Deadloch und Rooster nicht nur einmal Tränen gelacht. Aber meine Lieblingsserien gehen Richtung Lost, Westworld, Hannibal, Severance, From, aber auch American Horror Story und Black Mirror. Seit man immer mehr abgeht vom Prinzip "Show, don't Tell" geht es jedenfalls hurtig bergab (das gilt für JEDE Kunstform). Die intellektuelle Unterforderung, der Einheitsbrei, der feige Massengeschmack nehmen einfach überhand. Kunst ist heute allzu oft entweder feig oder zu politisch gewollt. Echte Kreativität und echter Mut werden vor allem im Mainstream immer seltener. Nur mehr in den "Randgenres" wie Horror bei Filmen, hard Science Fiction und Magischen Realismus bei Büchern finde ich Befriedigung. 

Meine drei Lieblingsfilme sind übrigens Mulholland Drive, Die Üblichen Verdächtigen und Angel Heart. Der erste beinhaltet viele Horror-Elemente, vor allem, was die Stimmung und den Subtext betrifft. Der zweite ist eine Art Whodunnit mit großartigem Twist (siehe Schluss von Scary Movie 1, die das kongenial verbraten haben), der dritte hat wiederum, vor allem in den Traumszenen und bei den Morden, etliche Horrorelemente. Auch das Thema des unzuverlässigen Erzählers zieht sich durch fast jedes meiner Liebelingswerke. 

Allgemein auch hier kurz zum Thema Geschmack. Dieser ist absolut subjektiv. Wir waren vor wenigen Tagen in der Neuen Galerie in Graz und dort gibt es das "Bruseum" - ein eigenes Museum für Günter Brus. Eins vorweg: ziemlich alles, das Menschen machen, wenn sie es bewusst als solche definieren, kann man Kunst nennen. Jedes Kritzikratzi, jeden leeren Bilderrahmen, jedes weiße Blatt mit oder ohne Titel. Wo sich mir eine Grenze auftut, ist bei (Selbst)Verstümmelung. Ich habe absolut kein Problem mit Blut oder mit Hermann Nitsch. Aber wenn es um patriarchale Gewalt geht, und Verstümmelung fällt unter dieses Verdikt, ist es zumindest für mich keine Kunst mehr. Eine Frage, die sich bei österreichischer Aktionskunst auch stellt ist der Umgang mit Personen wie Otto Muehl. Ich trete ja, wie in Teil 1 dargelegt, dafür ein, eher das Werk vom Künstler zu trennen und separat zu betrachten. Bei Heidegger schaffen wir das auch. Aber wenn es um (sexuelle) Gewalt gegen Kinder geht - ist da auch diese Trennung möglich und ethisch vertretbar? Das ist wohl eine entscheidende Frage und ich kann sie hier nicht beantworten, auch, weil ich das für mich selbst nicht abschließend entschieden habe.

An dieser Stelle gehört auch die Frage, ob das Verwenden oder Beiziehen oder "Missbrauchen" von so genannter KI Kunst genannt werden kann. Im Grazer Kunsthaus und in der Neuen Galerie sind KI-Werke ausgestellt, also Werke, die mithilfe von KI geschaffen wurden. Es stellen sich hier zwei Fragen. Erstens die ethisch-ökologische Frage nach dem Ressourcenverbrauch. Zweitens natürlich, inwiefern das Schaffen einer kalten nichtdenkenden nicht-bewussten Entität Kunst schaffen bzw. beim Schaffen von Kunst helfen kann. Ich würde es verneinen, dass Computer, Tiere oder Babys im unbewussten Zustand, quasi durch Zufall oder per Programmierung, Kunst schaffen können. Für mich ist Kunst immer ein bewusster Prozess. In Hinblick auf den Ressourcenverbrauch plädiere ich für eine höchst maßvolle Verwendung von "KI", Chatbots und LLMs, bin also klare Gegnerin, verwende Gemini und ChatGPT sehr gezielt. Bleibt als letzte Frage, ob es also Kunst ist, wenn ich einen guten Prompt mache für ein Bild, ein Lied oder einen Film. Ich tendiere hier zu einem klaren Nein. KI-Musik ist Massenware, zusammengemantschtes seelenloses Nichts, nur zum Geldverdienen und für Ruhm. Gleiches gilt für KI-Filme und den Einsatz von KI in Videospielen und Filmen. Diesbezüglich verdrängt KI Menschen und das ist in jedem Fall zu verurteilen und zu vermeiden. Und auch in jenen Fällen, wenn KI keine Menschen verdrängt, ist das Prompten für ein Bild oder Gemälde KEINE Kunst, ich erschaffe dabei nichts und muss nicht malen können. Ich halte es daher für einen Fehler, solche Werke in Museen auszustellen. KI ist eben kein Werkzeug wie ein Pinsel oder eine Kamera und es ist keine "Demokratisierung", wenn jeder Mensch mit einem guten Prompt ein Gemälde erschaffen "kann". Das führt nur zu absoluter Beliebigkeit und zu absoluter Austauschbarkeit. Ich verwehre mich gleichzeitig aber auch jedem "Geniekult", ich verabscheue den Begriff "Genie" zutiefst, da er patriarchal aufgeladen ist und nur für Männer gebraucht bzw. missbraucht wird. Ich bin zu 100% der Meinung, dass jeder Mensch Künstler*in ist und Kunst schaffen kann - es kann nur nicht jeder Mensch alles können - dieses Selbsteingeständnis ist eines der Grundprobleme im neoliberalen Spätkapitalismus. Nicht alle Menschen sind musikalisch, nicht alle Menschen können Malen und Zeichnen, nicht alle Menschen können einen Film drehen oder Skulpturen erschaffen. Aber jeder Mensch kann zumindest IRGENDETWAS. Kunst selbst ist zutiefst demokratisch, es braucht keine "KI" als zusätzliches "Werkzeug". 

Ich werde definitiv noch mindestens einen 3. Teil zu diesen Thematiken schreiben. FIN.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Über Literatur, Literaturkritik und Kunst, Teil 1

Diesmal keine Analyse der Gegenwart, sondern ein Beitrag aus meinem ur-eigenen Metier der Literatur, Literaturkritik und Kunst. Ergänzend zu meiner kurzen Biografie in meinem Blogpost "Analye Teil 4": ich habe bis dato drei Bücher publiziert (prosaische Lyrik, lyrische Prosa, Aphorismen und Kurzgeschichten - postmodern, assoziativ und l'art pour l'art), ein viertes liegt nahezu fertig auf meiner Festplatte.

Ich mache mir seit Jahrzehnten Gedanken darüber, was ein belletristisches Buch für mich lesenswert und attraktiv macht. Es muss mindestens einen der folgenden Punkte erfüllen, bzw. dürfen gewisse Punkte nicht erfüllt sein:

1. Es muss mir einen Erkenntnisgewinn bieten, das heißt, ich muss etwas Neues lernen oder etwas Neues erfahren, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste oder nicht kannte. Es geht primär um Informationen, aber genauso um Gefühle, Orte, Menschengruppen. Deswegen liebe ich hard Sciene Fiction so sehr, denn darin gibt es immer etwas, das mit Physik, Mathematik, Psychologie oder Philosophie zu tun hat, das ich noch nicht (ausreichend) kannte. Ein Buch, aus dem ich nichts lerne, nichts erfahre, das mich nicht zum Nachdenken bringt, das mein Gehirn nicht fordert, hat einen schlechten Stand.

2. Ich schaffe es nur mehr selten, Bücher zu lesen, die nicht wenigstens ein kleines bisschen spannend sind. Ich rede nicht von Krimis oder Thrillern, was ich beides fast nie lese (höchstens am Strand). Ich meine auch die subtile Spannung des simplen "Wie geht es weiter?". Ich muss wissen wollen, wie es weitergeht. Meinetwegen nennen wir es "fesseln" oder "Neugierde wecken". Da ich sehr neugierig bin, ist das keine schwere Aufgabe und ein Buch muss schon sehr großer Mist sein, um diesen Punkt nicht zu erfüllen. Es reichen hier auch spannende Charaktere, deren Weiterentwicklung bzw. weiterer Weg mich einfach interessiert, oder Fakten bzw. Ereignisse, die ich noch erfahren möchte.

3. Kreativität und, mit Einschränkungen, Stil. Ich liebe Romane, die mich überraschen, egal in welcher Hinsicht. Das ist für mich der Punkt der Kreativität, der aber auch eng mit 1 und 2 zusammenhängt. Kreativität kann allerdings auch allein ein Buch interessant und lesenswert machen, etwa das "Blutbuch" von Kim de l'Horizon. Was ich auch liebe ist Magischer Realismus. Jorge Luis Borges und Haruki Murakami sind hier meine Favoriten. Murakami schreibt wahrlich nicht immer "spannend", aber er schafft es immer, dass ich wissen möchte, wie es ausgeht. Dass ich dabei auch ab und an ein paar Seiten querlese, ist kein Verlust. Ich habe nie ein dickes Buch über 500 Seiten gelesen, das nicht ein paar Seiten kürzer hätte sein können. Stil ist natürlich wichtig, aber nur Stil allein macht kein Buch lesenswert: auch in Schönheit gestorben ist gestorben, wenn sonst jede Substanz, jedes "Fleisch", fehlt.

4. Charaktere oder andere Instanzen, die mir eine Sichtweise zeigen, die ich bis dato nicht kannte. Das geht natürlich auch mit den vorhergehenden Punkten einher, vor allem mit dem ersten. Aber hier geht es mir speziell um Charaktere. Figuren muss man zeichnen können als Autor*in, man muss diese gezeichneten faszinierend finden als Leser*in. Dabei ist es egal, ob sie "gut" sind oder "böse" oder "grau". Ambiguität ist meistens das beste an Charakteren, auch im Reallife (viele Menschen können Ambiguität heute nicht mehr ertragen). Es tut auch keinem Buch schlecht, wenn es Figuren beinhaltet, mit denen man sich zumindest ein bisschen identifizieren kann. Vor allem als Jugendliche war es in meinen Lieblingsgenres (Hohlbein, King, Goethe, Kafka) hart, eine Jugendliche zu finden. Gleiches auf der Uni, als ich Germanistik studiert habe (nicht fertig) - der damalige Kanon um 2000 hat so gut wie keine Frauen beinhaltet. Vielleicht bin ich deshalb so "empflindlich" bei diesem Punkt, aber ich bin der Meinung, dass jedes gute Buch eine interessante Frauenfigur enthalten muss. Außerdem gehört hierher, dass ich ein sehr empathischer Mensch bin (ich arbeite ja auch im Sozialbereich), es ist also nicht schwer, mich zu Mitgefühl und Mitleiden zu bringen. Ein Buch oder ein Film, das/der mich kaltlässt, hat wirklich auf ganzer Linie versagt.

5. Was ich nicht mehr lesen kann, sind Romane voller Männerfiguren, die noch dazu in ihrer Zeit stecken geblieben sind. Das macht leider einen guten Teil der klassischen Science Fiction aus, ebenso wie jene der klassischen Literatur-Canones. Durch die Foundation Trilogie habe ich mich geqäult und nicht nur durch sie, der gleiche Horror war es heuer bei den Brüdern Karamasov. Viele Geschichten sind heute restlos überaltert (kill me for that), genau wie ihre Figuren, und das hat heute in meinem Leben einfach keinen Platz mehr, ich habe keine Zeit mehr für schlechte Bücher. 2025 habe ich noch einmal den "Zauberberg" gelesen und er hat mir genauso wenig gefallen wie vor 20 Jahren. Leider ist es heute noch wie damals Pflichtlektüre für angehende Germanist*innen. Furchtbar. Damals habe ich mich auch durch Krieg und Frieden gequält und durch die Romane von Goethe - es war Zeitverschwendung (von heute aus gesehen). Oder Prosa-Bestenlisten auf Youtube. Mir geht nicht ein, wie der Don Quixote da regelmäßig in die Top 5 kommt oder der Ulysses. Das ist heute genauso unlesbar wie die  amerikanischen Romane (Gatsby usw.) und jene der Bronte-Schwestern plus Jane Austen (sorry, weder Emma, noch Sturmhöhe, noch Jayne Ayre haben mir irgendetwas gebracht) oder von Charles Dickens und Konsorten. Ich habe mich da für eine humanistische Bildung durchgequält, wenige Monate nach der Lektüre ist alles vergessen (wie bei Houellebecq mit der Ausnahme "Karte und Gebiet"). Tatsache ist für mich heute, dass die meisten dieser "Klassiker" die Zeit nicht wert sind, die ich mit ihnen verbracht habe. Was sollen wir heute aus uralten Romanen lernen? Was soll der Erkenntnisgewinn sein? Ehrlicherweise ist da mit Fachliteratur mehr gedient - also Geschichtsbücher, (Auto)Biografien oder philosophische/soziologische/feministische Primärliteratur. Ich verschlinge neuerdings (Auto)Biographien (dazu zähle ich auch Hilary Mantels Tudor-Trilogie)! An diesem Punkt versagt für mich Belletristik komplett und verliert für mich die Sinnhaftigkeit. Aber das ist nur meine Meinung aus meiner Lebenserfahrung und Hunderter alter Romane heraus. Generell lese ich heute in etwa 50% Fachbücher und 50% Romane. Ich bin viel am Überlegen, was mir das Lesen von "Klassikern" gebracht hat. Eine nicht unwesentliche (Allgemein)Bildung mit Sicherheit, genauso wie ein breites (Welt)Wissen, stilistisch wohl eher wenig, da stechen nur wenige heraus (zB Thomas Bernhard, Samuel Beckett). Muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, ob das Lesen von (ur)alten Büchern einen Mehrwert bringt, also ob die erwähnte Allgemeinbildung einen Wert für einen selbst hat (bei mir war und ist es jedenfalls so, nur heute anders als früher - ich habe früher nie so viele Fachbücher gelesen wie heute). 

6. Was ich auch nicht mehr ausstehen kann, sind autofiktionale Maturantenprosa und Befindlichkeitsprosa. Der Punkt ist auch hier, dass ich diesbezüglich gleich zu Fachliteratur greife, wenn mich ein Thema sehr interessiert und dann brauche ich keinen Roman mehr. Außerdem interessiert mich das Leben etwa einer Doris Knecht einfach nicht. Das Gegenteil also von Punkt 5: zu viel Gegenwart und zu viel Leben mir wildfremder Menschen ist auch ein Desaster, zumindest bei Belletristik. 

7. Daher müssen Romane für mich primär erfundene Geschichten sein, die mich fesseln und die mich etwas lehren, bestenfalls aus Perspektiven, die ich bis dato nicht kannte. Das liest sich auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu Punkten, die ich oben geschrieben habe, und dafür bitte ich um Entschuldigung. Vielleicht kann ich meine Gedanken auch nach so vielen Jahren des Reflektierens und Lesens über das Lesen und Schreiben nicht so gut niederschreiben bzw. fokussieren, wie ich gern würde. Ich kann es nur anhand von Beispielen nachvollziehbarer machen. Meine Lieblingsbücher: die Southern Reach Quadrologie, American Psycho, The Waste Land, Childe Roland to the Dark Tower Came, Hyperion/Endymion/Ilium/Olympos, alles von Frank Herbert und Shakespeare, Blindsight und Echopraxia, die Trisolaris Trilogie, Extrem laut und unglaublich nah, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Es gibt keine Antimimentik-Abteilung, Mein Herz so weiß, Ursula K. LeGuin, Octavia E. Butler, Raphaela Edelbauer, Jonathan Coe, Douglas Stuart, 1984,...; Didier Eribon, Gramsci, Michel Foucault, Beauvoir, Arendt, Camus, Adorno, Horkheimer, Erich Fromm, Bourdieu, Ulrike Herrmann, Eva von Redecker, Annicka Brockschmidt, Carolin Amlinger, David Graeber,... Wie Sie sehen, finden sich in meiner Liste nicht überragend viele "Klassiker". Hunderte Bücher, die heute alle möglichen Listen anführen, haben sich im Nachhinein und mit Abstand als nahezu verlorene Zeit entpuppt. Oder auch nicht, ich weiß es nicht. Was hat mir Krieg und Frieden gebracht? Was hat mich die Blechtrommel gelehrt? Keine Ahnung. Es war aber während meines Germanistik-Studiums richtig, diese Romane zu lesen, das möchte ich noch betonen. Jedes Buch hat seine Zeit, auch das weiß ich heute mit Sicherheit. Sollte mein "Urteil" als zu hart erscheint, dann meine ich das sicher nicht so todernst, denn ich schätz natürlich die Bildung und das Wissen, das mir diese Klassiker vermittelt haben sehr.

8. Was ich auf den Tod nicht mehr ausstehen kann, ist, wenn meine Lebenszeit mit Blabla vergeudet wird, mit Belanglosigkeiten, (irrelevanten) Abschweifungen, Allgemeinplätzen, unfassbar faden Details, unendlichen Expositionen, ohne jemals oder absehbar auf den Punkt zu kommen. Das ist dermaßen ermüdend und langweilig und führt entweder zu querlesen oder zu Beendigung.

9. Möglich ist auch, dass ich an totaler Übersättigung laboriere. Ich meine, mich zu erinnern, dass es mir als Jugendlicher und junger Erwachsener unendlich wichtig war, die ganzen Klassiker zu lesen. Ich bin Arbeiterkind und für mich war das durchaus eine Art Distinktion, dieses Lesen dieser speziellen Bücher und diese "heiligen Hallen" einer Universität. Es hat mir damals mehr bedeutet als heute, diese Werke zu bearbeiten und dieses "Mitreden-Können" (wie gesagt, an die meisten Werke kann ich mich nicht im Ansatz erinnern und es ist mir ziemlich egal). Heute denke ich ermüdet an diese Zeit zurück, aber auch mit Stolz. Meine "Reading Stamina" ist heute noch hoch, ich lege miese Bücher weg und verschlinge andere. Ebenso sind meine Prioritäten ganz anders. Ich schreibe zwar noch Belletristik, aber aktuell primär Politik und Philosophie. Zwar war ich natürlich immer ein politischer Mensch, aber das politische Schreiben ist noch einmal ganz anders - seit gut 10 Jahren mache ich das und ich habe mir nie schwer getan. Wohingegen das belletristische Schreiben seit vielen Jahren viel schwerer ist. Ich bin Anhängerin der Theorie, dass jeder Mensch nur eine gewisse Substanz an Kreativität in sich trägt und das dieses Quantum irgendwann aufgebraucht ist. Aktuell schreibe ich meine Biographie und einen dystopischen politisch-philosophischen alternative world first contact (hard) Science Fiction Roman, in dem ich alles verbraten möchte, das mir in den letzten Jahren durch den Kopf gegangen ist. Ich muss dazusagen, ich schreibe nicht, um reich zu werden; und wäre ich Narzisstin, hätte ich einen Youtube-Kanal, einen Podcast und ein Profil auf X, Insta und TikTok. Ich habe nichts von alledem, mir geht es sehr gut. 

An dieser Stelle ist es angebracht, zu erwähnen, dass Kunst und Kunstkritik über alle Maßen subjektiv sind. Es gibt hier keine Objektivität (die gibt es auch sonst nirgends, aber zu Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie in einem anderen Blog - Stichworte Kritische Theorie und Kritischer Rationalismus). Es gibt auch kein Richtig und kein Falsch, wichtig ist es, überhaupt zu lesen. Erst wenn man viel liest, sollte man sich Gedanken über die Qualität der Literatur machen. Und dann sollte man sich von "Romantasy", "Dark Romance", Krimis und Thrillern verabschieden bzw. von jedem Buch, das man an einem Tag lesen kann (zB Grisham, King, Dan Brown usw. lese ich heute zum Runterkommen zwischen den schweren Büchern, bei denen ich mich konzentrieren muss; damit erfüllen sie in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle). In der Kritik und generell im Feuilleton nehmen sich die vielen älteren meist konservativen Herren viel zu ernst und sie vergreifen sich leider nicht selten im Ton. Ich möchte mich nicht bierernst nehmen, dieser Beitrag hier ist primär zur Diskussion und weil ich das endlich mal alles für mich selbst niedergeschrieben haben möchte. Beim Thema Geschmack geht es oft hoch her. Wo ich auch emotional werde sind etwa Sexismus, Rechtsextremismus oder reaktionäres Gedankengut. Was ich deshalb noch klarstellen möchte: als halber Germanistin ist es mir natürlich klar, dass jedes Werk seine eigene Zeit hat, aus seiner bestimmten Zeit stammt. Das ist die hermeneutische Interpretation, die auch text-transzendente Faktoren miteinschließt. So gesehen waren die Werke der Bronte-Schwestern, von Jane Austen oder von Mary Shelley extrem wichtig und in ihrer Zeit brillante Werke! Aber postmodern betrachtet bzw. (post-)strukturalistisch, wenn man quasi nur die Texte betrachtet, dann sieht die Sache anders aus. Ich gebe zu, die meisten Bücher und Texte lese ich primär auf diese selbst bezogen, ich blende Autor*in aus, das negative (siehe Heidegger usw.) wie das positive (die genannten Frauen usf.). Ich lese meistens nur den Text und es ist mir meistens egal, wann er entstanden ist und wer ihn geschrieben hat. Das allein dekonstruiert das ganze Gerede von "Klassikern" und Literatur-Kanones. Denn wenn ich jede Zeitlichkeit ausschließe (was ich nicht tue), dann ist das beste Buch einfach das beste Buch, unabhängig vom Rest. Und dann lese ich auch keine sexistische Science Fiction aus den 1950ern und 1960ern, weil sie mir nichts bringt. Ich lese aber auch keine "großen" Bildungsromane aus dem 19. Jahrhundert, weil diese mir genauso wenig bringen. Im Endeffekt zählt für mich Text-Immanenz mehr als Text-Transzendenz, das sehe ich überwiegend allgemein auf Kunst und Philosophie bezogen so.  

Ich schaue ja gern den Literaturclub, aber nie die reaktionären Altherren Scheck und Sichrovsky (wobei Schecks Kanon nicht ganz so blöd ist wie man glauben könnte) oder das selbstverliebt-bierernste Literarische Quartett. Ich mag Philip Tingler, er ist wenigstens ehrlich und ziemlich gebildet. Letztens in einer Runde haben sich alle als Fans von Michel Houellebecq geoutet. Was witzig ist, ich habe auch alles von ihm gelesen, aber spätestens ein Jahr später weiß ich nichts mehr über den Inhalt seiner Romane (Ausnahme siehe weiter oben). So geht es mir mit jeder Unterhaltungsliteratur, was ok ist. Ich habe bloß gemerkt, dass die etwas in seinen Romanen finden, das ich nicht im Ansatz darin finde. Man macht sich ja dann Gedanken. Ich denke aber auch, dass jeder Mensch seine eigenen Ideen zu Literatur und Kunst hat. Was Kunst betrifft liebe ich wirklich sehr Moderne Kunst und die hochdepressive verstörende Gegenwartskunst. Da ich auch Horrorfilme liebe, liebe ich Contemporary Art. Ich kann auf Städtereisen an keiner Galerie, an keinem Museum vorbeigehen. Spannenderweise mag ich bei Gemälden genauso gern Dennis Hopper wie Francis Bacon, Claude Lorrain wie Jackson Pollok, Vilhelm Hammershoi wie Dalí und Gustave Courbet wie Caspar David Friedrich. Sehr liebe ich Konzeptkunst, Landart, Feminist Art, Skulpturen wie von Giacometti, Architektur (besonders Kirchen) und das Spielen mit Materialien. Was mir nicht so taugt, ist die Tendenz von manchen politischen Menschen, ihre politische Message hinter Kunst zu verstecken. Kunst muss immer auch Ästhetik sein. Wenn Kunst nur mehr politisch ist und fünf Seiten Text braucht, um "verstanden" zu werden, dann brauche ich das nicht. Auch hier bevorzuge ich die direkte Art - also bitte gleich ein (politisches) Buch schreiben oder einen (politischen) Film drehen. Aber nicht die politische Message hinter Nicht-Ästhetik verstecken und damit Museen missbrauchen. Seid ehrlich zu uns und euch selbst und macht offen Politik wie ich hier. Das ist mir (uns) kürzlich in Barcelona passiert. Zwei der Museen waren von oben bis unten voll mit politischer Message (leider viel Antisemitismus) ohne jede Ästhetik, also eigentlich ohne Kunst. Es war ein Desaster, wir blieben nicht lange und konzentrierten uns dann auf die anderen Museen (Barcelona ist ein absoluter Traum!). Ich werde noch einen extra Beitrag schreiben über Horror und alles andere, das jetzt den Rahmen sprengen würde. FIN.