Sonntag, 7. Juni 2026

Über Horrorfilme, KI, Literatur und Kunst, Teil 2

Achtung, dieser Blogpost enthält Spoiler zu folgenden Filmen, in order of appearance: The Witch, Hereditary, The Dark and the Wicked, Get Out, The Descent, The Blair Witch Project.

Fast alles, das ich hier schreibe, gilt auch für Horrorromane. Das meiste, das ich über Literatur und Kunst geschrieben habe, gilt auch hier für Filme. 

Beginnen möchte ich mit meiner Liebe zu Horrorfilmen. Man sagt Menschen wie mir nach, dass wir sehr empathisch seien und zumindest für mich kann ich das bestätigen. Das heißt aber nicht, dass ich irgendwie mit allen Figuren immer "mitleiden" würde. Nein. Ich kann mich nur in künstlerische Werke sehr gut einempfinden - und natürlich in Menschen. Bei Horrorfilmen gibt es sehr viele Arten und dementsprechend viele Möglichkeiten, sie zu unterteilen. Die grundlegende Aufteilung erfolgt in drei Gruppen:

1. Filme mit "schlechtem" Ende. Das ist bei Horrorfilmen der Standard bzw. bei jenen, die mir am besten gefallen. Wobei "schlechtes Ende" sehr relativ ist. Geht es um die Perspektive der Figur oder um jene der Beobachterin? Einer meiner Lieblingsfilme ist The Witch. Die junge Hauptdarstellerin erleidet den halben Film hindurch nahezu ein Martyrium an der Seite ihrer sich dezimierenden Familie. SPOILER! Ist das Ende, wenn sie zur Hexe wird, wenn sie in einer unendlich herrlichen Szene zuerst auf Black Philip trifft und den Packt mit ihrem Blut unterschreibt und danach an einem Feuer mit ihrem Kameradinnen auf einem Besen zu schweben beginnt, ein schlechtes oder ein gutes? Für mich ist es jedenfalls ein perfektes. Hereditary ist ebenfalls einer meiner drei Lieblingsfilme. Dieser Film ist perfekt, weil er meine Liebe zu Okkultismus auf die Spitze treibt (ich selbst habe etliche okkulte Tätowierungen). Über lange Zeit weiß man nicht, was geschieht, was dieser Familie, die wir begleiten, eigentlich wiederfährt. Man ist sich nicht sicher, es gibt einstweilen nur Andeutungen. SPOILER! Relativ früh wird die Tochter/Schwester enthauptet. Danach eskaliert alles immer mehr, bis zu dem Punkt als die Mutter "besessen" wirkt und an Wänden herumstrolcht sowie ihren Sohn durchs Haus jagt, bis auf den Dachboden, auf dem sich einiges interessantes anfindet. Danach geht es ab ins Baumhaus vom Beginn zum Höhepunkt und zur Katharsis bzw. Auflösung des Ganzen. Der Sohn ist/wird King Paimon, ein Höllenfürst. Es ist erneut ein perfektes Ende, aber ist es ein "gutes" oder ein "schlechtes"? In beiden Filmen erlebt die Hauptfigur am Ende eine Transformation in Gestalt eines fulminanten Höhepunktes. In beiden Fällen gibt es keine Familie mehr, zu der man zurückkehren könnte. Für die Figur selbst wirkt das Ende im 1. Fall auf den ersten Blick positiv, zumindest, wenn man wie ich einen Faible für Hexen hat. Für andere wird das Ende unmittelbar negativ erscheinen, kennen wir doch das Schicksal so vieler Frauen, die man als Hexen geächtet oder verbrannt hat. Im 2. Fall könnte das Ende als Höllenfürst auch besser erscheinen als das Leben als durchschnittler Highschool Bursch ohne viel Perspektive. Hier ist es vielleicht auch erst der zweite Blick, der nichts gutes für die Person und die Menschheit verheißt. Mein dritter Lieblingshorrorfilm ist The Dark and the Wicked. SPOILER! Auch hier wird im Laufe des Films die Familie dezimiert, es geschehen Tode bzw. Selbstmorde. Dieser Film sticht aus allen dreien heraus mit seiner permanenten bedrückten Stimmung und seinem endlosen permanenden Psycho-Horror. Ich liebe ihn dafür. Das ist der eine Film dieser drei, in dem die Hauptfigur am Schluss vom Dämon getötet wird. Aber man sieht es nicht so genau. Man sieht aber ganz zu Beginn des Films den Mörder inmitten der Schafherde. Die Parallele ist, dass die Hauptfigur bis zum Ende ebenfalls alles verloren hat. Dieser Niedergang ist txpisch für Filme mit "schlechtem" Ende. Bei The Dark and the Wicked ist es definitiv ein "böses" Ende, denn es sterben alle Figuren und der Teufel "gewinnt" eindeutig. Trotzdem ist es immens stimmig und wäre nicht anders möglich. Wie gesagt, mir sind diese Horrorfilme lieber.

2. Filme mit "gutem" Ende. Das ist relativ einfach und auch das eher faule und feige Ende in meinen Augen. Nehmen wir den Film Get Out. Ein hochgefeierter "Horror"film (eigentlich ein Psychothriller), dem in meinen Augen nichts besonderes anhaftet. Er ist gut aufgebaut wie ein klassisches Regeldrama mit einer Peripetie, während der entschieden wird, wie der Film enden wird. SPOILER! Wird die Hauptfigur zu Ende hypnotisiert und operiert, oder wird er sich der Familie entziehen können, sie vielleicht gar besiegen können? Weil es Hollywood ist, hat man sich dafür entschieden, den jungen Mann die Gangster-Familie abschlachten zu lassen. Ja, das befriedigt alle Rachegelüste und ich verstehe das gut, als Jugendliche habe ich den Graf von Montechristo und Sleepers geliebt. Aber ist es das "richtige" Ende für so einen Film oder hätte ein andere Ende besser gepasst? Ich bin sehr im Zwiespalt, denn natürlich darf und soll es auch Horrorfilme mit "Happy Endings" geben. 

3. Filme mit "indifferentem" oder "offenem" Ende. Hier nehme ich als erstes Beispiel The Descend. Als ich den zum ersten Mal gesehen habe, war ich noch nicht so drin in Horrorfilmen und habe mich angemacht. Ein paar Frauen entschließen sich, eine Höhle zu erkunden. Pech für sie, dass diese nicht unbewohnt ist. Die Spannung und der Horror, die entstehen, sind einfach meisterhaft. SPOILER! Das ganze spitzt sich zu, fast alle sterben mit der Zeit, es ist genial gemacht. Am Schluss bleibt eine Frau über. Plötzlich findet sie einen Ausgang und kann fliehen. Oder doch nicht? Denn auf einmal öffnet sie ihre Augen und ist wieder in der Höhle, sie hatte ihre Flucht nur geträumt. Der Film endet mit ihrem Versuch, weiter einen Ausgang zu finden und den Wesen zu entkommen. Ein Meisterwerk mit einem würdigen Ende würde ich meinen. Viele Menschen, heute mehr als damals, hassen solche Enden, weil sie Ambiguitäten oder Offenheiten nicht aushalten können und weil sie selbst wenig Phantasie haben. Als zweites Beispiel dient mir mein virtliebster Horrorfilm The Blair Witch Project. Ich mag alle drei Teile sehr, nehme aber hier den zurecht legendären ersten. Drei Menschen gehen in einen Wald, weil sie eine Hexe suchen und sie hätten es besser bleiben lassen. SPOLIER! Sie irren herum, es ist genial inszeniert und dargestellt. Am Schluss finden die verbliebenen zwei von ihnen das Hexenhaus und man endet natürlich im Keller, einer der Männer steht mit dem Gesicht zum Eck im Eck (Winkerlstehen hat das in meiner Kindheit in Österreich geheißen). Es wird viel geschrien, die Kamera plumpst zu Boden und schaltet sich mehr oder weniger aus. Was danach geschieht, bleibt verborgen. Das perfekte Ende für einen perfekten Found-Footage-Film (eine meiner absoluten Lieblingskategorien innerhalb der Horrorfilme), finde ich zumindest. Ein anderes Ende als dieses ist bei beiden vorgestellten Filmen einfach nicht vorstellbar. Die restliche Phantasie muss man selbst mitbringen (das gilt auch für das Science Fiction Genre, das es mir seit meiner Kindheit angetan hat). 

Ich liebe Horrorfilme in erster Linie, weil sie so extrem vielseitig sind, weil in ihnen alles erlaubt ist und alles geht. Von den drei Gruppen zu den Kategorien. 

a) Okkultismus, Hexen (die genannten, Die Autopsie der Jane Doe), Dämonen (Constantin, Hellboy, Mother), Portale (Armee der Finsternis, The Cabin in the Woods), Artefakte (Hellraiser), ohne Besessenheiten.

b)  Clowns.

c) Spiegel.

d) Alpträume (Nightmare on Elm Street), Visionen.

d) Haunted House (Das Geisterschloss), Geister, Spuk (Poltergeist, The Conjuring).

e) "Irren"anstalt (American Horror Story Asylum).  

f) Puppen (Annabelle, The Boy)).

g) Einsamkeit, Wälder (The Ritual), Wüsten.

h) Bessesenheiten (The Rite, alle 3 Exorzist). Nehme ich als eigenen Punkt, weil das Genre dermaßen überstrapaziert ist.

Das alles kann mit Mystery angeräuchert werden; mit unzuverlässigen Erzählinstanzen; es kann als Found Footage inszeniert sein (Katakomben/Catacombs, Hell House LLC Origins, VHS-Reihe, Haunted Asylum, Paranormal Activity-Reihe, REC) mit Alternative World Komponenten oder gleich mit First Contact Aliens oder in Raumschiffen (Event Horizon, ein weiterer Film bei dem ich damals zu jung war, ihn zu sehen). Die Möglichkeiten und Kombinationsmöglichkeiten erscheinen schier endlos. Das ist der Hauptgrund für meine Liebe zu Horrorfilmen: sie können mich überraschen und zum Staunen bringen. Bei Science Fiction bleibe ich lieber bei den Buch-Wälzern. Horror sehe ich aber lieber, denn ich liebe es, mich zu gruseln - das schaffen zwar nicht mehr viele Filme, aber doch immer wieder ein paar. Öd ist Gore bzw. sind Blutorgien. Terrifier ist stupide, Torture Porn ist meistens voyeuristisch-obszön und wahnsinnig simple. Die einzige Ausnahme hier sind die beiden Sinister-Filme, aber Hostel ist quatsch und weniger explizit als man denkt, da gibt es wilderes (Martyrs) und vor allem krankeres (Human Centipede). Es ist ähnlich wie bei Büchern: wenn man nahezu alles kennt, wird man nur mehr sehr schwer und selten positiv überrascht.

Den anhaltenden Serienboom sehe ich mit geteilten Gefühlen: es gibt sehr gute Serien, aber überwiegend wird Schrott produziert. Zuletzt habe ich bei Deadloch und Rooster nicht nur einmal Tränen gelacht. Aber meine Lieblingsserien gehen Richtung Lost, Westworld, Hannibal, Severance, From, aber auch American Horror Story und Black Mirror. Seit man immer mehr abgeht vom Prinzip "Show, don't Tell" geht es jedenfalls hurtig bergab (das gilt für JEDE Kunstform). Die intellektuelle Unterforderung, der Einheitsbrei, der feige Massengeschmack nehmen einfach überhand. Kunst ist heute allzu oft entweder feig oder zu politisch gewollt. Echte Kreativität und echter Mut werden vor allem im Mainstream immer seltener. Nur mehr in den "Randgenres" wie Horror bei Filmen, hard Science Fiction und Magischen Realismus bei Büchern finde ich Befriedigung. 

Meine drei Lieblingsfilme sind übrigens Mulholland Drive, Die Üblichen Verdächtigen und Angel Heart. Der erste beinhaltet viele Horror-Elemente, vor allem, was die Stimmung und den Subtext betrifft. Der zweite ist eine Art Whodunnit mit großartigem Twist (siehe Schluss von Scary Movie 1, die das kongenial verbraten haben), der dritte hat wiederum, vor allem in den Traumszenen und bei den Morden, etliche Horrorelemente. Auch das Thema des unzuverlässigen Erzählers zieht sich durch fast jedes meiner Liebelingswerke. 

Allgemein auch hier kurz zum Thema Geschmack. Dieser ist absolut subjektiv. Wir waren vor wenigen Tagen in der Neuen Galerie in Graz und dort gibt es das "Bruseum" - ein eigenes Museum für Günter Brus. Eins vorweg: ziemlich alles, das Menschen machen, wenn sie es bewusst als solche definieren, kann man Kunst nennen. Jedes Kritzikratzi, jeden leeren Bilderrahmen, jedes weiße Blatt mit oder ohne Titel. Wo sich mir eine Grenze auftut, ist bei (Selbst)Verstümmelung. Ich habe absolut kein Problem mit Blut oder mit Hermann Nitsch. Aber wenn es um patriarchale Gewalt geht, und Verstümmelung fällt unter dieses Verdikt, ist es zumindest für mich keine Kunst mehr. Eine Frage, die sich bei österreichischer Aktionskunst auch stellt ist der Umgang mit Personen wie Otto Muehl. Ich trete ja, wie in Teil 1 dargelegt, dafür ein, eher das Werk vom Künstler zu trennen und separat zu betrachten. Bei Heidegger schaffen wir das auch. Aber wenn es um (sexuelle) Gewalt gegen Kinder geht - ist da auch diese Trennung möglich und ethisch vertretbar? Das ist wohl eine entscheidende Frage und ich kann sie hier nicht beantworten, auch, weil ich das für mich selbst nicht abschließend entschieden habe.

An dieser Stelle gehört auch die Frage, ob das Verwenden oder Beiziehen oder "Missbrauchen" von so genannter KI Kunst genannt werden kann. Im Grazer Kunsthaus und in der Neuen Galerie sind KI-Werke ausgestellt, also Werke, die mithilfe von KI geschaffen wurden. Es stellen sich hier zwei Fragen. Erstens die ethisch-ökologische Frage nach dem Ressourcenverbrauch. Zweitens natürlich, inwiefern das Schaffen einer kalten nichtdenkenden nicht-bewussten Entität Kunst schaffen bzw. beim Schaffen von Kunst helfen kann. Ich würde es verneinen, dass Computer, Tiere oder Babys im unbewussten Zustand, quasi durch Zufall oder per Programmierung, Kunst schaffen können. Für mich ist Kunst immer ein bewusster Prozess. In Hinblick auf den Ressourcenverbrauch plädiere ich für eine höchst maßvolle Verwendung von "KI", Chatbots und LLMs, bin also klare Gegnerin, verwende Gemini und ChatGPT sehr gezielt. Bleibt als letzte Frage, ob es also Kunst ist, wenn ich einen guten Prompt mache für ein Bild, ein Lied oder einen Film. Ich tendiere hier zu einem klaren Nein. KI-Musik ist Massenware, zusammengemantschtes seelenloses Nichts, nur zum Geldverdienen und für Ruhm. Gleiches gilt für KI-Filme und den Einsatz von KI in Videospielen und Filmen. Diesbezüglich verdrängt KI Menschen und das ist in jedem Fall zu verurteilen und zu vermeiden. Und auch in jenen Fällen, wenn KI keine Menschen verdrängt, ist das Prompten für ein Bild oder Gemälde KEINE Kunst, ich erschaffe dabei nichts und muss nicht malen können. Ich halte es daher für einen Fehler, solche Werke in Museen auszustellen. KI ist eben kein Werkzeug wie ein Pinsel oder eine Kamera und es ist keine "Demokratisierung", wenn jeder Mensch mit einem guten Prompt ein Gemälde erschaffen "kann". Das führt nur zu absoluter Beliebigkeit und zu absoluter Austauschbarkeit. Ich verwehre mich gleichzeitig aber auch jedem "Geniekult", ich verabscheue den Begriff "Genie" zutiefst, da er patriarchal aufgeladen ist und nur für Männer gebraucht bzw. missbraucht wird. Ich bin zu 100% der Meinung, dass jeder Mensch Künstler*in ist und Kunst schaffen kann - es kann nur nicht jeder Mensch alles können - dieses Selbsteingeständnis ist eines der Grundprobleme im neoliberalen Spätkapitalismus. Nicht alle Menschen sind musikalisch, nicht alle Menschen können Malen und Zeichnen, nicht alle Menschen können einen Film drehen oder Skulpturen erschaffen. Aber jeder Mensch kann zumindest IRGENDETWAS. Kunst selbst ist zutiefst demokratisch, es braucht keine "KI" als zusätzliches "Werkzeug". 

Ich werde definitiv noch mindestens einen 3. Teil zu diesen Thematiken schreiben. FIN.

Donnerstag, 4. Juni 2026

Über Literatur, Literaturkritik und Kunst, Teil 1

Diesmal keine Analyse der Gegenwart, sondern ein Beitrag aus meinem ur-eigenen Metier der Literatur, Literaturkritik und Kunst. Ergänzend zu meiner kurzen Biografie in meinem Blogpost "Analye Teil 4": ich habe bis dato drei Bücher publiziert (prosaische Lyrik, lyrische Prosa, Aphorismen und Kurzgeschichten - postmodern, assoziativ und l'art pour l'art), ein viertes liegt nahezu fertig auf meiner Festplatte.

Ich mache mir seit Jahrzehnten Gedanken darüber, was ein belletristisches Buch für mich lesenswert und attraktiv macht. Es muss mindestens einen der folgenden Punkte erfüllen, bzw. dürfen gewisse Punkte nicht erfüllt sein:

1. Es muss mir einen Erkenntnisgewinn bieten, das heißt, ich muss etwas Neues lernen oder etwas Neues erfahren, das ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht wusste oder nicht kannte. Es geht primär um Informationen, aber genauso um Gefühle, Orte, Menschengruppen. Deswegen liebe ich hard Sciene Fiction so sehr, denn darin gibt es immer etwas, das mit Physik, Mathematik, Psychologie oder Philosophie zu tun hat, das ich noch nicht (ausreichend) kannte. Ein Buch, aus dem ich nichts lerne, nichts erfahre, das mich nicht zum Nachdenken bringt, das mein Gehirn nicht fordert, hat einen schlechten Stand.

2. Ich schaffe es nur mehr selten, Bücher zu lesen, die nicht wenigstens ein kleines bisschen spannend sind. Ich rede nicht von Krimis oder Thrillern, was ich beides fast nie lese (höchstens am Strand). Ich meine auch die subtile Spannung des simplen "Wie geht es weiter?". Ich muss wissen wollen, wie es weitergeht. Meinetwegen nennen wir es "fesseln" oder "Neugierde wecken". Da ich sehr neugierig bin, ist das keine schwere Aufgabe und ein Buch muss schon sehr großer Mist sein, um diesen Punkt nicht zu erfüllen. Es reichen hier auch spannende Charaktere, deren Weiterentwicklung bzw. weiterer Weg mich einfach interessiert, oder Fakten bzw. Ereignisse, die ich noch erfahren möchte.

3. Kreativität und, mit Einschränkungen, Stil. Ich liebe Romane, die mich überraschen, egal in welcher Hinsicht. Das ist für mich der Punkt der Kreativität, der aber auch eng mit 1 und 2 zusammenhängt. Kreativität kann allerdings auch allein ein Buch interessant und lesenswert machen, etwa das "Blutbuch" von Kim de l'Horizon. Was ich auch liebe ist Magischer Realismus. Jorge Luis Borges und Haruki Murakami sind hier meine Favoriten. Murakami schreibt wahrlich nicht immer "spannend", aber er schafft es immer, dass ich wissen möchte, wie es ausgeht. Dass ich dabei auch ab und an ein paar Seiten querlese, ist kein Verlust. Ich habe nie ein dickes Buch über 500 Seiten gelesen, das nicht ein paar Seiten kürzer hätte sein können. Stil ist natürlich wichtig, aber nur Stil allein macht kein Buch lesenswert: auch in Schönheit gestorben ist gestorben, wenn sonst jede Substanz, jedes "Fleisch", fehlt.

4. Charaktere oder andere Instanzen, die mir eine Sichtweise zeigen, die ich bis dato nicht kannte. Das geht natürlich auch mit den vorhergehenden Punkten einher, vor allem mit dem ersten. Aber hier geht es mir speziell um Charaktere. Figuren muss man zeichnen können als Autor*in, man muss diese gezeichneten faszinierend finden als Leser*in. Dabei ist es egal, ob sie "gut" sind oder "böse" oder "grau". Ambiguität ist meistens das beste an Charakteren, auch im Reallife (viele Menschen können Ambiguität heute nicht mehr ertragen). Es tut auch keinem Buch schlecht, wenn es Figuren beinhaltet, mit denen man sich zumindest ein bisschen identifizieren kann. Vor allem als Jugendliche war es in meinen Lieblingsgenres (Hohlbein, King, Goethe, Kafka) hart, eine Jugendliche zu finden. Gleiches auf der Uni, als ich Germanistik studiert habe (nicht fertig) - der damalige Kanon um 2000 hat so gut wie keine Frauen beinhaltet. Vielleicht bin ich deshalb so "empflindlich" bei diesem Punkt, aber ich bin der Meinung, dass jedes gute Buch eine interessante Frauenfigur enthalten muss. Außerdem gehört hierher, dass ich ein sehr empathischer Mensch bin (ich arbeite ja auch im Sozialbereich), es ist also nicht schwer, mich zu Mitgefühl und Mitleiden zu bringen. Ein Buch oder ein Film, das/der mich kaltlässt, hat wirklich auf ganzer Linie versagt.

5. Was ich nicht mehr lesen kann, sind Romane voller Männerfiguren, die noch dazu in ihrer Zeit stecken geblieben sind. Das macht leider einen guten Teil der klassischen Science Fiction aus, ebenso wie jene der klassischen Literatur-Canones. Durch die Foundation Trilogie habe ich mich geqäult und nicht nur durch sie, der gleiche Horror war es heuer bei den Brüdern Karamasov. Viele Geschichten sind heute restlos überaltert (kill me for that), genau wie ihre Figuren, und das hat heute in meinem Leben einfach keinen Platz mehr, ich habe keine Zeit mehr für schlechte Bücher. 2025 habe ich noch einmal den "Zauberberg" gelesen und er hat mir genauso wenig gefallen wie vor 20 Jahren. Leider ist es heute noch wie damals Pflichtlektüre für angehende Germanist*innen. Furchtbar. Damals habe ich mich auch durch Krieg und Frieden gequält und durch die Romane von Goethe - es war Zeitverschwendung (von heute aus gesehen). Oder Prosa-Bestenlisten auf Youtube. Mir geht nicht ein, wie der Don Quixote da regelmäßig in die Top 5 kommt oder der Ulysses. Das ist heute genauso unlesbar wie die  amerikanischen Romane (Gatsby usw.) und jene der Bronte-Schwestern plus Jane Austen (sorry, weder Emma, noch Sturmhöhe, noch Jayne Ayre haben mir irgendetwas gebracht) oder von Charles Dickens und Konsorten. Ich habe mich da für eine humanistische Bildung durchgequält, wenige Monate nach der Lektüre ist alles vergessen (wie bei Houellebecq mit der Ausnahme "Karte und Gebiet"). Tatsache ist für mich heute, dass die meisten dieser "Klassiker" die Zeit nicht wert sind, die ich mit ihnen verbracht habe. Was sollen wir heute aus uralten Romanen lernen? Was soll der Erkenntnisgewinn sein? Ehrlicherweise ist da mit Fachliteratur mehr gedient - also Geschichtsbücher, (Auto)Biografien oder philosophische/soziologische/feministische Primärliteratur. Ich verschlinge neuerdings (Auto)Biographien (dazu zähle ich auch Hilary Mantels Tudor-Trilogie)! An diesem Punkt versagt für mich Belletristik komplett und verliert für mich die Sinnhaftigkeit. Aber das ist nur meine Meinung aus meiner Lebenserfahrung und Hunderter alter Romane heraus. Generell lese ich heute in etwa 50% Fachbücher und 50% Romane. Ich bin viel am Überlegen, was mir das Lesen von "Klassikern" gebracht hat. Eine nicht unwesentliche (Allgemein)Bildung mit Sicherheit, genauso wie ein breites (Welt)Wissen, stilistisch wohl eher wenig, da stechen nur wenige heraus (zB Thomas Bernhard, Samuel Beckett). Muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, ob das Lesen von (ur)alten Büchern einen Mehrwert bringt, also ob die erwähnte Allgemeinbildung einen Wert für einen selbst hat (bei mir war und ist es jedenfalls so, nur heute anders als früher - ich habe früher nie so viele Fachbücher gelesen wie heute). 

6. Was ich auch nicht mehr ausstehen kann, sind autofiktionale Maturantenprosa und Befindlichkeitsprosa. Der Punkt ist auch hier, dass ich diesbezüglich gleich zu Fachliteratur greife, wenn mich ein Thema sehr interessiert und dann brauche ich keinen Roman mehr. Außerdem interessiert mich das Leben etwa einer Doris Knecht einfach nicht. Das Gegenteil also von Punkt 5: zu viel Gegenwart und zu viel Leben mir wildfremder Menschen ist auch ein Desaster, zumindest bei Belletristik. 

7. Daher müssen Romane für mich primär erfundene Geschichten sein, die mich fesseln und die mich etwas lehren, bestenfalls aus Perspektiven, die ich bis dato nicht kannte. Das liest sich auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zu Punkten, die ich oben geschrieben habe, und dafür bitte ich um Entschuldigung. Vielleicht kann ich meine Gedanken auch nach so vielen Jahren des Reflektierens und Lesens über das Lesen und Schreiben nicht so gut niederschreiben bzw. fokussieren, wie ich gern würde. Ich kann es nur anhand von Beispielen nachvollziehbarer machen. Meine Lieblingsbücher: die Southern Reach Quadrologie, American Psycho, The Waste Land, Childe Roland to the Dark Tower Came, Hyperion/Endymion/Ilium/Olympos, alles von Frank Herbert und Shakespeare, Blindsight und Echopraxia, die Trisolaris Trilogie, Extrem laut und unglaublich nah, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, Es gibt keine Antimimentik-Abteilung, Mein Herz so weiß, Ursula K. LeGuin, Octavia E. Butler, Raphaela Edelbauer, Jonathan Coe, Douglas Stuart, 1984,...; Didier Eribon, Gramsci, Michel Foucault, Beauvoir, Arendt, Camus, Adorno, Horkheimer, Erich Fromm, Bourdieu, Ulrike Herrmann, Eva von Redecker, Annicka Brockschmidt, Carolin Amlinger, David Graeber,... Wie Sie sehen, finden sich in meiner Liste nicht überragend viele "Klassiker". Hunderte Bücher, die heute alle möglichen Listen anführen, haben sich im Nachhinein und mit Abstand als nahezu verlorene Zeit entpuppt. Oder auch nicht, ich weiß es nicht. Was hat mir Krieg und Frieden gebracht? Was hat mich die Blechtrommel gelehrt? Keine Ahnung. Es war aber während meines Germanistik-Studiums richtig, diese Romane zu lesen, das möchte ich noch betonen. Jedes Buch hat seine Zeit, auch das weiß ich heute mit Sicherheit. Sollte mein "Urteil" als zu hart erscheint, dann meine ich das sicher nicht so todernst, denn ich schätz natürlich die Bildung und das Wissen, das mir diese Klassiker vermittelt haben sehr.

8. Was ich auf den Tod nicht mehr ausstehen kann, ist, wenn meine Lebenszeit mit Blabla vergeudet wird, mit Belanglosigkeiten, (irrelevanten) Abschweifungen, Allgemeinplätzen, unfassbar faden Details, unendlichen Expositionen, ohne jemals oder absehbar auf den Punkt zu kommen. Das ist dermaßen ermüdend und langweilig und führt entweder zu querlesen oder zu Beendigung.

9. Möglich ist auch, dass ich an totaler Übersättigung laboriere. Ich meine, mich zu erinnern, dass es mir als Jugendlicher und junger Erwachsener unendlich wichtig war, die ganzen Klassiker zu lesen. Ich bin Arbeiterkind und für mich war das durchaus eine Art Distinktion, dieses Lesen dieser speziellen Bücher und diese "heiligen Hallen" einer Universität. Es hat mir damals mehr bedeutet als heute, diese Werke zu bearbeiten und dieses "Mitreden-Können" (wie gesagt, an die meisten Werke kann ich mich nicht im Ansatz erinnern und es ist mir ziemlich egal). Heute denke ich ermüdet an diese Zeit zurück, aber auch mit Stolz. Meine "Reading Stamina" ist heute noch hoch, ich lege miese Bücher weg und verschlinge andere. Ebenso sind meine Prioritäten ganz anders. Ich schreibe zwar noch Belletristik, aber aktuell primär Politik und Philosophie. Zwar war ich natürlich immer ein politischer Mensch, aber das politische Schreiben ist noch einmal ganz anders - seit gut 10 Jahren mache ich das und ich habe mir nie schwer getan. Wohingegen das belletristische Schreiben seit vielen Jahren viel schwerer ist. Ich bin Anhängerin der Theorie, dass jeder Mensch nur eine gewisse Substanz an Kreativität in sich trägt und das dieses Quantum irgendwann aufgebraucht ist. Aktuell schreibe ich meine Biographie und einen dystopischen politisch-philosophischen alternative world first contact (hard) Science Fiction Roman, in dem ich alles verbraten möchte, das mir in den letzten Jahren durch den Kopf gegangen ist. Ich muss dazusagen, ich schreibe nicht, um reich zu werden; und wäre ich Narzisstin, hätte ich einen Youtube-Kanal, einen Podcast und ein Profil auf X, Insta und TikTok. Ich habe nichts von alledem, mir geht es sehr gut. 

An dieser Stelle ist es angebracht, zu erwähnen, dass Kunst und Kunstkritik über alle Maßen subjektiv sind. Es gibt hier keine Objektivität (die gibt es auch sonst nirgends, aber zu Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie in einem anderen Blog - Stichworte Kritische Theorie und Kritischer Rationalismus). Es gibt auch kein Richtig und kein Falsch, wichtig ist es, überhaupt zu lesen. Erst wenn man viel liest, sollte man sich Gedanken über die Qualität der Literatur machen. Und dann sollte man sich von "Romantasy", "Dark Romance", Krimis und Thrillern verabschieden bzw. von jedem Buch, das man an einem Tag lesen kann (zB Grisham, King, Dan Brown usw. lese ich heute zum Runterkommen zwischen den schweren Büchern, bei denen ich mich konzentrieren muss; damit erfüllen sie in meinem Leben eine sehr wichtige Rolle). In der Kritik und generell im Feuilleton nehmen sich die vielen älteren meist konservativen Herren viel zu ernst und sie vergreifen sich leider nicht selten im Ton. Ich möchte mich nicht bierernst nehmen, dieser Beitrag hier ist primär zur Diskussion und weil ich das endlich mal alles für mich selbst niedergeschrieben haben möchte. Beim Thema Geschmack geht es oft hoch her. Wo ich auch emotional werde sind etwa Sexismus, Rechtsextremismus oder reaktionäres Gedankengut. Was ich deshalb noch klarstellen möchte: als halber Germanistin ist es mir natürlich klar, dass jedes Werk seine eigene Zeit hat, aus seiner bestimmten Zeit stammt. Das ist die hermeneutische Interpretation, die auch text-transzendente Faktoren miteinschließt. So gesehen waren die Werke der Bronte-Schwestern, von Jane Austen oder von Mary Shelley extrem wichtig und in ihrer Zeit brillante Werke! Aber postmodern betrachtet bzw. (post-)strukturalistisch, wenn man quasi nur die Texte betrachtet, dann sieht die Sache anders aus. Ich gebe zu, die meisten Bücher und Texte lese ich primär auf diese selbst bezogen, ich blende Autor*in aus, das negative (siehe Heidegger usw.) wie das positive (die genannten Frauen usf.). Ich lese meistens nur den Text und es ist mir meistens egal, wann er entstanden ist und wer ihn geschrieben hat. Das allein dekonstruiert das ganze Gerede von "Klassikern" und Literatur-Kanones. Denn wenn ich jede Zeitlichkeit ausschließe (was ich nicht tue), dann ist das beste Buch einfach das beste Buch, unabhängig vom Rest. Und dann lese ich auch keine sexistische Science Fiction aus den 1950ern und 1960ern, weil sie mir nichts bringt. Ich lese aber auch keine "großen" Bildungsromane aus dem 19. Jahrhundert, weil diese mir genauso wenig bringen. Im Endeffekt zählt für mich Text-Immanenz mehr als Text-Transzendenz, das sehe ich überwiegend allgemein auf Kunst und Philosophie bezogen so.  

Ich schaue ja gern den Literaturclub, aber nie die reaktionären Altherren Scheck und Sichrovsky (wobei Schecks Kanon nicht ganz so blöd ist wie man glauben könnte) oder das selbstverliebt-bierernste Literarische Quartett. Ich mag Philip Tingler, er ist wenigstens ehrlich und ziemlich gebildet. Letztens in einer Runde haben sich alle als Fans von Michel Houellebecq geoutet. Was witzig ist, ich habe auch alles von ihm gelesen, aber spätestens ein Jahr später weiß ich nichts mehr über den Inhalt seiner Romane (Ausnahme siehe weiter oben). So geht es mir mit jeder Unterhaltungsliteratur, was ok ist. Ich habe bloß gemerkt, dass die etwas in seinen Romanen finden, das ich nicht im Ansatz darin finde. Man macht sich ja dann Gedanken. Ich denke aber auch, dass jeder Mensch seine eigenen Ideen zu Literatur und Kunst hat. Was Kunst betrifft liebe ich wirklich sehr Moderne Kunst und die hochdepressive verstörende Gegenwartskunst. Da ich auch Horrorfilme liebe, liebe ich Contemporary Art. Ich kann auf Städtereisen an keiner Galerie, an keinem Museum vorbeigehen. Spannenderweise mag ich bei Gemälden genauso gern Dennis Hopper wie Francis Bacon, Claude Lorrain wie Jackson Pollok, Vilhelm Hammershoi wie Dalí und Gustave Courbet wie Caspar David Friedrich. Sehr liebe ich Konzeptkunst, Landart, Feminist Art, Skulpturen wie von Giacometti, Architektur (besonders Kirchen) und das Spielen mit Materialien. Was mir nicht so taugt, ist die Tendenz von manchen politischen Menschen, ihre politische Message hinter Kunst zu verstecken. Kunst muss immer auch Ästhetik sein. Wenn Kunst nur mehr politisch ist und fünf Seiten Text braucht, um "verstanden" zu werden, dann brauche ich das nicht. Auch hier bevorzuge ich die direkte Art - also bitte gleich ein (politisches) Buch schreiben oder einen (politischen) Film drehen. Aber nicht die politische Message hinter Nicht-Ästhetik verstecken und damit Museen missbrauchen. Seid ehrlich zu uns und euch selbst und macht offen Politik wie ich hier. Das ist mir (uns) kürzlich in Barcelona passiert. Zwei der Museen waren von oben bis unten voll mit politischer Message (leider viel Antisemitismus) ohne jede Ästhetik, also eigentlich ohne Kunst. Es war ein Desaster, wir blieben nicht lange und konzentrierten uns dann auf die anderen Museen (Barcelona ist ein absoluter Traum!). Ich werde noch einen extra Beitrag schreiben über Horror und alles andere, das jetzt den Rahmen sprengen würde. FIN. 

Dienstag, 26. Mai 2026

Die tote SPÖ/SPD; Analyse der Gegenwart, Teil 5

Schon Trotzki wusste in seiner Autobiographie (S. 182, manuskripte Verlag) über die österreichische Sozialdemokratie folgendes (er nahm nur Victor Adler weitestgehend aus):

 "Im ungezwngenen Gespräch untereinander zeigten sie viel offener als in Artikeln und Reden bald einen unverhüllten Chauvinismus, bald die Prahlsucht des kleinen Besitzers, bald den heiligen Schauer vor der Polizei, bald das vulgäre Benehmen gegen die Frau. [...] Nein, ich begegnete der Blüte des österreichischen Vorkriegsmarxismus, Abgeordneten, Schriftstellern, Journalisten."

Im Prinzip gilt das auch noch heute für die meisten männlichen "Sozial"demokraten. Die SPÖ hatte drei gute Phasen seit es sie gibt: jeweils nach den beiden Weltkriegen und unter der Alleinregierung von Bruno Kreisky - das war in den 1970ern die progressivste und wichtigste Regierung überhaupt (siehe Christian Broda - Strafrechtsreform). Aber dann hat man sich, wie jede andere Sozialdemokratie, dem Neoliberalismus zugewandt und dem Kapitalismus verschrieben. Siehe etwa hier, wo ich das anhand von Didier Eribon usw. aufgeschlüsselt habe. 

SPÖ und SPD waren auch nie ökologische Parteien, ihnen galt und gilt Umweltschutz und Klimaschutz nur in Sonntagsreden oder am 1. Mai als wichtig. Aktuell haben wir Ende Mai und in Österreich die schlimmste Dürreperiode seit Beginn der Aufzeichnungen 1858. Parallel kommt gerade eine Hitzewelle wie selten Mitte/Ende Mai, nicht nur nach West-, sondern auch nach Mitteleuropa. Die SPÖ, anstatt endlich ins Handeln zu kommen, freut sich auf den destruktiv-gefährlichen Lobautunnel, auf das Einsparen bei wichtigen ÖBB-Banhprojekten und auf das Planieren von noch mehr Autobahnen (das "One-More-Lane-Will-Fix-It-Syndrom"). Die Klimakatastrophe ist die menschliche existenzielle Krise schlechthin und es gibt nur eine grüne Partei, die das so ausspricht und dementsprechend handelt. Die rechtspopulistischen und rechtsradikalen Parteien tun so, als könnte man weitermachen wie bisher mit Zubetonieren und Wirtschaftswachstum - sie leben in einer Parallelrealität. Am schlimmsten wiegt bei SPÖ und SPD aber der Verrat an der Klasse der Arbeiter*innen, der kleinen Angestellten, der Arbeitslosen, der Kranken und der Frauen. Beide Parteien stimmen in ihrer Regierungsbeteiligung gemeinsam mit den rechtsreaktionären und neoliberal-libertären Kräften gerade für die Zerstörung des Sozialstaates und für eine riesengroße Umverteilung von unten nach oben (etwa durch die Erhöhung von Pendlerunterstützungen oder durch teils massive Verschlechterungen für Arbeitslose, Arme, Kranke und Frauen). Die SPÖ wird dabei nicht müde, zu betonen, ihre Regierungsbeteiligung würde einen Unterschied machen zu einer FPÖ-geführten Regierung. Das stimmt leider nicht. Ob SPÖ oder FPÖ zusammen mit ÖVP, es kommt immer die gleiche reaktionäre Politik heraus (Stichwort Postdemokratie, in der Wahlen zu keinen Veränderungen führen, da allein die besitzende Klasse bzw. die Unternehmen die Politik bestimmen): neoliberaler sadistischer Brutalkapitalismus. Das sind die Fakten und niemand kann sich das schönreden - ÖVP, SPÖ, NEOS haben in ihre Koalition nahezu wortgleich das von FPÖ und ÖVP ausverhandelte Doppelbudget für 2025 und 2026 übernommen. Niemand zwingt die SPÖ zu diesen unsozialen, klassistischen und frauenfeindlichen Maßnahmen, niemand zwingt die SPÖ in diese Regierung und niemand zwingt die SPÖ, das Finanzministerium zu übernehmen. Ich betrachte alle drei Punkte als massive Fehler, die der SPÖ noch viele Stimmen kosten werden. Die ÖVP hat unter Kurz und Nehammer bzw. unter FM Brunner dieses Budgetdesaster zu 90% zu verantworten: "Koste es, was es wolle" lautete die Maxime während und nach der Pandemie und man hat sehr viele Unternehmen überfördert sowie die Inflation ungebremst durchlaufen lassen bzw. man diese mit Helikoptergeld noch zusätzlich angeheizt (heute kosten österreichische Produkte um ca. 25% mehr als in unseren Nachbarländern - "Österreichzuschlag"). Den Grünen ist es wenigstens noch gelungen, die klassistischen und frauenfeindlichen Grauslichkeiten zu verhindern, die jetzt mit und durch die SPÖ durchgeboxt werden. Das zweite Sparpaket dieser jetzigen grauenhaften Regierung, das kommende katastrophale Doppel-Budget für 2027 und 2028, ist purer menschenfeindlicher Neolibertarismus - es macht eben leider keinen Unterschied, dass die SPÖ in dieser Regierung ist. Gleiches gilt für die SPD und für Deutschland. Klimamaßnahmen und Klimaschutz werden genauso geschliffen wie in Österreich - man schaue nur auf das so genannte Gebäude-Modernisierungsgesetz, das wohl vom Bundesverfassungsgerichts gekippt wird, da es ein erneuter exzessiver Schritt in die Vergangenheit ist und reiner Boulevard-getriebener Revanchismus an den Grünen. Oder die neue katastrophale Grundsicherung, die noch mehr Menschen in absolute Armut stürzt als das Bürgergeld - an dieser Stelle wie immer der Hinweis: in reichen Staaten sind Obdachlosigkeit und Armut als Abschreckung und Disziplinierung politisch gewollt. Beide Parteien verlieren dergestalt jede Existenzberechtigung. Auch, da man wirklich jeden rassistischen Mist in Punkto Migration und "Grenzschutz" - sprich illegale Grenzkontrollen - mitbeschließt (Migration ist hier auf meinem Blog kein wirkliches Thema, denn es ist de facto kein wirkliches Thema: Immigration findet aktuell so gut wie keine statt). Nicht einmal mehr Universitäten und Schulen sind vom Sparstift und von neoliberalen Verschlechterungen verschont. Das ist zuletzt auch die völlige intellektuelle Bankrotterklärung der ehemals staatstragenden Sozialdemokratie. Man hat wirklich jeder Gruppe an Menschen ("Wählergruppe") das Leben verschlechtert, außer (Über)Reichen, Kapitalisten und Unternehmen bzw. Banken und Versicherungen.

Der Gipfel des Ganzen und der Grund für diesen Blogpost sind fünf konkrete neoliberal-austeritäre Punkte, die bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht haben: erstens der anhaltende Sadismus gegen Arbeitslose - zuerst streicht man ihnen den geringfügigen Zuverdienst, jetzt wird auch noch das Partnereinkommen wieder mitgerechnet, eine höchst unsoziale und klassistische Sache, die man ca. 2018 aus gutem Grunde abgeschafft hat; zweitens das fantasielose Totsparen von Universitäten und Schulen (eigentlich auch von der Justiz), das ist die erwähnte intellektuelle Bankrotterklärung; drittens das Drangsalieren von Frauen in Teilzeit durch höhere Abgaben - das ist glasklar frauenfeindlich; viertens das Zerstören sinnvoller Klimapolitik - das ist mehr als zukunftsvergessen; fünftens die Normalisierung vonseiten der Gewerkschaften von Abschlüssen bzw. Einkommensverhandlungen unter der Inflation - das ist purer Lohnraub, der heute aufgrund von permanenter neoliberal-kapitalistischer Gehirnwäsche durch Politik und Medien vollkommen normalisiert ist und damit den Tod der Gewerkschaften bedeutet, die damit ebenfalls ihre eigene Nutzlosigkeit demonstrieren (das Märchen der Lohn-Preis-Spirale hält sich hartnäckig; in Österreich weiß man sehr klar, dass Preise in erster Linie wegen Gier, also als Gierflation, ansteigen, denn bei uns steigen die Gehälter mit einem Jahr Verspätung, also wenn die Inflation bereits 12 Monate durgerauscht ist). Anstatt endlich zu investieren und die Wirtschaft zu beleben, anstatt endlich den Menschen mehr Kaufkraft zu geben und damit die Inlandsnachfrage anzuheizen, spart man den Staat bzw. die Investitionen und die niederen Einkommen zu Tode. Das ist nicht nur höchst kontraproduktiv und dumm, das ist protofaschistoide Austeritätspolitik in Reinkultur, wie vor 100 Jahren (nochmal der Verweis auf meine übrigen Blogbeiträge). So wird man nicht aus der Rezession rauskommen, so wird man die Inflation nicht stoppen und so wird man auch den Export nicht ankurbeln. Apropos Exporte: Österreich produziert, wie Deutschland, altes bzw. veraltetes Zeugs, das niemand mehr kaufen will. Man hat den Sprung ins 21. Jahrhundert nicht geschafft bzw. vorsätzlich abgewürgt. Anstatt so richtig in Erneuerbare Energien reinzugehen, in E-Mobilität, in Energiespeicher, in KI (alles mit grüner Energie versorgt) oder in Chips und in Pharma oder Chemie, faselt man reaktionär-debil über irgendeine "Technologieoffenheit", die sich etwa in China und sogar in den Trump-USA schon längstens entschieden hat. Aus Feigheit und Rückgratlosigkeit mutet man den Menschen die bittere Wahrheit nicht zu: Österreich und Deutschland werden zum Industriemuseum aufgrund von Fehlentscheidungen des Managements (die wollen für ihre Aktionär*innen noch schnell die letzten Gewinne einfahren, wie es danach weitergeht, ist ihnen egal) und von reaktionär-blinden sowie von der fossilen Mafia gekauften Politiker*innen. Weder die USA noch China, noch sonstjemand braucht den Mist, der in Österreich und Deutschland nicht zuletzt auch defizitär produziert wird. Daran sind aber nicht "hohe" Löhne schuld, sondern hohe Energiepreise etwa aufgrund von Merit Order und aufgrund von nicht bekämpfter Inflation bzw. Gierflation. Den Energiemarkt sollte man über Preisgrenzen komplett verstaatlichen - eine soziale/sozialistische Idee, die übrigens gerade in Österreich umgesetzt werden soll, man merkt also, dass Grundbedürftnisse (wie etwa auch das Wohnen) nicht einem kapitalistisch-kaputten Pseudomarkt unterworfen gehören (der Industriestrompreis in Deutschland ist ebenfalls eine sozialistische Idee). Ein Blick nach Spanien würde genügen, wie man es besser machen hätte können und noch immer könnte - Spanien hängt heute Österreich und Deutschland in den meisten Statistiken und Kennzahlen (weit) ab. Aber es fehlt nicht nur an Mut, ganz grundsätzlich fehlt es den traurigen Gestalten in den Regierungen an Visionen und an Qualifikationen. Wer sein ganzes Leben lang neoliberale Predigten hört und den Blick nie über den Tellerrand hinaus bewegt, wird irgendwann selbst fossilen Neolibertarismus predigen, unfähig, die Problematik des eigenen Handelns auch nur zu erahnen. Genau da sind wir jetzt, in einer Sackgasse. Es ist ein absolutes Desaster - und zwar nicht erst seit heute oder seit gestern, diese Blindheit, diese Feigheit, diese Korruption durch fossile Unternehmen und diese absolute Ideenlosigkeit geht seit vielen Jahren so. Ja, in den Parteiprogrammen von SPÖ und SPD steht so manches wahres Wort, man hat viele Problematiken des heutigen ökozidalen Tech-Kapitalismus erkannt - aber was bringt das, wenn sich noch der kleinste Funktionär heute anhört wie jeder andere neoliberale Kapitalist aus FPÖVP und CDU/CSU? Was bringt ein Parteiprogramm, wenn man es nicht lebt und umsetzt? Was bringt es, ständig den linken Parteichef anzugreifen, um ihn noch weiter in Richtung Rassismus und Libertarismus zu pushen? Ja, dann verlasse ich halt diese unselige Koalition und sollen die Menschen halt wieder einmal eine FPÖ-Regierung bekommen oder erstmals eine mit AfD-Beteiligung bei unseren Nachbarn. Wer nicht hören will, muss fühlen. Zwar wird man in Österreich aus Schaden dümmer (ein wunderbares Bonmot von Karl Kraus), aber es hilft ja nichts. Wenn man sich als SPÖ und SPD entweder jeden Tag bis zur Unkenntlichkeit verbiegt, oder, noch schlimmer, wenn man die Zerstörung von Sozialstaat und Klimawende sogar bejubelt, dann ist man in beiden Fällen mit Sicherhheit in der Opposition besser aufgehoben. Und nur, um jetzt ein paar "Rote" auf ein paar Posten und Pöstchen unterzubringen (siehe ORF), wie in den uralten Tagen der hegemonialen Großen Koalition, ist das keine ausreichende Existenzberechtigung.

SPÖ und SPD geben heute ein desaströses Bild ab und leisten inferiore Arbeit, genau wie die österreichischen Gewerkschaften mit ihrer armseligen Zustimmung zu breitem Lohnraub. Man wäre in Opposition bzw. in einer neuen Nachdenkpause besser aufgehoben (man soll sich endgültig überlegen, geht man Richtung KPÖ, Richtung Grüne oder Richtung FPÖ, oder will man sich endlich spalten, um dem wirren Treiben ein Ende zu setzen). So, wie man aktuell agiert, wird man vollkommen zurecht in der Bedeutungslosigkeit versinken. Als letzte Bastion hat man jetzt nur noch die Pensionist*innen, denen man hinten reinstopft, was vorne nicht mehr reingeht. Nicht böse sein, aber wer Pensionen mehr erhöht als die Arbeitseinkommen, hat in Wirtschaft ein Nicht Genügend verdient und sollte die Klasse wiederholen. Wir haben ohnehin schon eine Gerontokratie, das wird in den nächsten Jahrzehnten nicht besser. Ich verlange hier keine großen Pensionsreformen. Wie der Ökonom Maurice Höfgen sehr schön aufzeigt, ist unser Pensionssystem bei weitem nicht tot. Es besteht keine Notwendigkeit, das Antrittsalter blindblöd zu erhöhen. Das einzige, was passieren würde, wäre erstens, dass die Menschen vor der Pension länger in Arbeitslosigkeit wären und damit weniger Pension erhalten würden; zweitens hätte man noch weniger gesunde Lebensjahre. Den rechtsreaktionären und turbolibertären Parteien traue ich diesen Zynismus absolut zu, aber sind auch SPÖ und SPD dermaßen kaltblütig? Man wird sehen, die SPD ist sehr am Kippen, aber auch die SPÖ hat bereits massiven Verschlechterungen zugestimmt. Wo man locker länger arbeiten könnte, wären Beamte, Vertragsbedienstete und Selbstständige, weil die meistens studiert haben und erst viel später mit dem Arbeiten begonnen haben. Aber dafür ist man wieder zu feige, es geht rein gegen die Arbeiterklasse. In einem nächsten Blogbeitrag werde ich auf mehrere Maßnahmen tiefer eingehen, die jetzt endlich nötig wären (etwa progressive Erbschafts- und Vermögenssteuern, Sparen bei Parteien, Entbürokratisierung, weniger Beamte, Investitionen in Bildung und Zukunft usw.). In Deutschland steht auch eine Verschlechterung bei der staatlichen Krankenkasse bevor, in Österreich wird bereits bei Kuren gespart. Man hat das Gefühl, dem Staat wäre es am liebsten, man würde bis 70 arbeiten und dann gleich sterben. So lange sich SPÖ und SPD dem menschenfeindlichen Kapitalismus ausliefern und keinen Gegenerzählung starten, sehe ich sehr schwarz für diese beiden Parteien. Das gilt nicht nur auf nationaler Ebene, das zeigt sich auch auf regionaler und kommunaler Ebene. 

Abschließend: Ich bin wahnsinnig enttäuscht von und wütend auf SPÖ und SPD, weil sie sehenden Auges in den Abgrund taumeln, weil sie vielen Menschen Hoffnungen und wirtschaftliche Grundlagen rauben. Ja, in einer Koalition braucht es Kompromisse, sie sind essenziell für das Funktionieren unserer pluralen liberalen Mehrparteien-Demokratie. Kompromiss bedeutet aber nicht Verrat an sich selbst bzw. Selbstaufgabe. Trotzki wurde nach dem Tode Lenins von Stalin und seinen Spießgesellen eiskalt abserviert. SPÖ und SPD brauchen keinen Feind von außen, sie zerstören sich selbst und hinterlassen eine riesige Lücke, die hoffentlich von Grünen und KPÖ eingenommen wird. Zu Tode gespart ist eben auch gestorben. Jetzt wären umfassende Investitionen nötig und nicht dumm-austeritäres Kaputtsparen!

Am Ende ein zweites Zitat von Trotzki (S. 491), mit dem er - mithilfe von Zola - den Zustand der damaligen und prophetisch der heutigen kapitalistischen Presse sehr auf den Punkt gebracht hat: "Zola schrieb von der französischen Finanzpresse, sie lasse sich in zwei Gruppen einteilen: die käufliche und die so genannte 'unbestechliche', das heißt jene, die sich nur in Sonderfällen und für teures Geld verkaufe. Etwas Ähnliches kann man von der Lügenhaftigkeit der Presse im allgemeinen sagen. Die gelbe Boulevardpresse lügt beständig, unbedenklich und rücksichtslos." 

Dienstag, 19. Mai 2026

Das exkludierende Schulsystem; Analyse der Gegenwart, Teil 4

Ich werde diesmal aus dem Nähkästchen plaudern. Ich bin u.a. Nachhilfelehrerin und Trainerin in der Erwachsenenbildung. Ich unterrichte einerseits Deutsch, Englisch und Latein bis zur Matura sowie Mathematik für die Unterstufe, andererseits Zerspanungstechnik, CNC-Technik, Metalltechnik sowie Zeichnen bzw. Konstruieren für Lehrlinge und Erwachsene. Außerdem habe ich ein paar Semester Rechtswissenschaften, Germanistik und Philosophie studiert und bin Akademische Medienfachfrau. Ich denke, ich habe einen sehr guten Einblick in unser Unbildungssystem. Zahlreiche Studien bzw. wohl weit über 90% sämtlicher Bildungsstudien bestätigen mich in meinen Erfahrungen und Schlüssen. Uneins sind wir uns bei diesem ersten Punkt, der mir aber sehr wichtig ist:

Der größte kontraproduktive Blödsinn war, dass man unser Schulsystem von einem Bildungssystem auf ein so genanntes Kompetenzsystem umgestellt hat. Das geschah in einem ersten Schritt mit der Einführung des unseligen Bologna-Systems an Universitäten ab 2003 und danach an den Schulen ab 2009 mit dem Höhepunkt der Zentralmatura ca. 2015. Schon in der Kritischen Theorie in den 1950er und 1960er Jahren wusste man, dass die allgemeine Messbarkeit von Menschen und unseren Erzeugnissen kapitalistischer Schwachsinn ist. Insbesonders kann man keine Geisteswissenschaften "messen" oder "berechnen" wie eine Länge oder ein Volumen. Am schlimmsten merkt man das im Deutschunterricht mit den dogmatischen 7 Textsorten - mit diesem Stumpfsinn hätte man auch mir als Vielleserin die Freude an Deutsch und an Geschichten gestohlen. Geisteswissenschaftliche (Schul)Arbeiten können nicht neoliberal-standartisiert bewertet und gemessen werden, der Mensch an sich kann nicht standartisiert und gemessen werden. Es darf sich selm niemand wundern, dass die Jugendlichen und die meisten der jüngeren Studierenden heute keine Bücher mehr lesen können. Das Stichwort hier lautet "Reading Stamina" (also Leseausdauer) und ich verlinke hier einen sehr guten Artikel über die Leseschwäche aus dem The Atlantic über die nicht mehr vorhandene Lesefähigkeit von Elitestudierenden. Es ist erschütternd. Und das gleiche geschieht mit Anlauf in Österreich seit mindestens 10 Jahren (in Deutschland geht es euch da einerseits besser, andererseits schlechter, weil Bildung Ländersache ist). Die Fähigkeit, einen längeren Text bzw. ein Buch/einen Roman zu lesen und zu verstehen, hat in den letzten 10 Jahren stärker abgenommen als in den Jahren davor. Unterstützt wird diese Devolution noch durch den pathologischen Konsum von (a)sozialen Medien und vor allem von Kurzvideos auf Instagram oder TikTok, die aus dem Gehirn Grütze machen. Zu meiner Zeit haben wir noch den ganzen Faust 1 gelesen, Kafka, Grillparzer, Lessing usw. usf. Von dem sind wir heute Lichtjahre entfernt. Heute ist es ja schon eine Zumutung, wenn man einen 2-seitigen Zeitungsartikel zusammenfassen muss. Das Hirn wird auf die Produktion von Kurztexten und auf die Reproduktion von Standardphrasen trainiert und konditioniert, was in weiterer Folge an den Universitäten zu riesen Problemen führt. Insgesamt bin ich eine Gegnerin des neoliberal-kapitalistischen Kompetenzdenkens - also desjenigen Denkens, das Wissen, Fähigkeiten, Bildung, Aneignungen usw. nur mehr in "nützlich" und "unnütz" für das weitere "echte" (Berufs-)Leben einteilt. Heute sieht es unter vielen unser neoliberaler Bildungsminister als "lächerlich", dass wir damals in den 1980er Jahren in der Volksschule die Nebenflüsse von Mürz und Mur gelernt haben. Sein Ziel ist scheinbar, dass wir uns in Geografie genauso blamieren wie US-Amerikaner, denen alles fremd ist, das weiter als eine Nasenspitze entfernt existiert. Es gibt in der Forschung zum kapitalistischen Klassensystem den Begriff "unnützes Wissen" und dieses ist darin den herrschenden Klassen vorbehalten. Ich sehe das natürlich diametral anders: Bildung und Wissen, egal, ob auf den ersten Blick "wichtig" oder "unwichtig" - in meinem Leben gibt es kein "unwichtiges Wissen", ich bin ein Schwamm - steht allen Menschen offen. Ich selbst verfüge über ein hohes Maß an Allgemeinbildung, da ich jetzt seit gut 30 Jahren alle möglichen und unmöglichen Bücher in mich aufsauge und Dank eines partiell eidetischen sowie partiell fotografischen Gedächtnisses sehr gut abspeichere. Und ich möchte, dass alle Kinder und Jugendlichen das gleiche erleben können wie ich, wenn sie beispielsweise wie ich mit 14 oder 15 Jahren zuerst "Sleepers" und dann den "Graf von Monte Christo" lesen würden, zwei der besten Rachegeschichten, die je geschrieben wurden und der pure Eskapismus für mich. Bücher und Schreiben sind für mich das Leben, aber dazu in einem der nächsten Blogposts, wenn ich über das Lesen und Schreiben erzählen möchte. Ich bin allen Menschen dieses Gefühl zutiefst vergönnt. Ja, beim schauen von Filmen und Serien kann man ähnliches fühlen - aber kein Film ist so gut wie ein Buch. Ich bin also für die Umwandlung des verdummenden Kompetenzsystems wieder in ein modernisiertes Bildungssystem.

Ein weiterer Punkt ist, dass an den so genannten "Allgemeinbildenen Höheren Schulen" - und nicht nur dort - (spätestens) ab der 7. Klasse alle Schularbeiten auf Computern geschrieben werden, in einem Word-Dokument mit AKTIVIERTER Rechtschreib- und Grammatiküberprüfung. Als ich das erfahren habe, erlitt ich nahezu einen Herzinfarkt. Rechtsschreib- und Grammatikkenntnisse werden meines Wissens nach und wenn überhaupt jetzt in extra "Boxen" abgeprüft, wie in Fremdsprachen. Es ist so irre. Ich habe in den 1990ern bei nahezu jeder Schularbeit eine kreative Geschichte geschrieben und auf 4 Seiten maximal 2 Fehler gemacht und ein Sehr gut erhalten (Dank an meine Oma selig). Meine Geschichten wurden meistens laut vorgelesen und es war klar, dass ich auch Schriftstellerin (bis heute habe ich drei Bücher publiziert; heuer sollen diese neu erscheinen, plus ein viertes, das bereits fertig geschrieben ist) werden würde. 

Man darf sich also nicht wundern, dass niemand mehr Deutsch kann und nach Schulabgang über keinerlei (Allgemein)Bildung verfügt. Es gibt keine Allgemeinbildung mehr, man kann heute mit unter 30-jährigen kein Gespräch mehr führen zu Kunst oder Politik oder Philosophie oder Feminismus usw. Es ist ein Wahnsinn. Dafür können die Maturant*innen 08/15-Texte nach Schema F produzieren, wie Kommentare, Zusammenfassungen, Leserbriefe. Dafür werden Phrasen auswendig gelernt, ja ganze in der Nachhilfe vorgefertigte Texte. Die eigene Kreativität, der eigene Lesespaß existiert nicht mehr. Wie Sie merken, liebe/r Leser*in, ist für mich das Lesen und Sprechen, also die Sprache an sich, das zentrale Element unseres Erkenntnisgewinns, des Lernens, des Sapere Aude, natürlich gemeinsam mit unserer Vernunft und unserem Verstand, das sich beides aber auch erst herausbilden muss. Ohne Lesen und Sprechen gibt es keinen Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Deshalb ist das Thema Lesen das absolut zentrale in jedem Bildungssystem.

Harter Themenwechsel: Weshalb man noch in Mathematik pflichtmäßig maturieren muss, ist mir ein Rätsel. Was man in den 7. und 8. Klassen lernt, und 1 Jahr später wieder vergessen hat, wird von nichteinmal 5% der Maturant*innen jemals wieder benötigt. Da füttert man auch Nachhilfeinstitute mit Millionen. 

Ein weitere hochaktueller Punkt ist so genannte "KI". Ich weiß von meinen Schüler*innen, dass sich sehr viele von ihnen die Hausaufgaben von KI machen lassen. Und sie haben vollkommen recht damit, ich hätte das auch so gemacht. Denn das Konzept von Hausaufgaben und damit Freizeit zu vergeuden, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das ist der Hauptgrund, siehe weiter unten, dass ich für Ganztagesschulen bin. Selbstständiges Bearbeiten von Aufgaben mit Unterstützung, wenn nötig, findet am besten in den Schulen statt - ohne Ablenkung durch Smartphones oder sonstiges Quaqua. Der Umgang mit diesen KI will gelernt sein. Dafür bieten sich Mathematik an, Informatikunterricht und natürlich der Deutsch- oder Englischunterricht. Oder man lässt externe Expert*innen an die Schulen kommen und hält tageweise Workshops ab, die regelmäßig wiederholt bzw. vertieft werden. Aber man darf weder Kinder noch Erwachsene mit diesen LLMs allein lassen. Ich habe vor kurzem einen Artikel gelesen (und es werden fast täglich derartige Kommentare publiziert), dass sich diejenigen Universitäten als Eliteuniversitäten durchsetzen werden, die KI am besten regulieren bzw. unter Kontrolle halten. Wo Studierende noch das eigene Hirn verwenden müssen, etwa in mündlichen Prüfungen, dort werden sich die Intelligentesten zusammenfinden; und nicht dort, wo alles mit KI fabriziert wird. Weder unser Schulsystem, noch die Unisysteme weltweit sind diesbezüglich aktuell ausreichend vorbereitet. Dass Studierende nahezu jedes Schupfloch ausnutzen, darf man ihnen nicht vorwerfen, unser kapitalistisch-neoliberales System belohnt diejenigen, die Schlupflöcher finden und sich durchschummeln.

Das nächste Problem ist die viel zu frühe Trennung der Schüler*innen im Alter von 9 bzw. 10 Jahren. Das zementiert schon sehr früh den Schulweg ein und führt zu klassistischen sozialen Trennungen. Wobei eine soziale Durchmischung vom Besitzbürgertum, und damit von der ÖVP, ja gar nicht gewollt ist. Die sind froh, wenn ihre Kinder nicht mit Kindern der populären oder subalternen Klassen die gleichen Schulen besuchen. Das Besitzbürgertum vertritt hier die Anliegen der so genannten "legitimen" Kultur (= "Hochkultur", Kultur des "Bildungsbürgertums"), indem die Kultur der populären Klassen unterdrückt und ausgemerzt wird. Das zeigt sich auch sehr schlimm in den Anfeindungen aller Menschen, wenn man nicht Hochsprache spricht. Beispiel Vizekanzler Andreas Babler: Wenn er Dialekt spricht und gelegentlich versucht, die Interessen der Arbeiterklasse bzw. der kleinen Leute zu vertreten: er wird von den Journalist*innen des Besitzbürgertums angefeindet. Es zeigt sich, dass es für das Besitzbürgertum nur eine legitmime Kultur gibt: nämlich ihre eigene so genannte "Hochkultur". Wer davon ausbricht, gehört nicht dazu und wird angefeindet (siehe dazu auch meine anderen Blogbeiträge). Nun möchte ich mich auf die Lösungen konzentrieren.

1. Die klassistische Trennung im Alter von 9 bzw. 10 Jahren muss aufhören. Entweder man verlängert die Volksschule, was ich skeptisch sehe, oder - was ich bevorzuge -, man installiert eine Gesamtschule mit Lehrkräften von NMS und Gymnasien plus interner Differenzierung: es gehören die Schwachen und die Starken genauso gefördert, gleich wie alle anderen individuellen Fähigkeiten und Interessen (also musikalisch, Sport, Sprachen, MINT...). In einem ersten Schritt kann die Gesamtschule 2 Jahre dauern, also von 10-12 bzw. als 5. und 6. Schulstufe, in einem nächsten Schritt können die vollen 4 Jahre Unterstufe in den Gesamtschulen besucht werden, bis man sich für eine weiterführende Schule oder für eine Lehre entscheidet.

2. Wir benötigen seit vielen Jahren Ganztagesschulen. Das dient nicht nur dazu, dass die Schüler*innen ihre Aufgaben bereits in den Schulen und mit Unterstützung erledigen können; sondern auch, damit sie ebenfalls mit Unterstützung gleich lernen können. Beides dient vor allem dazu, die Kinder von ihren Smartphones, von social media und von KI wegzuhalten, zumindest bis sie den Umgang damit gelernt haben. Kinder und Jugendliche sollen in ihrer Freizeit zuhause genügend Zeit haben, um Kinder und Jugendliche zu sein. Nicht zuletzt würde eine Ganztagesschule viele Betreuungsprobleme von Alleinerzieher*innen lösen (weil gerade immer weniger Frauen in westlichen und östlichen (ehemaligen) Industrienationen Kinder bekommen: wundern dürft ihr euch nicht liebe Politiker! Wir Feminist*innen sagen euch die Lösungen seit Jahrzehnten! Ein extrem wichtiger Aspekt des Ganzen ist eine gratis Ganztagesbetreuung, etwa finanziert über überfällige Vermögenssteuern!)

3. Apropos Smartphones. Deren Besitz sollte bei unter 12-Jährigen verboten sein. Social Media sollte für unter 16-Jährige verboten sein, man muss diesen ganzen Dreck als die Droge behandeln, die er ist (man kann ja versuchen über DSA und DMA bei den amerikanischen Tech-Giganten anzusetzen, aber bis dahin vergehen Jahre und diese Zeit haben wir schon lange nicht mehr). Es gibt Apps, die können etwa aus der ID-Austria allein das Alter auslesen - es braucht hier weder einen Palantir-Faschismus, noch andere Verstöße gegen die DSGVO. TikTok und X würde ich in ganz Europa geoblocken. Nichts für ungut, aber TikTok macht aus Hirnen Grütze, aus Schüler*innen abwechselnd Islamist*innen oder Rechtsextreme und X ist die größte Hassschleuder und die größte Fakenews- und Fakepornoschleuder aktuell weltweit (vollkommen unverständlich, dass sich dort noch europäische nicht-rechtsextreme Politiker*innen tummeln). Außerdem müssen Jugendliche wie Eltern Medienkompetenz lernen. Ich bin 45 und kann am Laptop sowie im Internet mehr als meine Schüler*innen. Boomerbook bzw. Facebook ist heute leider ein Hort an Verschwörungsmythen für die ältere Generation, die noch weniger als ich in den Schulen irgendeine Medienbildung gelernt hat (ich bin Absolventin des Medienlehrgangs der KF Uni Graz, der leider vor 10 oder 15 Jahren abgesetzt wurde, und habe dort bereits damals sehr viel über Medien und Journalismus gelernt). Niemand sollte täglich mehr als 2 oder 3 Stunden am Handy picken.

4. Die Vorschule darf keinesfalls abgeschafft werden. Sie ist ein hochwirksames Instrument für Kinder mit Deutschschwäche und für Kinder, die im August oder September zur Welt gekommen sind. 

5. Ich trete für die Inklusion von Kindern mit körperlichen Behinderungen ein, bei Menschen mit geistigen Behinderungen bräuchte es noch viel mehr Geld, dass das gelingen könnte. Man hätte damit aber schon vor 20 Jahren anfangen müssen. 

6. Gesunde warme Mahlzeiten an Kindergärten, Schulen und in allen anderen Kantinen. Für armutsbetroffene Familien sollte es diese Essen gratis geben. Armut ist aktuell leider wieder ein dringenderes Problem bei den gegenwärtigen Sparpaketen. Statt weniger neoliberalen Kapitalismus gibt es nach der Pandemie wieder mehr.

7. Ich bin zwar Nachhilfelehrerin, aber in einem funktionierenden Bildungssystem dürfte es keine außerschulische Nachhilfeinstitute geben. Lehrkräfte, die es nicht schaffen, während ihres Unterrichts ihre Schüler*innen ausreichend zu unterrichten bzw. auszubilden, haben ihren Beruf verfehlt.

8. Wir benötigen ein Aufnahmeverfahren für Lehrkräfte. Es darf nicht jede/r Lehrer*in werden. Vor allem die emotionale und die soziale Intelligenz gehören in Tiefeninterviews getestet (ja, das kostet, aber wir wollen nur die Besten für unseren Nachwuchs).

9. Die Berufsschulen müssen ausgedehnt werden auf jährlich mindestens 12 Wochen, besser 14 (von aktuell ca. 9). Die Jugendlichen lernen nicht annähernd genug für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. 

10. Es ist zu überlegen, ob man nicht von Haus aus auf 4 Lehrjahre bzw. 4 Klassen Berufsschule umstellt. Auch Lehrlinge haben ein Recht auf Bildung, aktuell geschieht das höchst unzureichend und noch immer haben viele Lehrberufe den Mief, dass man nur einen Beruf lernt, wenn man "dumm" ist und nicht lernen will (was immer häufiger Quatsch ist und glücklicherweise gibt es die "Lehre mit Matura"). 

 11. Unterricht in Demokratie, politischer Bildung und Neue Medien ist heute essenziell. Außerdem müsste man Religion in Ethik und Religionen umfunktionieren.  

Diese 11 Punkte sind nicht abschließend, es sind mitsamt meinen Ausführungen die dringendsten Probleme, die mir primär aus der Praxis heraus sowie nach der Lektüre zahlreicher Fachbücher zum Thema Klasse/Klassismus/Kapitalismus aufgefallen sind. Zum Klassismus von Bildungssystemen schreibe ich nahezu in jedem Blogbeitrag, weil das so ein eklatantes, zentrales und altes Problem ist, daher bitte auch die anderen Beiträge lesen. Aktuell sparen unsere Regierungen wieder einmal alles zu Tode, anstatt zu investieren. Gerade heute hat die inferiore österreichische Bundesregierung verlautbart, dass man bei den Universitäten einsparen wird, nachdem man schon zwei Lateinstunden und damit auch zwei Stunden einer lebenden Fremdsprache in den Oberstufen umgeschichtet hat zu irgendwas mit KI, wofür es noch nichteinmal Lehrkräfte oder Konzepte gibt (ich unterrichte Latein und bin der Meinung, Latein ist eines der letzten Fächer an den AHS, das Allgemeinbildung, allgemeine Linguistik, Rhetorik, europäische Geschichte usw. lehrt; das Streichen von zwei Stunden lebende Fremdsprache kann man nur als dumm beizeichnen). Man hört in Österreich und Deutschland wieder auf die neoliberal-kapitalistisch-austeritäre Gottheit, bzw. hat man nie aufgehört, dieser menschenfeindlichen Gottheit zu huldigen. Seit 30 Jahren versucht man nun, mit den Mitteln/Ideen der Vergangenheit den Problemen der Jetztzeit und Zukunft zu begegnen; natürlich scheitert man permanent. Die gegenwärtigen und kommenden Sparpakete zerstören sehr vieles und das meiste davon wird man nie wieder aufbauen. Es geht dabei gleichermaßen um Strukturen wie um Menschen und deren Schicksale. Armut ist dabei genauso gewollt wie ein klassistisches (Un)Bildungssystem - diese Fakten sollten allen Menschen bewusst sein. Aktuell ist kein Ausweg in Sicht. 

Freitag, 8. Mai 2026

Nihilistischer patriarchaler Kapitalismus; Analyse der Gegenwart Teil, 3

Wie ich dargestellt habe, ist der heutige Brutalkapitalismus der Feind der Menschheit. Er dient einigen Wenigen, die meinen, sich mit Geld alles kaufen zu müssen oder zu können. Viele stehen auch über den Gesetzen - entweder, weil sie die Gesetzgeber kaufen, oder weil sie sich von Konsequenzen freikaufen, oder weil viele vom Nimbus ihres Reichtums geblendet sind. Das sind zwar keine 5% der Menschheit, aber was diese Personen an Schaden anrichten, das entstammt den schlimmsten Dystopien. Das Problem ist, dass kaum jemand diese Leute stoppt in ihren Obsessionen von 'KI', Marsbesiedelungen, "Remigration", Energieverschwendung oder Klimakatastrophe. Die egozentrischen Überreichen haben ihre Bunker und ihre Exit-Strategien, sie leben nach dem Motto "nach uns die Sintflut". Sie haben jede Solidarität und jeden Bezug zur Menschheit hinter sich gelassen. Leider nicht nur sie, sondern auch ihre Fans und Speichellecker.

Man kann das alles als techno-autokratische Oligarchie bezeichnen, vor allem in den USA (ich schreibe das vor den Midterms). Es ist ein Tribalismus der Kaste der Überreichen und der von diesen gekaufen Politiker*innen, Richter*innen, Medienmacher*innen und Lobbyist*innen. Gemeinsam betreibt diese Kaste auch eine antimoderne Mythologisierung der Geschichte, in ihrem Kampf gegen irgendeine 'Wokeness' verbinden sie alles, das sie auslöschen wollen, das ihnen noch im Weg steht. Sie hassen Migrant*innen, Queere, Frauen, Klimaschutz. Sie hassen aber auch den Sozialstaat, der aktuell von rechtskonservativen, rechtsreaktionären, rechtsextremen, aber leider auch von ehemaligen sozialdemokratischen Parteien geschleift wird. Sie verbindet ein libertärer Hass auf den Staat insgesamt, genauso wie ein primitiv-naiver messianischer Glaube an irgendeinen Fortschritt, den sie in KI und in IT sehen, nach dem Motto "die Technologien werden es schon richten". Da irren sie aber, der Ökozid-Kapitalismus gibt sich erst zufrieden, wenn er sich selbst verschlingt, wenn er die Erde und die Menschheit längst verschlungen hat. Als letztes werden die überreichen Tech-Oligarchen sterben, aber sie werden sterben.

Als Feinde haben sie wie gesagt die meisten Frauen, queeren Menschen, Migrant*innen und Umweltschützer*innen ausgemacht, genauso wie die 'Antifa' und generell alles, das in ihren Augen links ist bzw. alles, das sie als "links" bezeichnen - und das ist heute sogar die katholische Kirche. Auch armutsgefährdete und armutsbetroffene Menschen stören das Bild der heilen fortschrittlichen Welt und gehören in ihren Augen ausgelöscht. Wobei dieser technologische Fortschritt in einem riesen Widerspruch zu ihrem Denken steht: nach außen bzw. technologisch gibt man sich progressiv; aber innen bzw. die Ideologie, die man vertritt, ist in höchstem Maße reaktionär. Die Oligarchen mitsamt ihren Politiker*innen und Lobbyist*innen wollen einen Tech-Faschismus bzw. bestärken den aktuellen Überwachnungs-Kapitalismus, in dem etwa Frauen nicht mehr werden wählen dürfen, in dem es für weiße Frauen keine Abtreibungen mehr gibt (Stichwort Eugenik) und in dem eigentlich alles, das nicht ihrer "Norm" entspricht, sowieso ausgelöscht gehört. Ihren Feinden unterstellen sie bei jeder Widerrede "Cancel Culture". Es ist die Vision der ultimativen Mannosphäre, ohne Gesetze, es gelten nur die Regeln des ultimativen Patriarchats. Wenn die Politik nicht bald tätig wird, dann wird der aktuelle Missstand noch viel schlimmer und im Endeffekt wird der globale Mannosphären-Faschismus genauso kommen. Die ersten Romane und Fachbücher mit solchen Dystopien gibt es jetzt seit fast 60 Jahren. Und der Faschismus selbst wurde schon einmal ausprobiert - es ist bekanntlich nicht so toll gelaufen.

Man fragt sich, weshalb so viele Menschen aus der Vergangenheit nicht lernen können und um jeden Preis jeden Fehler wiederholen möchten. Ist es wirklich allein Geld? Und Macht? Ist der Mensch an sich tatsächlich so einfach gestrickt? Auch heute noch? Das wäre in meinen Augen faktisch Nihilismus (mit Nihilismus meine ich hier die Sinnlosigkeit von Existenzen in endloser destruktiver Profitgier als Zweck an sich). Denn Geld und Macht sind (für mich) keine echten Werte, sondern bloße Besitztümer (keine Eigentümer! - für diese Differenz siehe österreichisches Sachenrecht), ohne Loyalität, ohne Vermächtnis, ohne Seele. Geld und Macht sind leere Hüllen, geborgtes Gut (zB durch Wahlen) oder an der Allmende gestohlenes Gut, die man erst mit wertvollem Inhalt füllen muss. Der Besitz von 40 Hypercars, 10 Häusern und 5 Firmen ist per se ersteinmal ein Nullwert. Ein Mann, der sich mit seinen Yachten brüstet, ist ersteinmal ein inhaltsloses Würstchen. Was einen Menschen zum Menschen macht, ist für mich der Gebrauch von Vernunft und Verstand für positive Veränderungen der Welt (Sapere Aude!). Damit meine ich den Einsatz für Solidarität, Schwache, Arme und Kranke; für Umwelt und Klima; für Menschenrechte und Freude im Leben möglichst vieler Menschen. Ein Lachen ist mehr wert als jeder materielle Besitz. Nihilistischer Kapitalismus ist ein Selbstzweck, er existiert nur für sich selbst - endet dieses System der unendlichen Profitmaximierung, endet auch (Über)Reichtum und damit der Lebensinhalt (sehr) vieler Männer und weniger Frauen. Ich habe nichts als Verachtung und Ironie für Menschen, die mit Besitz angeben, wobei das in Wahrheit die ärmsten Lebewesen von allen sind: innen drinnen öd und leer, ein wüstes Land. Eine Politik, die diesen Personen nicht das Handwerk legt, hat ebenfalls ihre Daseinsberechtigung verloren. Es wäre aber ebenfalls verkehrt, alle Politiker*innen über einen Kamm zu scheren und rechtsextrem zu wählen. Wie gesagt, man kann den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Es gibt allerdings, man möchte es kaum glauben, anständige Parteien und Menschen in den Parlamenten dieser Welt, ich finde diese hauptsächlich in ökologischen Parteien, leider nur mehr selten in vormals sozialdemokratischen.

Zu von allen Werten befreitem Kapitalismus bzw. Profitmaximierung um ihrer selbst willen, gehört auch das Thema Bullshit-Jobs, auf das ich unbedingt eingehen möchte. Denn niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte gab es so etwas in diesen Ausmaßen. David Graeber hat hier das entscheidende Buch geschrieben. Was sind die Gründe für das Entstehen von diesen Bullshit Jobs? 

1. Managerieller Feudalismus - anstatt Personal nach Bedarf einzustellen, korreliert das Prestige von Führungskräften heute oft mit der Anzahl der ihnen unterstellten Mitarbeiter, wie im historischen Feudalismus etwa die Anzahl der Lakeien eines Prinzen.

2. Ideologische Kontrolle - einerseits als Disziplinierungsmaßnahme, da Menschen, die 40-50 Stunden pro Woche arbeiten (bei Frauen kommen noch die ganze Care Arbeit und der ganze Mental Load dazu), eher nicht an Revolutionen oder an die Möglichkeit anderer Wirtschaftssysteme denken; ergänzend dazu gilt Arbeit als moralisch wertvoll oder sogar als moralisch essenziell und wer nicht arbeitet, als "amoralisch" oder "Schmarotzer".

3. Das Paradoxon des Kapitalismus - obwohl der Markt Ineffizienz eigentlich eliminieren sollte, wachsen administrative und managerielle Rollen im modernen Spät- bzw. Überwachungskapitalismus rasant an. Das gilt vielfach etwa im Finanz- und im Versicherungs- oder Immobiliensektor, wo auch die gewonnene Zeit mit neuen, künstlich geschaffenen Aufgaben gefüllt wird, aber nicht nur dort. Die berümt-berüchtigte Zettelwirtschaft hört und hört nicht auf, besonders, wenn es um sozialstaatliche Anträge geht - hier geht es auch darum, durch möglichst viel Bürokratie die Anspruchsberechtigten abzuschrecken, was besonders sadistisch und perfide ist.

4. Und am Wichtigsten - echte systemerhaltende Arbeit (für die während Corona brav geklatscht wurde), wie etwa in Pflege oder Bildung (bzw. im ganzen Sozialbereich, der nie von KI ersetzt werden kann), wird extrem schlecht bezahlt, da dieser Bereich hauptsächlich von Frauen besetzt sind und im Patriarchat werden Frauen sowie "klassische Frauenjobs" prinzipiell schlecht bezahlt. Dafür fließt sehr viel Geld etwa in PR- und Marketing-Abteilungen bzw. unendliche Werbekaskaden.

Die fünf Arten von Bullshit-Jobs sind nun:

1. Lakaien: sie dienen nur dazu, dass sich jemand wichtig fühlen kann - zB Empfangsmitarbeiter*innen in Firmen, die eigentlich keine Besucher haben, oder Assistent*innen, die nur Aufgaben erledigen, die der/die Chef*in eigentlich selbst übernehmen könnte und sollte. 

2. Schläger: sie existieren nur, weil andere Firmen auch diese Jobs vergeben und beinhalten ein aggressives Element - zB Lobbyisten, PR-Spezialisten, Firmenanwälte oder Telemarketing-Mitarbeiter.

3. Flickschuster: sie räumen permanent den Saustall der Vorgesetzten aus und wären ohne Job, würden Firmen über ordentliche Strukturen verfügen - zB IT-Mitarbeiter, die Softwarefehler manuell korrigieren, anstatt das System zu fixen.

4. Kästchenankreuzer: sie erstellen in erster Linie Berichte und Formulare, in erster Linie, aber nicht nur, damit ihr Arbeitgeber etwas behaupten kann, das nicht wahr ist - zB Compliance-Beauftragte (wenn sie nur pro forma existieren, Hallo ORF) oder Ersteller von internen Magazinen, die niemand liest (Hallo Wirtschaftskammer).

5. Aufgabenverteiler: entweder teilen sie Menschen Arbeit zu, die sie auch selbst übernehmen bzw. organisieren könnten, oder sie schaffen neue Bullshit-Aufgaben für andere, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. 

Neoliberale und Kapitalisten behaupten immer, es dürfte im Kapitalismus keine Bullshit-Jobs geben. Ja, das stimmt, bzw. in einem funktionierenden Wirtschaftssystem gäbe es sie auch wirklich nicht - was nur einmal mehr zeigt, was für ein perverses und dysfunktionales System der (Spät)Kapitalismus in neoliberaler Ausprägung ist. Nur in einem nihilistischen System können solche Jobs existieren/bestehen und noch dazu hochbezahlt werden. Man sieht auch, die meisten Inhaber*innen von Bullshit-Jobs sind Männer. Das darf im patriarchalen Sadokapitalismus nicht wundern: Männer (er)schaffen anderen Männern solche hochdotierten Jobs, für die es sehr oft keine Qualifikationen braucht, sondern nur das übliche Männernetzwerk bzw. die üblichen Männerbünde. Das bringt mich wieder zurück zu den Tech-Oligarchen bzw. Tech-Faschisten: ihre Mannosphären sind unter anderem riesengroße Männerbünde, wo sich Männer gegenseitig mit (Bullshit-)Jobs und Einfluss (zB auf Politik) versorgen. Das Ziel ist unter anderem die totalte "Deregulierung", die im Gegensatz zur einfachen und wichtigen Ent-Bürokratisierung dem Faschismus Tür und Tor öffnet (wiewohl der Faschismus immer hochbürokratisiert daherkommt, aber nie für die Herrschenden, nur für die Beherrschten). Dieser Unterschied ist wirklich sehr wichtig und entlarvend! Wer von Deregulierung spricht, will ungezügelten menschenfeindlichen Brutalkapitalismus heutiger Prägung. Wer - wie ich - Entbürokratisierung möchte, etwa bei Ansuchen um Sozialhilfe oder Förderungen für Solaranlagen fürs Dach sowie insgesamt für weniger Zettelwirtschaft, meint es gut mit den Menschen und denkt an sinnvolle Vereinfachungen. Der Traum der Oligarchen und ihrer Herolde ist wie gesagt die totale Deregulierung, was in diesem Fall auch beispielsweise die "Befreiung" von Arbeits- und Sozialrechten, aber im Endeffekt auch von Menschenrechten miteinschließt. Und der Neoliberalismus ist erst zufrieden, wenn der gesamte Staat kaputtgespart ist (Spitäler, Pflegeheime, Bäder, Kuren...), wie es aktuell in Österreich, Deutschland und allen anderen (ehemaligen) Industrienationen versucht wird, in denen der öffentliche Sektor nicht schon kaputt ist (siehe UK). Ein anderes Ziel der ultimativen Mannosphäre ist der totale Ausschluss von Frauen von Führungspositionen, "zurück an den Herd" ist das Motto (siehe Tradwives). Ein nächstes Ziel ist die totalte Kontrolle über den Frauenkörper, über Medien, über Politik usw. In den USA (und andernorts) ist man gar nicht mehr so weit von diesen Zielen entfernt, was im Endeffekt auf einen patriarchalen Faschismus hinausläuft (Thema für einen der nächsten Blogbeiträge, ich möchte es hier nur kurz erwähnt haben).

Besonders enttäuschend und verräterisch ist es, wenn die vormals "sozial"demokratischen Parteien in Österreich und Deutschland nun bei diesen Projekten der unendlichen Deregulierung, der Zerstörung der letzten noch verbliebenen sozialen Sicherheitsnetze, der Schleifung von Klimaschutz, des gleichen Rassismus wie von den Rechtsrechten blindblöd mitmachen. Wenn SPÖ und SPD die Politik der Kickls und Weidels und Trumps und Mileis machen, für was sollte man sie noch wählen? Wo ist der Unterschied zwischen diesen und jenen? Am 1. Mai feiert man sich selbst und beschwört, dass es einen Unterschied mache. Aber dieser findet sich bestenfalls unter einem Mikroskop und wenn das der Anspruch dieser Parteien heute ist, dann wahrlich Gute Nacht. 

Leider ist auch die Solidarität des Mittelstandes bzw. des (Klein)Bürgertums Geschichte, wenn man etwa Zeitungsforen links wie rechts aufmerksam liest (das Kleinbürgertum ist wie immer am meisten gefährdet, in den Rechtsfaschismus abzudriften, gemeinsam mit den Subalternen, beide Gruppen entgegen ihrer eigenen Interessen)). Die Spalter, Lobbyisten und Spin-Doktoren der Kickls, Weidels, Trumps haben ganze Arbeit geleistet. Unter anderem das radikale wie radikal-unvernünftige Schonen von (großen) Vermögen zerstört gerade die gesamte westliche Demokratie. Seit den 1980ern ist nun diese eiskalte Klassenpolitik von oben, dieser sadistische Klassismus gegen unten, zu diagnostizieren. Nur die (nihilistischen) (Super)Reichen haben ein Interesse, dass das unbedarfte Volk die Mär von den nicht mehr existenten Klassen nachplappert, gehirngewaschen mit Unterstützung der meisten Mainstreammedien. Die größte Lüge des Teufels ist es, die Menschen glauben zu lassen, es gäbe ihn nicht. Ich glaube zwar nicht an Teufel und Dämonen, ich glaube aber an die alles zersetzende Macht der (Super)Reichen und wie sie in der petromaskulinen (Post-)Postdemokratie vermeintliche Staatenlenker sowie die leicht manipulierbaren Medien-Inkompetenten jeden Alters nach ihrem Gusto manipulieren bzw. korrumpieren.

Als letzten Punkt möchte ich aus aktuellen Gründen den großartigen Michel Foucault einbringen, genauer sein Werk "Überwachen und Strafen". Aktuell ist es nämlich auch einer der feuchten Träume der Rechten, finanziell arme Menschen wieder weitgehend wegzusperren, wenn sie etwa kleine Strafen nicht bezahlen können. In Deutschland ist das noch schlimmer, dort ist Schwarzfahren eine Straftat. Die sadistische Dimension dieser Perversion kann man nicht hoch genug bewerten. In Österreich will man nun beispielsweise verstärkt bei "Sozialmissbrauch" oder Nicht-Einbringung von Verwaltungsstrafen in Justizvollzugsanstalten einsperren. Das Absurde dabei: ein Tag Haft kostet ca. 170 Euro. Heißt: man sperrt Menschen weg, die dem Staat zB 200 Euro schulden und das kostet dann ein Vielfaches. Die Idee dahinter ist eiskalte sadistische Disziplinierung. Foucault hat wunderbar dargestellt, wie es von Folter- bzw. Leibstrafen zur heute omnipräsenten (teils unsichtbaren) Disziplinierungsstrafe (der "Seele")gekommen ist. Die gegenwärtige Gesellschaft zeichnet sich durch permanente Überwachung aus bzw. sollen alle Menschen permanent das Gefühl haben, überwacht zu werden - quasi sollen wir alle die ständige Möglichkeit von Überwachung verinnerlichen. Das nennt sich 'Panoptismus'. Die diesbezügliche Erziehung bzw. Disziplinierung beginnt in Kindergärten und Schulen und soll auch auf das Leben im nihilistischen Kapitalismus vorbereiten. Denn nichts fürchtet der kapitalistisch-patriarchale Staat mehr als echte mündige Bürger*innen, die gegen das hegemoniale Wirtschaftssystem sowie gegen das hegemoniale rechtsreaktionär-korrupte Politiksystem aufbegehren. Das Kuschen will also früh gelernt sein. Diese Machtausübung fabriziert unterworfene Körper. Durch ständige Disziplinierung (Drill, Zeitpläne, Übungen) werden Menschen zu pseudo-effizienten Rädchen im Getriebe unserer dysfunktionalen gescheiterten Gesellschaft gedrillt, Widerstand und Widerspruch unerwünscht. Und die permanente Überwachung erzeugt gleichzeitig unendliches Wissen über das Individuum (Akten, Statistiken, Psychologie), das wiederum genutzt wird, um das Individuum besser zu kontrollieren und zu normieren (heute auch für gezielte Werbung), es ist eine Endlosschleife. Hier passt auch der Begriff 'Biopolitik', der die Steuerung des gesamten „Gattungskörpers“ der Bevölkerung über Kampagnen, Rentensysteme, Städtebau usw. meint, um die "biologische Lebenskraft" des Staates zu sichern. Es geht hier wie da um Kontrolle, Überwachung und Disziplinierung. Die Ironie ist nun, dass ausgerechnet diejenigen am meisten von ihrer 'Mündigkeit überzeugt sind, die genau diese Konzepte wählen - nämlich die Wähler*innen des rechtsrechten FPÖVP-Einheitsbreies, die noch viel mehr Überwachen, Strafen und Disziplinierung möchten. Auch Armut, was gar nicht oft genug gesagt werden kann, und das Drangsalieren/Quälen von Arbeitslosen, Kranken, Behinderten usw. (also der Subalternen bzw. Marginalisierten) ist Teil der sadokapitalistischen Disziplinierungsmaschinerie, Armut ist politisch gewollt. 

Was hilft dagegen? Bücher lesen sowie schreiben, Blogs schreiben und lesen, bestimmte Podcasts machen und hören sowie Videos machen/schauen - und das alles immer weiter verbreiten! Also Aufklärungsarbeit, dort, wo sie noch sinnvoll ist, etwa in Schulen, Unis und auf social media. Leider sind gar nicht so wenige Leute heute für Demokratie verloren und dort bringt auch keine Aufklärungsarbeit noch irgendetwas. Man muss nicht jedem verlorenen Schaf nachhirschen. Die patriarchal-kapitalistische zukunftsvergessene Hegemonie gehört auf jeden Fall überwunden, (Über)Reiche gehören weitgehend enteignet! Ansonsten sehe ich schwarz für die Zukunft der Menschheit. 

Montag, 27. April 2026

Der Kulturkrieg der Rechten; Analyse der Gegenwart, Teil 2

Ich zitiere hier unter anderen Alain De Benoist, von dem ich kein Buch besitze und nie besitzen werde. In seinen Bücher polemisiert er sehr gegen Egalitarismus, Pluralismus, Migration und Feminismus. Er war einer der Vordenker der so genannten 'Neuen Rechten'.

"Es war das Ziel der Vordenker der Neuen Rechten, das Rechte vom Rechtsextremen und demnach vom Faschismus in der öffentlichen Wahrnehmng zu entkoppeln. Dieses Ziel gilt heute in Österreich und Deutschland und vielen ehemaligen Industriestaaten als erreicht. Die Strategie der rechten Positionen in der öffentlichen Debatte und der Dissoziation rechter Ideen vom Faschismus sind inzwischen Alltag geworden." (leicht abgewandt Johannes Bellermann in seinem großartigen Gramsci-Buch)

Diese Strategie klappt wegen Poppers Toleranzparadoxon bzw. "der inhärenten Logik des liberalen Systems": es liegt in der Natur unseres pluralistischen Systems, gegen den Austausch von "Mentalitäten" nicht ausreichend gewappnet zu sein. Ich zitiere noch einmal Johannes Bellermann: "Die pluralistische politische Ordnung müsse nämlich die freie Konkurrenz von Ideologien zulassen und könne gleichzeitig 'subversive Ideologien' nur schwer zur Verantwortung ziehen, 'ohne selbst tyrannisch zu werden'." Sind wir also zur Toleranz gegenüber der rechtsfaschistoiden Intoleranz verdammt?

Rechtsextreme wie Alain De Benoist wissen, dass "in den Gesellschaften, in denen eine spezifische kulturelle Atmosphäre herrscht, keine Übernahme der politischen Macht möglich ist, ohne einer vorhergehenden Übernahme der kulturellen Macht." Das wurde bereits Mitte der 1980er Jahre geschrieben - es stimmte damals und es stimmt auch heute noch -, als etwa gleichzeitig in Frankreich und in den USA und auch sonst ziemlich überall die Arbeiterschaft von den linken Parteien verraten wurde. Diesen Verrat, der überwiegend in der Linken bis heute andauert, hat Didier Eribon wirklich sehr gut analysiert. Es geht dabei primär um folgende 2 Punkte. 

1. Die Individualisierung des Schicksals, die gleichzeitige Abschaffung des Klassenbegriffs. Auch ich werde wild diffamiert, wenn ich den Begriff der Klasse verwende, denn diesen gäbe es nicht mehr, meinen die Bürgerlichen, die Rechten und die Kapitalisten. In Wahrheit ist der Begriff der Klasse im Kapitalismus natürlich nie überholt, aber umso mehr verhasst bzw. gefürchtet. Klassenkampf hat nicht Mitte der 1980er oder 90er Jahre aufgehört, er darf nur nicht mehr als solcher benannt werden. Natürlich hat die Unterdrückung der Arbeiterschicht nie aufgehört, sie schaut heute nur anders aus als damals. Es ist etwa  die Lüge der Meritokratie, dass jede/r alles werden kann, alles machen kann, genauso wie die Lüge des "Trickle Down"-Effekts. Das sind Erfindungen der Kapitalisten, des Besitzbürgertums, um den Traum des sozialen Aufstiegs weiterleben zu lassen (den es schon noch gibt, aber bei weitem nicht mehr so wie etwa in den Nachkriegsjahren). Problematisch ist auch, wenn die (ehemaligen) Arbeiter*innen die Sprache der Regierenden übernehmen und dabei etwa jede Solidarität mit Armen und Kranken hinter sich lassen. Hierher gehört auch der von den Rechten geschürte Hass auf NGOs wie Zara, Hate Aid oder Greenpeace: spätkapitalistische Individualisierung führt immer auch zu Entsolidarisierung. Je mehr man soziale und Umwelt-NGOs zerstört, desto eher wählen die Leute egoistisch wie sadistisch rechts. Man muss es so klipp und klar sagen: es gibt kein Recht auf Hass, Hetze und Lügen! 

2. Linke Parteien haben sich seit den 1980ern und 90ern dem Neoliberalismus verschrieben (andere früher), es gibt keine ernsthafte Opposition zur patriarchal-kapitalistischen Hegemonie. Austeritäre Politik - die Umverteilung von unten nach oben, von unten an Unternehmen, von arm zu reich, von krank zu gesund - wurde und wird als "notwendig" verkauft und nicht bekämpft. Der Abbau des Sozialstaates wird als alternativlos hingestellt, es gibt dazu viel zu wenig Widerrede (in Österreich möchte ich zB das Momentum Institut bzw. moment hervorheben, die Arbeiterkammer oder den Kontraste-Blog; in Deutschland gibt es etwa ein paar sehr gute Youtube-Kanäle). Siehe dazu Teil 1 dieser Serie.

Damit hat man es den rechten Parteien ermöglicht, Sündenböcke zu (er)finden, auf die man den Frust und den Hass abladen kann. Der Kulturkrieg war geboren, genauso wie von Leuten wie De Benoist herbeigewunschen. Heute dominieren die Rechten die meisten (a)sozialen Medien mit ihrem Krieg gegen Abtreibung bzw. um die Herrschaft über den weiblichen Körper; gegen Transidentität - vor allem gegen trans Frauen, gegen die in den USA und in UK wahre (genozidale) Auslöschungskampagnen gefahren werden - und Homosexualität; gegen Frauen in "Männerpositionen" (zB in Vorständen) oder in "Männerräumen" (zB Gaming) oder gegen erneuerbare Energien und E-Autos, Stichwort Entmannungsfantasien. Ich verweise an dieser Stelle gern erneut auf Teil 1 meiner Analyse (Petromaskulinismus, Postdemokratie usw.). Auch eine Strategie ist das Herbeifantasieren einer 'Cancel Culture' von links, die in Wahrheit in 90% aller Fälle von rechts kommt - etwa, wenn Hunderte Bücher oder wissenschaftliche Forschung zu bestimmten Themen wie Klimaerhitzung oder konkrete Begriffe wie 'trans' in den USA verboten werden. Umstrittene Männer wie Precht (Fernsehgermanist als Pseudophilosoph) oder Liessmann geben diesen Schwurbeleien einen pseudophilosophischen Unterbau, etwa wenn sie sich als Opfer einer solchen 'Cancel Culture' sehen, bloß weil sie heutzutage öffentlich Widerspruch ernten - das sind die gleichen gekränkten Egos wie eh und je, die keine Kritik aushalten, weil sie sich selbst für unendlich klug halten. Hervorheben möchte ich auch ausdrücklich, wie antifeministisch, teils sogar sexistisch und vor allem chauvinistisch dieser Kulturkrieg als allgemeiner gesellschaftlicher Backlash geführt wird. Zuguterletzt ist dieser Krieg nämlich gleichfalls äußerst reaktionär, indem er gegen alles Progressive geführt wird. 

Warum aber muss zuerst die kulturelle Hegemonie gewonnen werden, bevor man die politische Macht auf vollkommene Art übernehmen kann? Es geht erstens um die Herrschaft durch Zustimmung statt durch Zwang - wenn etwa Arbeiter*innen gleich sprechen wie Kapitalisten, dann haben sie die Weltsicht der Herrschenden schon sehr übernommen; zweitens geht es um die Deutungshoheit bzw. Herrschaft über Begriffe und damit über die Denkweise der Menschen (wie dargestellt); drittens geht es um die Herrschaft in den Insititutionen wie Schulen, Vereinen und Polizei (das ist der Staatsapparat) - also was gilt als 'normal' und was nicht, was ist verpönt und was nicht; viertens geht es um die Stabilität von Macht, wenn Alternativen von vornherein als undenkbar und negativ dargestellt werden; zusammgefasst kann man sagen, die Kultur als weiter Begriff ist das Fundamament einer Gesellschaft, die Politik ist der Überbau bzw. die Staatsmacht. Das Herrschen ohne Gewalt funktioniert also dauerhaft nur, wenn man zuerst den Geist und das Denken der Menschen übernommen hat.

Der kulturelle Selbstmord der liberalen Demokratie scheint aktuell unvermeidbar. Zu groß wirkt der Erfolg der Rechtradikalen, deren Talking Points heute plangemäß mitten in der Gesellschaft wiederholt werden (zB ist "Remigration" ein rechtsfaschistoider Begriff, genauso wie "Umvolkung" und "Bevölkerungsaustausch", und alle drei werden relativ unkritisch wiederholt). Ihr Framing und Gaslightning wird von viel zu vielen Medien viel zu oft unhinterfragt und uneingeordnet übernommen, oder es werden beispielsweise menschenverachtende Aussagen von Trump 'sanegewashen', also verharmlost und verklärt - da die Medien entweder Angst vor Shitstorms haben oder selbst Teil der rechten oder bürgerlich-kapitalistischen Hegemonie sind und vom aktuellen System profitieren. Hier kommt ein großes ABER: wir können erstens sehr froh sein über transnationale (Höchst-)Gerichte wie den EUGH oder den EGMR, die immer wieder rettend eingreifen und dafür auch enorm diffamiert werden; zweitens sind die 'Selbsterhaltungskräfte' unserer liberalen Demokratie im Endeffekt wohl stärker als den Rechten lieb ist (siehe Ungarn und kommende Midterms in den USA); drittens ließe sich heute in liberalen Demokratien dauerhaft keine Autokratie ohne enorme Gewalt gegen die Bevölkerung einführen (siehe die Gewalt von ICE in den USA).

Nochmal zur Wiederholung kurz die 4 Punkte, weshalb meiner Meinung und meinen Recherchen nach Menschen rechte Parteien wählen: Sadismus; keine Medienbildung bzw. keine Medienkompetenz; generell Bildungsdefizite; last but not least falsch gelenkte Zerstörungswut. Überzeugungswähler lassen sich in die Punkte 1 und 4 einteilen, das sind dann die leidenschaftlichen Faschisten. Zu ebendiesen Punkten 1 und 4 möchte ich einen 'neidgetriebenen Materialismus' (siehe 'Rückkehr nach Reims') hinzufügen: weil echter Aufstieg ja nicht mehr möglich ist, versucht man sich über Konsum von den untersten wirklich armen Schichten, den Subalternsten bzw. Marginalisiertesten, abzusetzen. Man zeigt dann Stolz den neuesten Audi oder BMW, der eigentlich eh nur geleast ist und der Bank gehört. Deswegen unterstützen rechte Parteien auch immer den Kapitalismus und werden meistens von Großkonzernen unterstützt. Es geht um Ablenkung durch Konsum, um Brot und Spiele, um verlogene 'Statussysmbole'. So kommt es zu einer Pseudo-Verbürgerlichung von Menschen, die mit dem Besitzbürgertum genau gar nichts gemein haben, aber aus einer Distinktion heraus ebenfalls die ÖVP oder gleich die FPÖ wählen. Denn die ÖVP ist nur eine Art bürgerliche FPÖ mit Mascherl, oder eine Art 'Business-Bourgeoisie'. Diese Verbürgerlichung - oder brutaler 'Umerziehung' - findet sich in Städten auch an Gymnasien. Dialekt wird den Kindern ausgetrieben, man redet nur nach der Schrift und fühlt sich gleich klüger und bürgerlicher, intelligenter - so genannte 'zweckfreie' Bildung nur für ihresgleichen, nicht für die Arbeiterkinder; deshalb lassen sich die neoliberal-bürgerlichen NEOS hier auch gegen Latein und andere Sprachen instrumentalisieren: im Kapitalismus muss alles einen so genannten Zweck haben und 'effizient' sein sowie messbar (Geisteswissenschaften nach Punkten zu messen ist sehr obszön). Deswegen wird die ÖVP auch niemals eine Gesamtschule zulassen, man will die eigene Brut nicht mit den Arbeiterkindern vermengen und damit Klassengrenzen verschwinden lassen. Das ist der Kulturkrieg der Konservativen gegen das Proletariat. Um Nizan zu zitieren: "Sie sind die Wachhunde des Bürgertums". Ihr Kulturkrieg ist viel subtiler als jener der Rechtsextremen gegen die liberale Demokratie und dient sozialen Reproduktionsmechanismen: man will unter sich bleiben. Im Endeffekt koaliert man daher in Österreich viel lieber mit den Rechtsextremen als mit der SPÖ.

Die Linke bzw. Grüne gibt sich heute allzuoft geschlagen, bevor der 'Kampf' mit der Rechten überhaupt begonnen hat. Es liegt in der Natur mancher linker Köpfe, lieber diplomatisch zu bleiben, an die Vernunft zu appellieren, den Verstand anzusprechen, anstatt den Kickls und Trumps einen rhetorischen Denkzettel zu verpassen. Das muss enden! Natürlich soll man sich nicht auf das Niveau der Rechtsextremen runterbegeben, aber ich würde mir schon oft mehr Gegenwehr wünschen. Dieser mein Blog hier ist so eine Gegenwehr. Allein das Thematisieren und Öffentlich-Machen von diesen Klassenkämpfen gegen unten, dieser endlosen Umverteilung von unten nach oben im Spätkapitalismus, ist schon etwas wert. Das Thematisieren der Strategien der Rechten in ihrem Kulturkrieg: zB mit den gleichen Worten, mit denen sie in den 1990er Jahren gegen 'Political Correctness' wetterten, wettern sie heute gegen eine herbeifantasierte 'Wokeness' - unter 'Wokeness' subsummieren sie alles, das sie hassen und das sie vernichtet sehen wollen, das sind etwa auch NGOs, die gegen Hatespeech arbeiten oder sich für Frauenrechte einsetzen. Keine Lösung ist es, wenn linke Parteien rechte und kapitalistische Positionen übernehmen - was man dadurch rein hypothetisch an Stimmen von rechts gewinnt, verliert man an weiter links. Wenn etwa manche in der SPÖ so rassistische und zukunftsvergessene Politik machen möchen wie der FPÖVP-Einheitsbrei (in Deutschland läuft es nicht viel anders). Oder wenn die SPD zusammen mit CDUCSU gerade den deutschen Sozialstaat zerstört - wobei es in Österreich spätestens mit dem desaströs-unsozialen frauenfeindlichen klassistischen klimablinden Doppelbudget für 2027 und 2028 haargenau gleich ist: SPD wie SPÖ dürfen sich meiner Meinung nach nicht länger sozial nennen. Ersteres ist mittlerweile sogar über Sozialstudien wissenschaftlich bewiesen - linke Parteien, genauso wie konservativ-reaktionäre, rinnen komplett nach rechts aus, wenn sie selbst rechtsrechte und kapitalistische Politik betreiben (Schmiedl - Schmied). Die Lösung kann einzig sein, sich zu entschuldigen für die falsche Politik der letzten 30-40 Jahre und voll auf eine Art zeitgemäßen (Klassen-)Kampf gegen Überreiche und Rechtsfaschisten zu setzen, vor allem mit klaren Worten, Statistiken und Einordnungen. Auch wir Linke müssen bei den Subalternen bzw. Marginalisierten ansetzen und diese 'zurückgewinnen', bevor wir zur Mittelschicht gehen können. Die Lügen der Rechten und Kapitalisten sitzen sehr tief in allen Schichten und es wird nicht von heute auf morgen gehen, diese auszumerzen - schon gar nicht, da die meisten Medien voll auf Linie mit Konservativen, Rechten und Kapitalisten liegen. Das ist viel Arbeit auf vielen Ebenen und das Wichtigste ist dabei, den Rechten und Kapitalisten die Deutungshoheit über Begriffe wieder wegzunehmen. Die Klimakatastrophe, der Überreichtum der Tech-Faschisten und der Neofaschismus selbst, sind heute die größten Bedrohungen der Menschheit und müssen als solche klar benannt und behandelt werden. 

Als Resümee ergibt sich also, dass die Kapitalisten, Konservativen und Rechten ihren Kulturkrieg sehr gekonnt und erfolgreich führen - ihre Talking Points und Framings sind die "neue Mitte". In den letzten 30-40 Jahren sind ihnen die meisten Ziele gelungen, die Resultate sehen wir jeden Tag im TV, lesen wir jeden Tag in den Zeitungen, sehen wir in den Budgets bzw. Sparpaketen: es ist eine deprimierende Welt geworden. Es liegt jetzt an uns, eine wehrhafte Demokratie zu sein bzw. zu werden und mit den Mitteln des Rechtsstaates dem Faschismus und seinen kapitalistischen Jüngern Einhalt zu gebieten. Es gibt andere ökonomische Visionen als fossile Energie, Atomkraft und Ökozid; es gibt auch klassenlose Gesellschaften ohne patriarchalen Faschismus. 

Noch eine Frage von Eribon und allen anderen Menschen, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen: Wo steht eigentlich, dass die Arbeiterklasse links wählen muss? Und dass Parteien wie SPÖ oder SPD sich nur bemühen müssten, um irgendeine Wählerschaft zurückzugewinnen? Fatalistisch gesprochen scheint dieser Zug endgültig abgefahren. 50% der Arbeiter*innen haben immer schon anders gewählt als links. Man hört oft, die Sozialdemokratie wäre ein Opfer ihres eigenen Erfolgs - darin liegt wohl viel Wahrheit. Aber das ist ein Thema für einen zukünftigen Beitrag. Heute müssen wir Linken alle unsere Kräfte bündeln, um den rechten Kulturkriegern auf jeder Ebene zu begegnen!

Enden möchte ich mit einem Zitat von Gilles Deleuze, der sinngemäß sagte: "Links zu sein heißt, eine Horizonterweiterung zu haben, die Welt als Ganzes zu sehen. Nicht links zu sein hingegen bedeutet, die Wahrnehmung auf das eigene Land, auf die eigene Straße zu verengen."